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"Stolpersteine" polieren und den Opfern Respekt erweisen

Das Juga-Projekt erinnert an deportierte und ermordete Berliner

Von Dorothea Jung

"Stolpersteine" in Berlin erinnern an Opfer des Nazi-Regimes (AP Archiv)
"Stolpersteine" in Berlin erinnern an Opfer des Nazi-Regimes (AP Archiv)

Vor dem Wohnhaus am Berliner Kurfürstendamm 75: Eine kleine Gruppe junger Menschen umringt einen sogenannten Stolperstein. Einige der Jugendlichen knien nieder und putzen den Stein mit Metallpolitur.

Er ist aus Messing und in etwa so groß wie ein normaler Pflasterstein. Nach einer Idee des Konzeptkünstlers Günter Demnig wurde er vor diesem Haus in den Gehweg eingelassen. So wie vor vielen Häusern in Deutschland, in denen Opfer des Nationalsozialismus gewohnt haben, bevor sie deportiert wurden. Als Gravur tragen die Stolpersteine die Namen der Ermordeten und sind damit ein Mahnmal, das an den Holocaust erinnert. Dann greift eine junge Studentin das Mikrofon:

"Hier hat gewohnt Harriet Freifrau von Kampe, geborene Bleichröder. Sie hatte eine 2-Zimmer-Wohnung im dritten Stock mit Balkon und Fahrstuhl. Am 15. August 1942 wurde sie nach Riga deportiert und am 18. August 1942 ermordet."

Barbara ist evangelische Christin. Sie hat sich gemeinsam mit jungen Juden, Muslimen und Bahais auf diese Aktion vorbereitet. Die Jugendlichen engagieren sich in einem Projekt, das sich "Juga" – jung, gläubig, aktiv – nennt. Diese von der Berliner Senatsverwaltung für Inneres geförderte Initiative will das Engagement der Jugendlichen für ein tolerantes Miteinander zwischen den Religionen unterstützen. Daniel Hanukov, ein 16-jähriger Schüler des Jüdischen Gymnasiums in Berlin, bekennt, dass die Gruppensitzungen bei "Juga" seinen Horizont erweitert hätten. "Ich hatte wenig Ahnung von Bahai und auch kaum vom Islam", gesteht er:

"Ich hab sehr vieles dazugelernt, sehr viele neue Freunde kennengelernt und sehr viele neue Einsichten für mein Leben gewonnen. Und ganz besonders an diesem Projekt hat mich interessiert, dass mich diese Geschichte der jüdischen Opfer auch betrifft, weil ich selber möchte ihnen dadurch den Respekt erweisen, dass ich hier anwesend bin und ihnen eine Identität wiedergebe, indem ich die Stolpersteine hier putze."

Die Jugendlichen erfuhren gestern viel Anerkennung für ihre Stolperstein-Aktion. Stephan Kramer, der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, lobte sie nicht nur dafür, dass sie an die im "Dritten Reich" ermordeten Menschen erinnern. Er sprach ihnen auch ganz allgemein seine Anerkennung aus:

"Die Tatsache, dass hier heute junge Juden und junge Muslime und junge Christen gemeinsam stehen, zeigt einmal mehr, dass es ein Vorurteil ist, dass wir nicht miteinander reden können, dass wir uns nicht um unsere Gesellschaft kümmern können. Und ich glaube, dass hier heute ist ein sehr schöner Beweis und ich möchte den Jugendlichen, die hier sind, ganz ganz doll danke sagen für dieses Zeichen, was sie heute hier setzen."

Die Erinnerung an die Geschichte sei ein Auftrag an die Gegenwart, sagte Markus Dröge, der Bischof der evangelischen Kirche Berlin Brandenburg. Das heißt für ihn:

"Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass es möglich ist, rechtsextreme Strukturen in unserem Land unbemerkt aufzubauen und dass diese nicht mit der nötigen Konsequenz aufgedeckt werden."

Das Juga-Projekt gebe ihm Hoffnung für eine friedliche Zukunft, versicherte der christliche Geistliche. Auch die Muslimin Betül Ulusoy sieht in dem Projekt einen hoffnungsvollen Ansatz für den Dialog zwischen unterschiedlichen Religionen und Kulturen in Berlin. Spaß macht das Projekt aber auch, sagt die 23-jährige Jurastudentin, zupft an ihrem Kopftuch und strahlt:

"Mich hat ganz speziell motiviert, dass wir eine interreligiöse Gruppe sind, dass ich Leute kennenlernen darf, die man normalerweise im Alltag nicht so sehr trifft, von denen man aber ganz oft in den Medien hört und es ist einfach schön, mit diesen Leuten eine Aktion zu starten und vielleicht auch Vorurteile abzubauen."

Kurz bevor Betül Ulusay sich ihrer Gruppe anschließt, um Stolpersteine zu putzen, mischt sich ein älterer Straßenmusikant unter die Jugendlichen. Der Akkordeonspieler ist ein Roma aus Rumänien. 1943, am 27. des jüdischen Monats Nissan, wäre er genau wie die Juden, an die heute erinnert wurde, von den Nationalsozialisten deportiert und – vermutlich – ermordet worden.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:50 Uhr

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