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Stolz auf die Titanic

Neues Museum soll Besucher nach Belfast locken

Von Jochen Spengler

Ein Schiff fährt vor der Baustelle des neuen Museums "Titanic Belfast" in Belfast vorbei.
Ein Schiff fährt vor der Baustelle des neuen Museums "Titanic Belfast" in Belfast vorbei. (Tourism Ireland)

Vor 100 Jahren ging die Titanic unter. Nur 713 Menschen überlebten, 1512 ertranken vor Neufundland nach der Kollision mit einem Eisberg. Erst jetzt beginnt Belfast, Geburtsort der Titanic, das Wrack und seine Geschichte für den Tourismus zu nutzen. "Titanic Belfast" heißt ein neues, interaktives Museum.

Jahrelang wollte Belfast vergessen, dass der angeblich unsinkbare Ozeanriese, hier gebaut wurde. Mehr als 1500 Menschen ertranken. Belfast schämte sich und fühlte sich schuldig, erzählt Graham Walton. Vor 20 Jahren war der große Mann mit der Schiebermütze Polizist, als Nordirland noch Tausende benötigte, weil es hier gefährlich war - der Unruhen zwischen Unionisten und Republikanern wegen.

Heute arbeitet er als Fremdenführer im Transportmuseum, das Fundstücke aus dem Wrack der Titanic zeigt. Heute herrscht Frieden in Belfast, und nicht nur das hat sich verändert, sagt Graham:

"Wir sind heute stolz, dass wir die Titanic gebaut haben. Damals war die Werft Harland & Wolff so etwas wie die NASA in Amerika. Wir waren die führenden, innovativsten Schiffsbauer der Welt."

Das bestätigt auch Ed Boyd, im Kilometer entfernten sanierten Hafenviertel - dem Titanic Quarter. Dort erklärt er die technischen Meisterwerke von damals. Das gigantische Trockendock etwa, in dem die Titanic ihren letzten Schliff erhielt. Es verfüge über ein Fassungsvermögen von 85 Millionen Litern Wasser - "or in irish terms 185 Millions pints of Guinness" - eine gewaltige Wassermenge, die von drei Turbinen im Pumpenhaus in nur 100 Minuten weg geschafft wurde. Auf solche Ingenieurskunst ist man heute wieder stolz und das wiederbelebte nordirische Selbstbewusstsein kumuliert in einem sarkastischen Spruch:

"Die Titanic war in Ordnung als sie Belfast verließ. So etwas geschieht eben, wenn Du Dein Schiff einem englischen Kapitän, einem schottischen Navigator und einem kanadischen Eisberg überlässt."

Heute besinnt sich Belfast auf das, was es Titanic-Begeisterten in aller Welt zu bieten hat. Die Docks, die Zeichenräume, die Helling, von der aus die Titanic vom Stapel lief - alles echt und authentisch, kein Kulisse, kein Kitsch, wie in dem Kassenschlager mit Kate Winslet und Leonardo di Caprio.

"Erinnern Sie sich an die Filmsszene? Wie sie beide da oben auf der Schiffsspitze standen - my heart will go on - das war Film. Wenn irgendjemand dies wirklich gemacht hätte auf einem Nordatlantik-Trip, in der Nacht, bei eisigem Wind und Minustemperaturen, so da zu stehen, dann stünde er noch heute da - festgefroren."

Doch ohne den Film hätte es den weltweiten Titanic-Hype vermutlich nicht gegeben. Spät, aber - so hofft man - nicht zu spät, will sich Belfast nun auch etwas vom Kuchen abschneiden.

"Erst nach der Entdeckung des Wracks 1985 und dem Cameron Film 1997 haben wir realisiert, dass zwar der Untergang ein Desaster war, aber die Titanic selbst und der Bau dieses Schiffs nicht, sondern ein Beispiel außergewöhnlicher Handwerkskunst und ein Produkt des Stolzes 1912 in Belfast , den wir nun hier in diesem Gebäude wiedererwecken."

Sagt Tim Husbands, der Generaldirektor von "Titanic Belfast", einem hervorstechenden Neubau direkt an der historischen Helling. Die Attraktion soll Hunderttausende anziehen und jährlich für elf Millionen Euro Einnahmen sorgen. Dramatisch die Architektur: Aus einem Glaswürfel wachsen in alle Himmelsrichtungen vier Titanic-hohe Schiffsbugs, deren schimmernde Aluminiumoberfläche aus tausenden Prismen und Pyramiden besteht - fast wie große Eissplitter.

"Die Einheimischen hier sagen, es sieht ein bisschen aus wie ein Eisberg."

Freut sich Paul Crowe, der Architekt des 120 Millionen-Objekts. Ein Eisberg sei allerdings das Allerletzte gewesen, an das er beim Entwurf gedacht hätte.

Beworben wird das Gebäude als "The Word's Largest Titanic Visitor Attraction" und Claire Bradshaw, die Marketingchefin, hat das Werbe-Vokabular schon verinnerlicht:

"Wir sind nicht eine weitere Stadt mit einer Titanic-Ausstellung. Wir sind die Stadt der Titanic. Die Geschichte beginnt hier. Titanic Belfast ist kein Museum, es ist ein interaktives Erlebnis. Sie werden unterschiedliche Gefühle haben, wenn sie es durchstreifen. Sie werden riechen, spüren, hören und es geht darum, in die Geschichte einzutauchen. "

Mit einer Rolltreppe fährt man zunächst bis unters Dach, von wo aus man zu allen Seiten einen Blick auf Belfast, die Docks und den Hafen hat. Dann führt der Weg durch neun Galerien nach unten. Man erlebt Belfast vor 100 Jahren, passiert große Leinwände auf denen Originalfilme flimmern. Aus schwindelerregender Höhe schaut man vom Krangerüst herunter auf Schiffswand der Titanic, mit einer Gondel schwebt man durch die Werft, riecht den glühenden Stahl und kann nachvollziehen, wieso das Einhämmern der Millionen Nieten die Arbeiter taub machte. Man wird Zeuge des einminütigen Stapellaufs, bestaunt die Kabinen der ersten, zweiten und dritten Klasse. Dann fällt die Temperatur merklich, man lauscht dem SOS-Signal vor demUntergang und den Berichten überlebender Augenzeugen. Videotechnik und Computersimulation bringen das Wrack in 3000 Metern Meerestiefe zum Vorschein.

"Dieses Gebäude ist das Symbol, die Ikone, die wir weltweit vermarkten wollen."

Susan McCullough ist Direktorin der Nordirischen Fremdenverkehrsbehörde, die die Zahl der Touristen bis 2020 auf eine Million jährlich verdoppeln will.

"Es ist für uns wirklich der wichtigste Teil der Wende, die wir 2012 schaffen wollen, indem wir Nordirland auf die Weltbühne bringen und zeigen, wer wir sind. Ein fabelhaftes Land, mit freundlichen Menschen, wo man eine tolle Zeit verbringen kann."

Mary Fanning glaubt allerdings, dass Nordirland noch einiges lernen muss. Ja, "Titanic Belfast" ist großartig, die Stadt sicher. Man kann sich inzwischen sogar von Ex-Gefangenen beider Seiten gefahrlos durch katholische und protestantische Stadtteile führen lassen, sagt die erfahrene Fernsehjournalist aus Dublin, der Republik Irland.

"Der Wandel ist wirklich riesig und durch Belfast zu spazieren ist ein Vergnügen. Nur in den Hotels - da finden Sie noch nicht die Freundlichkeit wie in der Republik Irland. Das ist noch zu automatisiert. Da müssen sie noch etwas dran arbeiten. "



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:49 Uhr

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