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Strategien gegen die Überalterung

Kabinett beschließt Strategien zur Abfederung des demografischen Wandels

Unsere Gesellschaft wird immer älter: Kanzlerin Merkel lädt zum Demografiegipfel (dpa / Hannibal Hanschke)
Unsere Gesellschaft wird immer älter: Kanzlerin Merkel lädt zum Demografiegipfel (dpa / Hannibal Hanschke)

Seit Jahren weisen Altersforscher auf die Gefahr einer Überalterung unserer Gesellschaft hin. Heute nun beschloss das Kabinett dazu eine Strategie: Unter der Überschrift "Jedes Alter zählt" werden bekannte Vorhaben verschiedener Ministerien zusammengefasst.

Mehr Förderung für Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern, mehr Fachkräfte aus dem Ausland, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das sind die Kernpunkte der Regierungsstrategie zur Abfederung des demografischen Wandels. Unter der Überschrift "Jedes Alter zählt" werden bekannte Vorhaben verschiedener Ministerien zusammengefasst.

Die Vergreisung unserer Gesellschaft mit immer mehr Senioren und immer weniger Kindern steht für Bundeskanzlerin Merkel oben auf der Agenda. Das Thema verdiene "allerhöchste Aufmerksamkeit", sagte sie gestern beim Demografiegipfel im Kanzleramt den geladenen Vertretern von Ländern, Kommunen, Wirtschaft und Wissenschaft. "Wenn wir heute nicht anfangen, werden wir es immer schwerer haben, auf die Veränderungen zu reagieren." Die Folgen würden in ihrer "historischen Dimension" oft unterschätzt, weil sich die Veränderung allmählich vollziehe.

Die ehemalige Ministerin für Jugend, Familie und Gesundheit, Ursula Lehr, hält den Mangel an Pflegekräften für ein Problem, das von nun an noch stärker in den Vordergrund treten wird. Zudem müsse die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gefördert werden, sagte die Gerontologin im Deutschlandfunk.

Auch Rente ist ein Thema

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) forderte einen Kurswechsel bei der Rente. "Zu einer nachhaltigen Demografiestrategie gehört, dass sich auch die Jüngeren auf eine anständige Alterssicherung verlassen können", sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach der Deutschen Presse-Agentur. Die Bundesregierung müsse aufhören, den Rentenbeitragssatz weiter zu senken und die Rücklagen der gesetzlichen Rentenversicherung "auf Kosten der jüngeren Generationen zu verfrühstücken", mahnte die Gewerkschafterin. Der DGB fordere, dass die Überschüsse der Rentenversicherung zu einer Demografiereserve aufgebaut werden, um das Rentenniveau zu halten, sagte Buntenbach.

Merkel mahnt Zusammenhalt an

Deutschland müsse seine Dynamik und Innovationskraft bewahren, forderte die Kanzlerin. Sie verband damit eine Kraftanstrengung aller Ministerien. Alte und junge Menschen, Familien und Alleinstehende, Gesunde und Kranke, Einheimische und Zugewanderte - "überall müssen wir schauen, dass die Gesellschaft nicht auseinanderdriftet, sondern dass wir den Zusammenhalt pflegen", sagte Merkel. "Wir brauchen die Erfahrung von allen."

Die Familie sei der "natürliche Ausgangspunkt" für eine Demografiestrategie, sagte Merkel. Deutschland befinde sich bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf "nicht an der Spitze des Fortschritts". "Neben dem Betreuungsgeld werden wir bis August 2013 den Anspruch nach Kitaplätzen bedarfsgerecht erfüllen". So solle die Zeitsouveränität von jungen Müttern und Vätern entzerrt werden, damit sie die "Rush-Hour" des Lebens entspannter gestalten können.

Rasche Zunahme der Senioren

Bevölkerungsentwicklung und AltersstrukturDie Altersstruktur der Deutschen wird sich laut jüngstem Demografiebericht bis 2030 stark verändern. Demnach gibt es derzeit 49,8 Millionen Erwerbsfähige. Bis zum Jahr 2030 soll deren Zahl voraussichtlich um 6,3 Millionen sinken. Mehr als jeder dritte Deutsche soll dann älter als 60 Jahre sein. Die Zahl der über 80-Jährigen soll sich verdoppeln. Altersforscher erwarten, dass in Deutschland bis 2050 so viele Senioren leben wie sonst in keinem anderen europäischen Land.

Als Gründe für den Demografiewandel werden unter anderem die niedrige Geburtenrate und das Ausscheiden der "Babyboomer"-Generation aus dem Berufsleben genannt. Dies werde weitere Folgen für die Sozialsysteme und Beschäftigten haben.

Künftig würden deutlich mehr barrierefreie Wohnungen und Häuser gebraucht, sagte Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) der Zeitung "Die Welt". "Dazu gehört, dass Ärzte, Krankenhäuser, Schulen und Kindertagesstätten auch gut zu erreichen sind - egal ob mit Bus, Bahn, Fahrrad oder zu Fuß."

Forscherin: "Aversion gegen Alter"

Kinder und Senioren (AP)Alltag in Deutschland: Immer weniger Kinder, aber immer mehr Senioren (AP)Eine bessere Verteilung der Lebensarbeitszeit sei die wichtigste Aufgabe, um den anstehenden Demografiewandel in Deutschland zu bewältigen, sagte Gertrud Backes vom Lehrstuhl Altern und Gesellschaft der Universität Vechta im Deutschlandradio Kultur.

Es gehe um die Frage, "wieviel Zeit sollen jüngere Menschen und alte Menschen sozialversicherungspflichtig arbeiten" und "wie verteilen wir die Arbeit zwischen den Generationen und den Beitrag zur gesamtgesellschaftlichen Produktivität". Backes sprach von einer regelrechten "Aversion gegen Alter" im Erwerbsleben.

Bundesbank setzt auf Migranten

Mitglieder der türkischen Gemeinde demonstrieren für mehr Rechte vor dem Bundesinnenministerium in Berlin (AP Archiv)Bundesbank: Einwanderer besser im Arbeitsmarkt integrieren (AP Archiv)Nach Ansicht der Bundesbank wird Deutschland aber nicht in eine Demografiefalle tappen. In ihrem jüngsten Monatsbericht verweisen die Währungshüter auf bereits geleistete Strukturänderungen wie den Ausbau von Kinderbetreuungsmöglichkeiten und den Abbau staatlicher Anreize für einen frühzeitigen Ausstieg aus dem Berufsleben. "Diese Weichenstellungen entfalten nach und nach ihre Wirkung."

Im Kampf gegen Alterung und Bevölkerungsschwund empfehlen die Ökonomen, das Potential der Einwanderer besser zu nutzen. Die vorhandenen Arbeitskräfte müssten besser in das Berufsleben eingespannt werden. Künftig soll es jährlich einen Demografiegipfel geben.


Weitere Informationen:
Merkels Videobotschaft: Deutschland auf Bevölkerungsentwicklung vorbereiten

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:51 Uhr

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