Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Streit im Vorfeld der Islamkonferenz

Muslime sehen in dem Treffen keinen Sinn mehr

Die Deutsche Islamkonferenz im Umspannwerk im Berliner Bezirk Kreuzberg, April 2012.  (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
Die Deutsche Islamkonferenz im Umspannwerk im Berliner Bezirk Kreuzberg, April 2012. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Zum letzten Mal in dieser Wahlperiode tagt heute die Islamkonferenz. Im Vorfeld wurde bereits viel Unmut geäußert. Islamische Verbände kritisierten die Fokussierung auf das Thema Sicherheit und Extremismus und die Auswahl der Teilnehmer. Aber auch grundsätzlich rückten mehrere Vertreter der Muslime von dem Treffen ab.

"Die Deutsche Islam Konferenz ist in diesem Rahmen ungeeignet", sagte Erol Pürlü, der Dialogbeauftragte des Verbandes Islamischer Kulturzentren (VIKZ), der "Süddeutschen Zeitung". Dennoch werde sein Verband an der Konferenz teilnehmen.

Verständnis für die Kritik der Muslime an der Islamkonferenz äußerte Bilkay Öney, Integrationsministerin von Baden-Württemberg im Deutschlandfunk. Bei dem Treffen sei es bislang zu sehr um Sicherheitsaspekte gegangen, so die SPD-Politikerin. Es hätte mehr über das Zusammenleben und die Probleme von Muslimen in Deutschland gesprochen werden müssen. Sie baue allerdings darauf, dass der Dialog weitergehe.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), Aiman Mazyek, meinte: "Die Islamkonferenz braucht dringend eine Generalüberholung". Kritik kommt auch vonseiten liberaler Muslime. Die Islam Konferenz gebe zwar wichtige gesellschaftspolitische Impulse, habe aber keine wirkliche Entscheidungskraft, twitterte die Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bunds (LiB), Lamya Kaddor. Beide Organisationen sind nicht beziehungsweise nicht mehr im Plenum der Islam Konferenz vertreten. Seitens der weltlich orientierten Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD) hieß es, in dieser Form habe die Islam Konferenz keinen Sinn mehr.

Bundesinnenminister Friedrich weist Kritik zurück

Innenminister Hans-Peter Friedrich verteidgt das neue Terrorabwehrzentrum gegen Kritik. (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)Das Bundesinnenministerium, das der Islamkonferenz vorsitzt, teilte in einer Stellungnahme mit: Das Thema Sicherheit und Terrorismus habe die Deutsche Islam Konferenz in den vergangenen drei Jahren nicht dominiert. Das Haus von Minister Hans-Peter Friedrich von der CDU verwies auf Diskussionen über die mögliche Kooperation von Staat und Muslimen sowie auf Debatten über Geschlechtergerechtigkeit. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums geht es dieses Mal aber vor allem um die Frage, wie dem Extremismus bei Jugendlichen vorgebeugt werden kann. Neben Islamismus gehe es dabei auch um Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. So soll beispielsweise ein Buch vorgestellt werden, dass eine wissenschaftliche Fachtagung zum Thema Islamfeindlichkeit Ende vergangenen Jahres in Berlin dokumentiert.

Ein Streitpunkt ist die Zusammensetzung der Konferenz

Ein wiederkehrender Kritikpunkt ist die Zusammensetzung der Konferenz. Das Innenministerium hatte als Gastgeber stets Wert darauf gelegt, nicht nur Interessenverbände zu Wort kommen zu lassen - in denen nur eine Minderheit der Muslime organisiert ist -, sondern auch Einzelpersönlichkeiten. Die Verbände pochen hingegen auf einen weitgehenden Alleinvertretungsanspruch. Ihnen sind vor allem Vertreter säkularer Strömungen unter den insgesamt zehn Einzelpersonen ein Ärgernis. So betonte Erol Pürlü: "Die Konferenz ist nur sinnvoll als Dialog mit islamischen Religionsgemeinschaften - und nur mit diesen." Aber auch eine Zusammenarbeit mit Liberalen streben die großen Verbände nicht an.

Das Plenum tagt unter der Leitung von Hans-Peter Friedrich. In der Islamkonferenz sitzen jeweils sechs Vertreter aus Bund und Ländern, Verantwortliche aus den Kommunen sowie Vertreter Verbandsvertreter und Einzelpersonen. Vor zwei Jahren schieden zwei große Islamverbände aus der Konferenz aus: Der Zentralrat der Muslime trat aus, weil er Fortschritte bei der Anerkennung als Religionsgemeinschaft vermisste, der Islamrat wurde ausgeschlossen, weil gegen dessen Mitgliedsverband Milli Görüs ermittelt wurde.

Die Deutsche Islam Konferenz war erstmals 2006 vom damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) einberufen worden, um den Dialog zwischen den Muslimen und dem Staat zu institutionalisieren.

Mehr zum Thema auf dradio.de

Die Rechte muslimischer Frauen sollen gestärkt werden- Islamkonferenz berät über Geschlechtergerechtigkeit - und die Salafisten
Kommentar: Ein Teil Deutschlands- Die Islamkonferenz und ihre Zukunft
Die Salafisten "dürfen die Islamkonferenz nicht dominieren"- Migrationspolitiker der Grünen über Ergebnisse des Dialogs in Berlin
Aufgeklärt, demokratisch, liberal- Die Islamkonferenz und die anderen Muslime in Deutschland
Ärger über Islamkonferenz "auch irgendwie verständlich" - SPD-Politikerin fordert mehr Fokus auf Probleme der Muslime

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:10 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 19:10 Uhr Sport am Sonntag

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 18:30 Uhr Hörspiel

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 19:00 Uhr Ab 21

Aus unseren drei Programmen

Mexikos gescheiterter DrogenkriegZigtausende "Verschwundene"

Yesenia Carrera mit Foto ihres verschwundenen Sohnes. Seit fast drei Jahren lebt die 48-Jährige in quälender Ungewissheit. (Foto: Victoria Eglau - Deutschlandradio)

Über 10.000 Menschen sterben und verschwinden jedes Jahr als Folge des Drogenhandels in Mexiko - oft arbeiten Banden und Polizei Hand in Hand. Verzweifelte Angehörige werden von den Behörden vertröstet. Ein neues Gesetz soll nun helfen, das wirklich effizient nach Verschwundenen gesucht wird.

Jonathan Meese über "Bavid Dowie"-Ausstellung"Wir sind alle Yetis!"

Jonathan Meese, Daniel Richter und Tal R (Foto: Hanna Putz)

"Bavid Dowie" heißt die Ausstellung der drei Künstler Jonathan Meese, Daniel Richter und Tal R, die in Stade zu sehen ist. Ganz klar in Anspielung an David Bowie, doch der wird dort kaum auftauchen, sagt Meese. Vielmehr habe der Titel eine eigene Botschaft.

Aufschrei gegen KindesmissbrauchTürkisch, Teenager und schwanger

Eine türkische Flagge schwebt am 20.05.2017 beim Drachen-Festival in Istanbul (Can Merey/dpa)

Laut Oppositionspartei CHP soll der sexuelle Missbrauch an Kindern in der Türkei um 700 Prozent in den vergangenen zehn Jahren zugenommen haben. Ohne mutige Zeuginnen wie Icla Nergiz würden die meisten Fälle nicht bekannt. Sie hat Alarm geschlagen, nachdem allein in einem Krankenhaus innerhalb von fünf Monaten 115 minderjährige Mädchen entbunden hatten.

Historiker Tom Segev"Es ist nicht leicht, in Jerusalem zu leben"

Tom Segev, israelischer Historiker und Journalist (Dan Porges)

In Israel beginnt die Geschichtsschreibung erst 1980, meint Tom Segev. Zuvor habe es Ideologie, Mythologie und furchtbar viel Indoktrination gegeben. Der Historiker spricht auch darüber, warum er erwägt, seine Geburtsstadt Jerusalem zu verlassen.

US-Botschafter Grenell "Wer mit dem Iran Handel treibt, unterstützt Terrorismus"

US-Botschafter Richard Grenell bei einem Besuch in Hamburg (imago / Chris Emil Janßen)

Deutsche und Amerikaner hätten sehr viel mehr Gemeinsamkeiten, als man zugebe, sagte US-Botschafter Richard Grenell im Dlf mit Blick auf die jüngsten Spannungen. Sie stünden eigentlich immer auf der gleichen Seite. Das gelte auch für das Iran-Abkommen. Nicht einig sei man sich bei der Wahl der Mittel.

Rassismus-Ausstellung in Dresden"Selbst Rassisten sprechen heute nicht mehr von Rasse"

(Foto: Jan-Peter Kasper/FSU)

Rassismus verstecke sich heute hinter Begriffen wie Kultur, Ethnie oder Religion, meint die Dresdener Kulturwissenschaftlerin Susanne Illmer. Den Begriff "Rasse" würden selbst Rassisten nicht mehr benutzen. Das sei problematisch.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

BAMF-Affäre  Früh gewusst, spät gehandelt | mehr

Kulturnachrichten

Mehr Schutz und Transparenz im Umgang mit Daten  | mehr

 

| mehr