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Streit um Bologna

Schavan weist Kritik an Hochschulreform zurück

2009: Studenten protestieren gegen die Hochschulreform. (AP)
2009: Studenten protestieren gegen die Hochschulreform. (AP)

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) ist der Meinung, dass die Hochschulreform in Deutschland auf einem guten Weg ist. Auf der zweiten nationalen "Bologna-Konferenz" in Berlin kündigte sie außerdem an, berufsbegleitendes Studieren künftig besser zu fördern.

Wie Schavan sagte, sollen berufsbegleitende Master-Studiengänge weiter vorangetrieben werden. So wolle der Bund in den kommenden Jahren 250 Millionen Euro für einen Wettbewerb zur Verfügung stellen, mit dem Konzepte für solche Studienangebote entwickelt werden sollen. Vertreter der Wirtschaft hatten auf der Konferenz in Berlin mehr berufsbegleitende Master-Studiengänge gefordert.


Nationale Konferenz als Antwort auf Studentenproteste

Nachdem Studierende und "Bologna"-Kritiker 2009 Sturm gegen die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge gelaufen waren und gegen Stofffülle und Verschulung protestiert hatten, leiteten die Kultusminister der Bundesländer im vergangenen Jahr Kurskorrekturen ein.

Auf der Konferenz am Freitag in Berlin, die künftig einmal im Jahr stattfinden soll, wurde eine erste Bilanz der Hochschulreform gezogen. Neben Vertretern der Hochschulen und der Bundesländer haben auch Vertreter der Studentenschaft an der Konferenz teilgenommen.

Aus Sicht der Bundesbildungsministerin ist die Weiterentwicklung der neuen Hochschulstrukturen auf einem guten Weg. Der "Bologna-Prozess" biete den Universitäten und den Studierenden große Chancen. Dagegen kritisierten Studentenvertreter und Opposition die Fortschritte bei der Reform als mangelhaft. So sagte der Vorstand des Studierendenverbands "fzs", Florian Pranghe, es sei nicht gewollt, "dass alle den Master machen". Sein Verband gehe davon aus, dass künftig noch mehr Zulassungsbeschränkungen eingeführt würden. Bündnis90/Die Grünen und Die Linke bezeichneten die nationale Bologna-Konferenz als "Schavan-Show".


Schavan verteidigt Bachelor- und Masterstudiengänge

Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung (CDU) (Deutschlandradio - Bettina Straub)Annette Schavan (CDU), Bundesministerin für Bildung und Forschung (Deutschlandradio - Bettina Straub)Die Bundesbildungsministerin wies die Kritik, dass viele Bachelor-Absolventen keinen Master-Studienplatz fänden, zurück. "Es gibt genügend Master-Studienplätze, nur 20 Prozent der Master-Studienplätze sind mit einem Numerus Clausus belegt. Überall sonst gibt es freien Zugang", sagte Schavan im Deutschlandfunk. Die Studierenden müssten aber flexibler werden, was den Hochschulstandort betreffe und sich nicht nur auf eine Stadt fixieren.

Auch die inhaltliche Kritik am Bachelor-Studium wies Schavan zurück: "Der Bachelor ist keine zweitklassige Ausbildung". Auch die zahlreichen Klausuren hätten ihren Sinn. "Mit den neuen Studiengängen ist verbunden, dass nicht alles am Ende geprüft wird, sondern dass sich die Frage der Prüfungen über die gesamte Studienzeit hin stellt. Das ist, wenn es klug gemacht wird, ein Vorzug für die Studierenden." Es sei nicht sinnvoll, viele Semester zu studieren und am Ende in einer Woche alle Prüfungen zu absolvieren, die relevant seien.

Auch Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) zieht anlässlich der zweiten nationalen Bolognakonferenz eine positive Bilanz der Hochschulreform. Die Zufriedenheit der Studierenden sei heute größer als früher in den klassischen Studiengängen, sagte Zöllner im Deutschlandradio Kultur.

Jochen Krauz, Kunstpädagoge an der Alanus-Hochschule, bezweifelt diese Einschätzung. Die stark verschulten Bachelor- und Masterstudiengänge behinderten das selbstständige Denken. "Der ganze Bologna-Prozess ist in seiner Folge eigentlich von Anfang an eine Propagandakampagne gewesen, die auf einer Basislüge aufbaut, nämlich der angeblichen Behauptung, wir seien nach der Bologna-Erklärung verpflichtet gewesen, diese Studiengänge einzuführen. Das war von Anfang an völkerrechtlich falsch und ist von Anfang an eigentlich mit einer großen Kampagne durchgesetzt worden", sagte der Reformgegner am Freitag im Deutschlandfunk.

Wie der Präsident der Kultusministerkonferenz, Bernd Althusmann (CDU), sagte, gebe es zwölf Jahre nach dem Start der Reformen "Licht und Schatten", wobei er mehr positive als negative Wirkungen sehe. Ziel sei es gewesen, die Studienzeiten zu verkürzen, weniger Studienabbrecher zu produzieren und mehr Menschen ein Studium zu ermöglichen.


Der "Bologna-Prozess" und seine Umsetzung in Deutschland

Die europaweite Neuordnung der Hochschulsysteme war 1999 auf einer Konferenz in der italienischen Hochschulstadt Bologna angestoßen worden. Damals vereinbarten die Bildungsminister von insgesamt 30 Staaten, ihre Hochschulbildung auf die international anerkannten Bachelor- und Masterabschlüsse umzustellen und einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum zu schaffen.

In Deutschland wurden im Rahmen des "Bologna-Prozesses" die Studienzeiten verkürzt und den Hochschulen das Recht eingeräumt, sich ihre Studierenden für die weiterführenden Masterstudiengänge nach eigenen Kriterien auszusuchen. Diplom- und Magisterabschlüsse wurden bis auf wenige Ausnahmen abgeschafft. Diese Änderungen waren die größte Studienreform, die es in Deutschland seit dem Krieg gegeben hatte.

Laut Hochschulrektorenkonferenz (HRK) gibt es derzeit in Deutschland 6000 Bachelor-Studiengänge, die in der Regel nach sechs Semestern zu einem ersten berufsqualifizierenden Abschluss führen. Wie die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, am Freitag sagte, bräuchten Schulabgänger aber mehr Unterstützung, um die Wahlmöglichkeiten auch zu nutzen. Wintermantel appellierte daher an die Bundesländer, Schüler besser auf die Studienwahl vorzubereiten.

2009 waren bundesweit Zehntausende Studierende auf die Straße gegangen, um gegen die Hochschulreformen zu protestieren. Sie klagten über zu starre Strukturen, eine zu hohe Arbeitsbelastung und über die mangelnde Akzeptanz der neuen Abschlüsse auf dem Arbeitsmarkt.

Diese Kritik wird von der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Hochschulgemeinden (AKH) in Bonn geteilt: "Die Beschäftigungsverhältnisse von Bachelorabsolventen sind deutlich häufiger befristet und entsprechen weniger dem fachlichen Abschlussprofil als bei allen anderen Absolventengruppen", hieß es in einer am Freitag veröffentlichten Erklärung der AKH.


Links auf dradio.de:

Interview mit Annette Schavan: "Bachelor ist keine zweitklassige Ausbildung" - Bundesbildungsministerin verteidigt Studienreform (DLF)

Interview mit Jürgen Zöllner - Berliner Bildungssenator lobt die Hochschulreform - Jürgen Zöllner widerspricht GEW-Kritik (DKultur)

Campus & Karriere: Studenten lernen das Denken nicht mehr - Kunstpädagoge Jochen Krautz fordert Reformstopp

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:42 Uhr

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