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Streitobjekt Kulturpolitik

An den Thesen des Buches "Der Kulturinfarkt" scheiden sich die Geister

Die Autoren des Buches "Der Kulturinfarkt" stellen die deutsche Kulturpolitik in Frage. (Bernd Ulig)
Die Autoren des Buches "Der Kulturinfarkt" stellen die deutsche Kulturpolitik in Frage. (Bernd Ulig)

Mit seinen Forderungen nach einem radikalen Umbau der deutschen Kultursubventionen hat das Buch "Der Kulturinfarkt" für Wirbel gesorgt. Während die Einen den vier Autoren Unkenntnis, gar eine "unpatriotische" Argumentation vorwerfen, begrüßen Andere den Anstoß einer überfälligen Diskussion.

Die deutsche Kulturlandschaft werde ungerecht finanziert, zu viel Geld fließe in ein verkrustetes System, und das Konzept einer" Kultur für alle" aus den 70er-Jahren sei gescheitet. Zudem müsse man zumindest darüber nachdenken dürfen, was wäre, wenn die Hälfte aller hoch subventionierten Opernhäuser, Theater und Museen geschlossen würden. Mit diesen in einem Vorabdruck im "Spiegel" nachzulesenden streitbaren Thesen haben die vier Autoren des Buches "Der Kulturinfarkt" Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz einen Aufschrei provoziert.

"Oberflächliches Bashing" und "simplifizierte" Sicht

Die ehemalige Kuratorin des Hauptstadt-Kulturfonds und Publizistin Adrienne Goehler warf ihnen "oberflächliches Bashing" vor. Gleichwohl sei die Diagnose richtig. Es gebe eine "Schieflage in der Verteilung". Und die Diskussion um die Kulturpolitik sei durchaus zu begrüßen.

Als extrem pauschal und nicht durch Zahlen belegt, bezeichnete der Direktor des Städel Museums in Frankfurt Max Hollein die Forderungen der Autoren. Ihre Sicht sei "simplifizierend". Es gebe in Deutschland eine Kulturbegeisterung, die breite Bevölkerungsschichten teilten. Das sei auch eine Folge des Konzepts einer "Kultur für alle".

Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler widersprach den Autoren des Buches: Den großen subventionsgesättigten Kunsthäusern Geld wegzunehmen, um es den untersubventionierten kleinen Institutionen zu geben, sei keine Lösung, sagte sie. Eine Neuverteilung des gleichen Kuchens sei zu kurz gedacht. Sie fordert stattdessen eine sinnvolle Umstrukturierung des Systems. Der Intendant der Theaters Meiningen, Ansgar Haag verteidigte ebenfalls die deutsche Kulturlandschaft. Beim Thema Kunst und Kultur "sollte man nicht so wirtschaftlich" denken.

Ähnlich äußerte sich auch die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien. "Das Wort, das am häufigsten wiederholt wurde in dem fünfseitigen "Spiegel"-Artikel, ist tatsächlich das Wort Markt. Also sie reden ja auch einem Kulturbegriff das Wort, der so ein bisschen Kultur als Produkt begreift und es marktgängig machen möchte. Wir folgen einem vollkommen anderen Kulturbegriff in der Förderpolitik in Deutschland", sagte Monika Grütters (CDU).

Überfällige Debatte

Die Professorin am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, Birgit Mandel, begrüßte die Diskussion. Nur "ungefähr fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung" gehörten zu den regelmäßigen Nutzern der öffentlich finanzierten Angebote. Es sei deshalb gut, "dass überhaupt mal darüber laut nachgedacht wird, was wollen wir eigentlich erreichen mit unserer öffentlichen Kulturförderung".

Gelder für Kultur sinnvoller ausgeben

Eine Frau sitzt alleine im Theater. (Stock.XCHNG / infinity_)Die Forderungen nach einem radikalen Umbau der Kulturförderung provozieren. (Stock.XCHNG / infinity_) Dieter Haselbach, Soziologieprofessor in Marburg und Geschäftsführer des Zentrums für Kulturforschung in Bonn, wehrte sich gegen den Vorwurf, er und seine Mitstreiter würden einem Kahlschlag der Kultur das Wort reden. Es ginge ihnen vielmehr darum, in Deutschland eine Diskussion darüber zu führen, wie die Gelder für Kultur sinnvoller ausgegeben werden: "ob sie dazu ausgegeben werden, ein immer gleiches System fortzuschreiben, oder ob sie dazu ausgegeben werden, Innovation im System möglich zu machen, das System frisch und flexibel zu halten". Die Laienkultur etwa müsse stärker gefördert werden ebenso wie die Kunstausbildung oder auch die Auseinandersetzung mit interkulturellen Formen, meint Mitautor Haselbach.

Stephan Opitz, ebenfalls Autor des Buches "Kulturinfarkt" und Professor für Kulturmanagement an der Uni Kiel, betonte, es ginge ihnen vor allem darum, eine Debatte anzustoßen. Es sei nicht so sehr eine Kürzung der Kulturgelder notwendig, sondern vielmehr ihre Umverteilung: "Es geht darum, möglicherweise die Hälfte der in Stein gegossenen Institutionalität zurückzufahren". Ein konsequenter Umbau eines Systems, das vor dem Kollaps stehe, ist nach Ansicht von Opitz unabdingbar.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:49 Uhr

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