Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Studie belegt "Korruptionspotenzial" bei Ärzten

Jede vierte Klinik zahlt Fangprämien für Patienten

Ärztin mit Stetoskop (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Ärztin mit Stetoskop (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Bargeld gegen Patienten: Viele Ärzte kassieren Extrahonorare von Kliniken, wenn sie Patienten dorthin überweisen. Laut einer Studie ist dies keine Ausnahme. Auf dem Ärztetag warnte der Präsident vor Stimmungsmache, Gesundheitspolitiker reagierten empört.

Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung hat vor "erheblichem Korruptionspotential" im Gesundheitswesen gewarnt. Zur Eröffnung des Deutschen Ärztetages legte der Verband eine Studie vor, wonach sogenannte Fangprämien für Patienten weit verbreitet sind. Dabei honorieren Kliniken niedergelassene Ärzte dafür, dass sie ihnen Patienten überweisen. In der repräsentativen Umfrage im Auftrag der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erklärte etwa jeder vierte Klinikvertreter, diese Praxis sei üblich. Für die Studie wurden über 1100 niedergelassene Fachärzte, stationäre Einrichtungen und nichtärztliche Leistungserbringer befragt.

Fast die Hälfte (46 Prozent) der nichtärztlichen Leistungserbringer wie Apotheken, Sanitätshäuser, Hörgeräte-Akustiker oder Orthopädie-Schuhmacher haben laut der Studie zugegeben, schon Vorteile wie Geld, Kostenübernahme von Tagungen oder Sachleistungen erhalten zu haben.

Mangelnde Kontrolle

Dabei sind sich alle drei Berufsgruppen im Klaren darüber, dass eine Zuweisung gegen wirtschaftliche Vorteile klar verboten ist. Doch nur etwa 40 Prozent der befragten Fachärzte, stationären Einrichtungen und nichtärztlichen Leistungserbringer sehen in diesem Verbot eine bloße Handlungsorientierung. Die Autoren der Studie sprechen in diesem Zusammenhang auch von "einem erschreckend großen Mangel an Normkenntnis vieler Akteure". Ein Großteil der Befragten halte das Risiko, entdeckt zu werden, für gering: 52 Prozent der Ärzte und 53 Prozent der nichtärztlichen Leistungserbringer hätten eingeräumt, sie seien sich mangelnder Kontrolle und der geringen Gefahr von Sanktionen bewusst.

Montgomery stellt Zahlen in Zweifel

Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer (picture alliance / dpa / Bodo Marks)Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer (picture alliance / dpa / Bodo Marks)Die Bundesärztekammer zweifelte die Zahlen der Studie an und rief dazu auf, solche Vergehen anzuzeigen. Ärzte-Präsident Frank Ulrich Montgomery warf den Autoren der Studie Stimmungsmache gegen Mediziner vor. Sollten die Zahlen stimmen, müsste es bei der Ärztekammer und den Staatsanwaltschaften viel mehr Anzeigen geben, sagte er im NDR-Hörfunk. Die Diskussionen über Fangprämien seien "uralte Kamellen". Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach bezeichnete dies als "Mafia-Verhältnisse". Das Problem sei seit zwei Jahren bekannt und die Lage sei deutlich schlimmer geworden. Die SPD habe im Gesundheitsausschuss des Bundestages einen Antrag eingebracht, dass in Fällen von Fangprämien niedergelassene Ärzte strafrechtlich für den Tatbestand der Bestechlichkeit belangt werden könnten. Sein CDU-Kollege Jens Spahn nannte die Zahlungen illegal und völlig inakzeptabel. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr warnte auf dem Ärztetag, der wachsende Wettbewerbsdruck in Krankenhäusern dürfe nicht zu Lasten der Patienten gehen. Er bezog sich dabei aber nicht ausdrücklich auf die Studie.

Die Zukunft der Krankenversicherung

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) (AP)Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) (AP)Der 115. Deutsche Ärztetag begann am Vormittag in Nürnberg. Erstes Thema ist die politische Position der Mediziner zur Zukunft der Krankenversicherung. Präsident Montgomery betonte im Deutschlandradio Kultur, eine große Mehrheit sei dafür, das duale System aus gesetzlichen und privaten Kassen beizubehalten. Zudem teile der den Vorschlag des Gesundheitsministers, die Praxisgebühr abzuschaffen. Bahr hatte noch einmal bekräftigt, diese Form von Eigenbeteiligung der Patienten erfülle ihren Zweck nicht. Daher könne man auf die Abgabe in Höhe von zehn Euro pro Quartal verzichten. Zugleich lehnte Bahr eine Regulierung kostenpflichtiger Zusatzangebote ab, die Ärzte in ihren Praxen anbieten. Der mündige Patient könne selbst entscheiden, was für ihn richtig sei. Auch sprach er sich für die Beibehaltung der privaten Krankenversicherung und gegen die von SPD und Grünen favorisierte Umstellung auf eine einheitliche Bürgerversicherung aus.

Montgomery mahnte außerdem, sorgsam mit den Überschüssen der gesetzlichen Krankenkasse umzugehen, die sich auf insgesamt rund 20 Milliarden Euro belaufen. Das Geld solle möglichst als "Puffer für die nächste Krise" liegen bleiben. Falls die Politik doch Rückzahlungen erwäge, dann solle auf eine mögliche kleine Beitragssatzsenkung verzichtet, dafür aber die Praxisgebühr abgeschafft werden.

Verwandte Audiobeiträge:

Ärztetag und Bundesärztekammer: Gespräch mit Hauptstadtkorrespondent Peter Mücke

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:52 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 03:05 Uhr Weltzeit

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Tonart

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Marketing in Sozialen MedienSchleichwerbung durch Internetstars?

YouTuberin Bianca "Bibi" Heinicke posiert mit einem Smartphone (picture alliance / Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/ZB)

Klassische Werbespots – das war einmal. Die Marketingbranche setzt auf junge Internetstars, die bei YouTube oder Instagram teils über Millionen Follower haben. Das Ziel: Produkte gezielt zu platzieren. Welche Gelder fließen, bleibt aber oft ein Geheimnis.

Digitale Lernspiele auf der Gamescom Das spielende Klassenzimmer

Little girl using sitting tablet, sitting on couch model released Symbolfoto property released PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY HAPF01486 Little Girl Using Sitting Tablet Sitting ON Couch Model released Symbolic image Property released PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY HAPF01486 (imago stock&people)

Ein Thema auf der Gamescom ist das sogenannte Edutainment. Auf der Spielemesse werden verschiedene Computerspiele vorgestellt, mit welchen Kinder spielend lernen - ohne es zu merken. Dabei steht nicht nur Rechnen auf dem Programm, sondern auch Vokabeln lernen oder die Koordination.

Netflix, Virgin und Co. Wer von unbegrenztem Urlaub profitiert

Ein Strandkorb am Strand von Ahrenshoop,vor einem Haus mit Reetdach und malerischer Strandkulisse. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)

Netflix oder Virgin bieten an, wovon viele Arbeitnehmer träumen: Unbegrenzten Urlaub. Der Freizeitforscher Ulrich Reinhardt schätzt ein, was Vor- und Nachteile an so einem Angebot sind und wer eigentlich meisten davon hat.

GleichberechtigungIn Sachsen-Anhalt verdienen Frauen mehr als Männer

Eine Frau erklärt eine mittels Beamer an die Wand projizierte Statistik. (picture-alliance / Tobias Kleinschmidt)

Frauen verdienen in Deutschland weniger als Männer. Die Lohnlücke beträgt 21 Prozent, auch bedingt durch Teilzeitarbeit. Doch es gibt Ausnahmen: So bekommen in Sachsen-Anhalt Frauen statistisch gesehen mehr Geld für ihre Arbeit als Männer - warum?

Mediziner und Autor Michael de RidderKämpfer für ein selbstbestimmtes Leben und Sterben

Michael de Ridder in einem Studio von Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio / Matthias Horn)

Er gilt als wortmächtiger Querdenker seiner Zunft: Michael de Ridder betreute Drogenabhängige mit dem ersten Berliner Arztmobil. In seinen Büchern beschäftigt der Mediziner sich mit Sterbehilfe, Pflegenotstand oder der Verschwendung im Gesundheitswesen.

Windenergie Erster Windpark Deutschlands wird 30

Dieter Haack ist 1987 als Monteur bei der Eröffnung dabei und heute Prokurist des Windparks (Deutschlandradio/Johannes Kulms)

Keimzelle des Booms: 1987 wurden 30 Anlagen des Windenergiepark Westküste in Schleswig Holstein feierlich in Betrieb genommen. Die alten Anlagen haben längst ausgedient und vier modernen und leistungsfähigeren Rotoren Platz gemacht. Doch von den alten Rädern "lernten" Ingenieure Windenergie.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Venezuela  Abgesetzte Staatsanwältin wirft Maduro Korruption vor | mehr

Kulturnachrichten

Hausarrest für Serebrennikov  | mehr

 

| mehr