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"Sun"-Reporter spüren Kriegsverbrecher Csatáry in Budapest auf

Ungarn ist die Nummer Eins auf der Suchliste des Simon-Wiesenthal-Zentrums

In der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem werden die Namen der Opfer des Holocaust gesammelt (AP)
In der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem werden die Namen der Opfer des Holocaust gesammelt (AP)

In Budapest ist offenbar einer der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher entdeckt worden: László Csatáry. Die britische Zeitung "The Sun" hat den 97-Jährigen mit Unterstützung des Wiesenthal-Zentrums ausfindig gemacht. Er soll für die Deportation von 16.000 Juden verantwortlich sein.

Reporter der britischen Boulevardzeitung The Sun haben den mutmaßlichen Kriegsverbrecher László Csatáry in Budapest entdeckt, fotografiert und mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Csatáry wohnt den Angaben des Blatts zufolge in einem eleganten Viertel der ungarischen Hauptstadt und führt ein normales Alltagsleben. Dass es sich bei dem 97-Jährigen tatsächlich um einen gesuchten NS-Kriegsverbrecher handelt, hat das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem bestätigt.

Die Reporter der Sun überrumpelten Csatáry, der jetzt den Namen Ladislaus Csizsik trägt, an der Tür seiner Wohnung und fragten ihn, ob er seine Vergangenheit rechtfertigen könne. Er antwortete: "Nein, nein, verschwinden Sie. Ich will nicht darüber reden. Ich habe das nicht getan" – und knallte die Tür zu. Die Sun veröffentlichte mehrere Fotos, die Csatáry beim Einkaufen, in Unterwäsche und mit Sonnenbrille und Trenchcoat zeigen.

Die Informationen über die Identität des Gesuchten liegen nun der Staatsanwaltschaft in Budapest vor und werden dort ausgewertet, berichtete Christoph Peerenboom im Deutschlandfunk.

Während der Zweiten Weltkriegs war Csatáry Polizeikommandant eines jüdischen Ghettos in der ungarischen, heute zur Slowakei gehörenden Stadt Kassa (deutsch Kaschau, heute Košice). Er soll für die Deportation von 15.700 Juden in das Vernichtungslager Auschwitz mitverantwortlich sein. Dem Wiesenthal-Zentrum zufolge war Csatáry außerdem 1941 maßgeblich an der Deportation von 300 später getöteten Juden in die Ukraine beteiligt. Er steht an Nummer Eins auf der Liste der zehn meistgesuchten Nazi-Täter des Wiesenthal-Zentrums.

1948 war Csatáry in der Tschechoslowakei in Abwesenheit zum Tod verurteilt worden. Er lebte lange Zeit unerkannt in Kanada, wo er als Kunsthändler in Montreal und Toronto arbeitete. Als seine Tarnung in den 90er-Jahren aufflog, tauchte er in Ungarn unter. Kanada hatte ihm die Staatsbürgerschaft entzogen. Wie die Sun-Reporter berichteten, spricht Csizsik-Csatáry Englisch mit kanadischem Akzent.

Efraim Zuroff, Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem (dpa / picture alliance / Bea Kallos)Efraim Zuroff, Direktor des Simon Wiesenthal Center in Jerusalem (dpa / picture alliance / Bea Kallos)

Informant gab entscheidende Tipps

Die Informationen über Csatáry wurden vom Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem, Efraim Zuroff, veröffentlicht. Zuroff sagte, die Sun habe sich bei ihren Recherchen auf Informationen gestützt, die vom Wiesenthal-Zentrum im September 2011 herausgegeben wurden. Damals habe ein Informant, dem inzwischen eine Belohnung von 25.000 Dollar gezahlt worden sei, Angaben zum Aufenthaltsort Csatárys gemacht.

Zuroff forderte einen Prozess gegen Csatáry in Ungarn. Der Kommandant sei als Sadist bekannt gewesen und hätte alle Juden in seiner Umgebung gewaltsam nach Polen deportieren wollen. Ihn zur Rechenschaft zu ziehen, würde den Familien der Opfer und den jüdischen Gemeinschaften in Ungarn und der Slowakei helfen, ihre Trauer zu bewältigen, sagte Zuroff der Sun.

Der Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums hatte im Dezember unter anderem in Berlin eine Kampagne zur Enttarnung und Verurteilung noch lebender NS-Verbrecher vorgestellt. Sie soll örtlichen Ermittlungsbehörden helfen, Kriegsverbrecher in Deutschland, Österreich, Polen, Rumänien, Ungarn, Kroatien und im Baltikum zu finden.

Der 96-jährige Nazi-Jäger Simon Wiesenthal erhält den österreichischen Verdienstorden (AP)Simon Wiesenthal (AP)

Wiesenthals Jagd nach NS-Kriegsverbrechern

Über 50 Jahre lang verfolgte Simon Wiesenthal Täter des NS-Regimes. Der Holocaust-Überlebende starb 2005 im Alter von 96 Jahren in Wien. Berühmt wurde Wiesenthal vor allem für seine hartnäckige und erfolgreiche "Jagd" auf Adolf Eichmann, der die Deportation und Ermordung der europäischen Juden maßgeblich organisiert hatte. Die Liste von Wiesenthals Erfolgen ist lang: Er machte den Kommandanten des Konzentrationslagers Treblinka, Franz Stangl, ebenso ausfindig wie den ehemaligen stellvertretenden KZ-Kommandanten des Lagers Sobibor, Gustav Franz Wagner. Und er entdeckte Karl Silberbauer, den Mann, der Anne Frank verhaften ließ.

In Deutschland leben nach Berechnungen des Historikers Thomas Weber noch Zehntausende Menschen, die bei der Aufklärung von NS-Gräueltaten helfen können. Weber schlägt Wahrheitskommissionen zur Aufarbeitung der Verbrechen vor. Prozesse wie jener gegen John Demjanjuk in München taugten nicht dazu, die Vergangenheit aufzuarbeiten, sagte Weber im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur.

Der mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk in Cleveland (AP)John Demjanjuk (AP)Das Landgericht München hatte im Mai 2011 den früheren KZ-Wärter Demjanjuk wegen Beihilfe zu zigtausendfachem Mord zu fünf Jahren Haft verurteilt. Das Strafmaß sei in diesem Prozess aber zweitrangig gewesen – eine "späte Vergangenheitsbewältigung" nannte Jasper Barenberg das Urteil gegen Demjanjuk, der im März 2012 starb.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:55 Uhr

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