Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Syrien: Der Westen rudert zurück

Britisches Unterhaus lehnt militärische Schritte ab

Das Kriegsschiff "USS Stout", hier in Georgien 2009 (picture alliance / dpa / Kurtsikidze)
Das Kriegsschiff "USS Stout", hier in Georgien 2009 (picture alliance / dpa / Kurtsikidze)

Kurz soll der Militärschlag sein, und schnell sollte er kommen. Die USA halten sich noch zurück. Der britische Premier Cameron musste derweil bei einer parlamentarischen Abstimmung eine Niederlage einstecken.

Der britische Premierminister David Cameron hat die Abstimmung über einen Syrieneinsatz verloren. Mit 285 zu 272 Stimmen lehnte das Unterhaus am Donnerstagabend im Prinzip militärische Schritte gegen Syrien ab, die weitere Giftgaseinsätze des Regimes von Machthaber Baschar al-Assad verhindern helfen sollten.

Unterdessen konnten sich die Botschafter aus den USA, aus Russland, China, Großbritannien und Frankreich nicht einigen. Sie verließen wortlos das Gebäude der Vereinten Nationen in New York. Diplomaten zufolge war es bei dem Treffen noch einmal um einen britischen Resolutionsentwurf gegangen, der einen Militäreinsatz erlauben würde. Russland und China blockieren das bislang. Unterdessen schwächte Großbritanniens Premierminister Cameron eine Beschlussvorlage für das Parlament in London ab. Zwar ist darin nach wie vor von einer "starken Antwort" der Staatengemeinschaft die Rede - jedoch wird nun auch empfohlen, den Bericht der UNO-Waffeninspektoren in eine Entscheidung mit einzubeziehen.

Obama will Bericht abwarten

Auch US-Präsident Barack Obama sagte dem Sender PBS, er habe "noch keine Entscheidung" über eine Reaktion der USA auf den mutmaßlichen Giftgas-Angriff in Syrien getroffen. Seine Regierung sei zu der Einschätzung gelangt, "dass die syrische Regierung das getan hat", berichtet unsere Korrespondentin Bettina Klein aus Washington. Die Rebellen sind seiner Ansicht nach nicht zu einem solchen Angriff in der Lage. Obama will Syriens Führung ein "ziemlich starkes Signal" senden, "dass sie das besser nicht noch einmal tut".

Der Präsident sprach sich aber gegen eine "direkte militärische Beteiligung" der USA am syrischen Bürgerkrieg aus. Es würde "der Situation vor Ort nicht helfen", wenn man sich in die Kräfteverhältnisse in dem Bürgerkriegsland einmische.

Merkel telefoniert mit Putin, Obama und Hollande

Kurz vor dem Treffen der Veto-Mächte im UNO-Sicherheitsrat hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel mit mehreren Staatschefs über die Entwicklung im Syrien-Konflikt gesprochen. Russlands Präsidenten Wladimir Putin forderte Merkel auf, seine Position im Syrien-Konflikt zu überdenken. In einem Telefonat warb sie nach Angaben von Regierungssprecher Steffen Seibert dafür, die Verhandlungen im UNO-Sicherheitsrat für eine schnelle und einmütige internationale Reaktion zu nutzen. Außerdem habe sich die Kanzlerin mit dem französischen Staatschef François Hollande abgestimmt. Demnach fordern Frankreich und Deutschland die Chemiewaffenexperten auf, dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen möglichst schnell Bericht zu erstatten, damit dieser seiner Verantwortung gerecht werden könne. Merkel sprach auch mit US-Präsident Barack Obama - über den Inhalt des Telefonats wurde nichts bekannt.

Armeen bereiten sich auf Militärschlag vor

Großbritannien verlegt Kampfflugzeuge des Typs Typhoon Richtung Syrien (picture alliance / dpa / Sac Victoria Atkins / Britisches Verteidigungs-ministerium)Großbritannien verlegt Kampfflugzeuge des Typs Typhoon Richtung Syrien (picture alliance / dpa / Sac Victoria Atkins / Britisches Verteidigungs-ministerium)Zuvor hatte das britische Militär sechs Kampfflugzeuge auf seine Luftwaffenbasis auf Zypern verlegt. Die Jets vom Typ Typhoon seien dort in Zeiten erhöhter Spannungen als Vorsichtsmaßnahme stationiert worden, teilte das Verteidigungsministerium in London mit. Im Ernstfall sollten sie feindliche Flugzeuge abfangen. Das Ministerium betonte aber, dass die Kampfflugzeuge nicht Teil einer akuten militärischen Planung gegen Syrien seien. Die Basis auf Zypern ist britisches Hoheitsgebiet und liegt nur wenige hundert Kilometer Luftlinie von Syrien entfernt.

Die USA verlegten nach Angaben des Verteidigungsministeriums ein fünftes Kriegsschiff ins östliche Mittelmeer. Dieses sei mit Marschflugkörpern ausgerüstet. Einem Bericht der russischen Nachrichtenagentur Interfax zufolge will auch Russland weitere Kriegsschiffe schicken - zunächst eines, das auf den Kampf gegen U-Boote spezialisiert ist, dann eines mit einer Vorrichtung zum Abschuss von Raketen. Wie Thorsten Jabs berichtet, wollen die Russen ihre Präsenz im Mittelmeer erhöhen und ihre Basis in der syrischen Hafenstadt Tartus schützen, dem einzigen Stützpunkt der russischen Marine im Mittelmeer.

Außerdem bereitet sich die Türkei nach lokalen Presseberichten auf mögliche Vergeltungsaktionen vor. Im Grenzgebiet zu Syrien seien Luftabwehrraketen in Stellung gebracht und 20 zusätzliche Militärjets stationiert worden. Zudem planten die zivilen Behörden, bei Bedarf Giftgasopfer behandeln zu können.

Auch in Syrien rechnen Regierung und Bevölkerung mit einem Angriff. Während Präsident Assad sich kämpferisch gibt, fliehen in der Hauptstadt Damaskus Menschen aus Angst vor einem Militärschlag aus ihren Häusern.


Mehr zum Thema auf dradio.de:

Militärschlag hat völkerrechtlich keine Legitimation - Völkerrechtler Thilo Marauhn fordert von der Bundesregierung eine klare Distanzierung
"Es ist klug, den Waffeninspektoren mehr Zeit zu geben und den UN-Sicherheitsrat mit den Ergebnissen zu befassen" - Interview mit Markus Kaim, Stiftung Wissenschaft und Politik
Schulz: Mit militärischen Mitteln kriegt man Assad nicht schneller weg - EU-Parlamentspräsident ist gegen Militärschlag in Syrien
Schockenhoff: Vor Militäreinsatz UN-Bericht zu Syrien abwarten - Vize-Vorsitzender des Ethikrats verweist auf die Verantwortung der Vereinten Nationen
Chronologie: Bürgerkrieg in Syrien - Eckpunkte des Aufstands

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:16 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 21:05 Uhr JazzFacts

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 20:03 Uhr Konzert

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 21:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

ItalienBeppe Grillos Jagd auf den Killer-Journalismus

Beppe Grillo, der Anführer der "5-Sterne"-Bewegung, wirbt am 2. Dezember 2016 in Turin für ein "Nein" beim Referendum über eine Verfassungsreform in Italien. (dpa / picture alliance / ANSA / Alessandro Di Marco)

Roms Bügermeisterin Virginia Raggi war angetreten, die Regierungsfähigkeit von Beppo Grillos Fünf-Sterne-Bewegung zu demonstrieren. Doch stattdessen sorgt sie fast täglich für schlechte Presse. Grillo macht dafür einen Killer-Journalismus verantwortlich. Nun stellt er besonders verhasste Medienvertreter gezielt an den Pranger.

Zur Merkel-Kritik von Walter Kohl"Man schaut in einen fürchterlichen Abgrund"

Der Unternehmer und Coach Walter Kohl ist der älteste Sohn von Altkanzler Helmut Kohl. (dpa/picture-alliance/Inga Kjer)

Walter Kohl beschuldigt die Kanzlerin Angela Merkel, Anteil am Tod seiner Mutter zu haben. Der älteste Sohn von Hannelore und Helmut Kohl kritisiert Merkels Umgang mit der CDU-Parteispendenaffäre. Unser Kollege Stephan Detjen sieht die Aussagen als Ausdruck zerrütteter Familienverhältnisse.

KorruptionsregisterEin Gesetzentwurf ohne große Chancen

Bauarbeiter errichten ein Stahlgeflecht in Brandenburg.  (dpa-Bildfunk / Patrick Pleul)

Das Bundeswirtschaftsministerium will Unternehmen, die durch Korruption und andere Delikte auffällig wurden, von öffentlichen Aufträgen ausschließen. Das soll über ein Wettbewerbsregister geschehen. Volker Finthammer meint: Angesichts der vielen Parallelen mit früheren Versuchen liege die Vermutung nahe, dass auch dieser Vorstoß ins Leere laufe.

Lohme auf RügenBürgermeister kämpft für ein zweites Sylt

Der Bürgermeister der Gemeinde Lohme auf Rügen, Matthias Ogilvie: Er und seine Mitstreiter wollen einen Investor im Ort ein Hotel mit "Medical Spa" bauen lassen. Außerdem Appartements, Wohnhäuser und  (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)

Ein großartiger Blick von der Steilküste - der lässt sich doch vermarkten! In dem hoch verschuldeten Dorf Lohme auf Rügen tobt der Streit um ein neues Wellness-Zentrum, das Touristen in Massen anlocken soll. Wird sich der Bürgermeister aus dem Westen durchsetzen können?

Themenreihe Mittelpunkt MenschLehrer und blind

(Deutschlandradio / Jan Lehmann)

Martin Park erkennt jeden seiner Schüler an der Stimme. Denn sehen kann er sie nicht: Der Französisch- und Erdkundelehrer ist blind. Dass er trotz seiner Behinderung an einem Gymnasium unterrichten kann, verdankt er seinem Biss - aber auch Menschen, die ihm etwas zugetraut haben. Für ihn bedeutet Inklusion daher: Fordern, aber auch gefordert werden.

KARNEVAL UND FASCHINGFest für Herpes und Geschlechtskrankheiten

Heute beginnt in den Faschings-, Fastnachts- und Karnevalshochburgen die ganz heiße und sündige Zeit: Es wird gesoffen, geknutscht und gefummelt. Doch Vorsicht: Auch Herpesviren und Geschlechtskrankheiten lieben die tollen Tage.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Präsidentschaft  Französischer Grünen-Kandidat verzichtet auf Kandidatur | mehr

Kulturnachrichten

Neues Kulturzentrum in Athen eröffnet  | mehr

Wissensnachrichten

Artenschutz  Hunde spüren Geparden auf | mehr