Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Tausende Ägypter trotzen Ausgangssperre

UN-Hochkommissarin für Menschenrechte verurteilt Polizeigewalt gegen Demonstranten

Nach den Unruhen in Äygpten hat Präsident Mursi die Rechte des Militärs ausgeweitet (picture alliance / dpa / ©virginie Nguyen Hoang/Wostok P)
Nach den Unruhen in Äygpten hat Präsident Mursi die Rechte des Militärs ausgeweitet (picture alliance / dpa / ©virginie Nguyen Hoang/Wostok P)

In Ägypten ist kein Ende der Gewalt in Sicht: Demonstranten und die Polizei lieferten sich am fünften Tag in Folge schwere Straßenschlachten. Präsident Mursi gibt der Armee mehr Rechte, sein Verteidigungsminister warnt vor einem Staatskollaps. Die UN verurteilt die Gewalt. Bundesaußenminister Westerwelle setzt weiter auf den Dialog mit der muslimischen Führung.

Die deutsche Regierung will die Hoffnung nicht aufgeben. Trotz der jüngsten Welle der Gewalt in Ägypten setzt sie auf den Dialog mit der neuen Führung in Kairo unter dem muslimischen Präsident Mohammed Mursi. "Es wäre ein schwerer Fehler, den Gesprächsfaden jetzt auszudünnen", sagte Außenminister Guido Westerwelle der Deutschen Presse-Agentur. "Im Gegenteil: Wir müssen die Beziehungen auch zur neuen Führung in Ägypten festigen." Mursi wird am Mittwoch zu seinem ersten Besuch in Deutschland erwartet. "Bei allen Zweifeln und bei aller Kritik müssen wir der Demokratie in Ägypten eine echte Chance geben", so Westerwelle.

Auch in der Nacht demonstrierten trotz Ausgangssperre Tausende Menschen in Port Said, Ismailia und Suez gegen die "undemokratischen Maßnahmen", wie der Online-Nachrichtendienst al-Ahram berichtete. Bei Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten kam am Abend mindestens ein Mensch ums Leben, mehrere Demonstranten wurden verletzt, berichteten ägyptische Medien. Die zuvor an Brennpunkten in den drei Städten stationierten Militärs griffen nicht ein, um den zuvor verhängten Ausnahmezustand durchzusetzen. Auch in Kairo gab es Protestkundgebungen.

Muslimbrüder: Jeder, der Gewalt ausübt, bekommt das Gesetz zu spüren

Ägyptens Präsident Mohammed Mursi (picture alliance / dpa)Ägyptens Präsident Mohammed Mursi (picture alliance / dpa)Nun will Mursi andere Seiten aufziehen. Die Armee wird nach einem Vorschlag der Regierung vorübergehend mit polizeilichen Befugnissen ausgestattet. Soldaten haben nun das Recht, auch Zivilisten festzunehmen. Die Demonstranten müssen damit künftig auch mit Eingriffen des Militärs rechnen. Verteidigungsminister Abdel Fattah al-Sisi sprach von einem Balanceakt für das Militär und warnte vor einem Staatskollaps. "Der Konflikt zwischen den verschiedenen politischen Kräften und deren Streitigkeiten darüber, wie das Land regiert werden sollte, könnte zum Staatskollaps führen", sagte al-Sisi. Die Soldaten müssten auf der einen Seite lebenswichtige Einrichtungen schützen, betonte der Minister mit Hinweis auf den Suez-Kanal. Auf der anderen Seite wollten sie Konfrontationen mit Ägyptern vermeiden, die ihr Demonstrationsrecht wahrnähmen. Deshalb sei es äußerst wichtig, dass die Demonstrationen friedlich blieben, rief er seine Landsleute auf.

Mursi und die Muslimbruderschaft sehen in den Protesten der vergangenen Tage das Werk von Kriminellen und Rowdys, berichtet Korrespondent Jürgen Stryjak im Deutschlandfunk. "Der Präsident setzt nur das um, was das Volk von ihm erwartet", sagt Essam El-Erian, der Vizepräsident der Partei der Muslimbruderschaft. "Wir erwarten, dass Mursi das politische Gezänk der Opposition ignoriert. Jeder, der Gewalt ausübt, bekommt das Gesetz zu spüren. Niemand steht über dem Gesetz, egal wo er politisch steht."

UN-Hochkommissarin für Menschenrechte verurteilt Gewalt gegen Demonstranten

Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navanethem Pillay, verurteilte die Polizeigewalt gegen Demonstranten in Ägypten. "Die Regierung muss dringend Maßnahmen ergreifen, damit Sicherheitskräfte nie wieder mit überzogener Gewalt gegen Protestierende vorgehen", verlangte Pillay in einer in Genf veröffentlichten Erklärung. Das Vorgehen der Polizei sei nicht nur illegal, sondern heize die explosive Lage in ägyptischen Städten nur noch weiter an. Dabei müsse die Regierung von Präsident Mohammed Mursi «erheblich größere Anstrengungen als bisher unternehmen, Ansichten der Opposition zu berücksichtigen und auf die Sorgen der Öffentlichkeit einzugehen».

Auslöser der jüngsten Unruhen in Ägypten waren Todesurteile gegen 21 Fußballfans in Zusammenhang mit einer Stadiontragödie im vorigen Jahr. Zudem gehe es auch um ökonomische Reformen und Änderungen im Sicherheitsapparat, aber auch um alltägliches wie ausreichend Arbeit und Geld, berichtete Fotograf Philipp Spalek im Deutschlandfunk. Derzeit entlade sich der Frust, weil die Veränderungen nach der Revolution vielen Menschen nicht schnell genug gingen.

Mehr zum Thema auf dradio.de:

Trittin: Mursi hat jeden Dialog über eine tatsächliche Verfassung verweigert - Grünen-Fraktionschef kritisiert "unheilige Allianz der Muslimbruderschaft und des Militärs in Ägypten"
Mehr Macht für Mursi - Ägyptens Präsident erhält Sondervollmacht für Armee
"Ein politisch ausgesprochen unangenehmes Klima" in Ägypten
Leiter der Naumann-Stiftung in Kairo sieht extreme Polarisierung von Gegnern und Anhängern der Regierung

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:05 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 10:05 Uhr Gottesdienst

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 09:05 Uhr Sonntagmorgen

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Mindestlohn"Ein großer historischer Erfolg"

DGB-Chef Reiner Hoffmann (imago/IPON)

DGB-Chef Reiner Hoffmann hat sich gegen Änderungen beim Mindestlohn ausgesprochen. Seine Einführung sei ein historischer Erfolg, von dem 3,6 Millionen Menschen profitierten, sagte Hoffmann im Deutschlandfunk. Arbeitsplätze würden dadurch nicht gefährdet.

Von der Neuentdeckung eines Gefühls "Heimat ist Tiefe, nicht Enge"

Das Grüne Band an der früheren innerdeutschen Grenze  (picture alliance / dpa)

"Heimat ist Tiefe, nicht Enge", ist ein Leitsatz des österreichischen Kulturpolitikers und Volkskundlers Hanns Koren, gestorben 1985. Man kann es vielleicht auch umdrehen: Wer keine Heimat hat, die er liebt, der wird an irgendeiner Stelle eng.

ZeitforschungDie knappeste Ressource der Welt

Wir haben ein Problem mit der Zeit, meist ist sie zu knapp. Der Soziologe Hartmut Rosa schildert uns, wie sich unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahrhunderten immer weiter beschleunigt hat - und sagt gleichzeitig, Entschleunigung ist nicht die Lösung.

Fremdenfeindliche Angriffe in SüdafrikaDie Gewalt kann jederzeit wieder eskalieren

Plünderungen nach Ausschreitungen östlich von Johannesburg (afp / Mujahid Safodien)

Nach der Eskalation der fremdenfeindlichen Gewalt in Südafrika ist scheinbar Ruhe eingekehrt. Inzwischen unterstützt die Armee die Polizei. Doch die Einwanderer und Flüchtlinge aus anderen afrikanischen Staaten, die Zielscheibe der fremdenfeindlichen Mobs waren, trauen dieser Ruhe nicht. Die Angst vor neuen Ausschreitungen ist groß.

Chris Dercon"Ich bin kein Museumsmann - ich komme vom Theater"

(picture alliance / dpa / Rainer Jensen)

Der neue Chef der Berliner Volksbühne hat sich erstmals vorgestellt: Im Roten Rathaus gab Chris Dercon bekannt, mit wem er künftig zusammen arbeiten wird. Unsere Theaterredakteurin Susanne Burkhardt sprach mit Dercon über seine Konzepte.

#GrannyhairSchöne graue Haare!

Nicht bunt, sondern grau ist angesagt: Während Frauen der älteren Generation jedes graue Haar ausreißen, färben sich junge Frauen ihr Mähne grau. Auch prominente machen den Trend mit. Aber Achtung: Nicht jeder Frau steht grau und ab einem gewissen Alter machen die grauen Haare dann doch einfach nur alt.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Nepal: Erste Hilfe  im Erdbebengebiet angekommen | mehr

Kulturnachrichten

Nachbildung der Chauvet-Höhle eröffnet | mehr

Wissensnachrichten

Namensstreit  Hersteller darf seine Brennstoffzelle weiter "Kraftwerk" nennen - auch wenn die Band dagegen ist | mehr