Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

"Tear down this wall!"

Die umstrittene und visionäre Rede von Ronald Reagan vor 25 Jahren in Berlin

Von Anja Nehls

US-Präsident Ronald Reagan während seiner historischen Rede am Brandenburger Tor in Berlin.
US-Präsident Ronald Reagan während seiner historischen Rede am Brandenburger Tor in Berlin. (Roland Holschneider)

Die Welt hielt den Atem an, als Ronald Reagan am 12. Juni 1987 den russischen Präsidenten Gorbatschow in seiner Rede vor dem Brandenburger Tor aufforderte, die Mauer niederzureißen. Zuvor hatte das State Department versucht, ihn von diesen Sätzen abzubringen, vergeblich.

Die Berliner Mauer im Rücken, dahinter das Brandenburger Tor, das Gesicht gen Westen: Auf einer extra errichteten Holzbühne an der Stelle Berlins, die wie keine andere 1987 die deutsche Teilung symbolisiert. Der amerikanische Präsident Ronald Reagan am 12. Juni 1987. Der Ort allein – eine Botschaft. Die Rede - ein historischer Moment.

"Tear down, Mister Gorbatschow, open this gate. Mr. Gorbatschow, tear down this wall."

Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor, Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder. Die Berliner am Brandenburger Tor jubeln, aber die Welt hält den Atem an. Eigentlich war mit einer launigen Geburtstagansprache zum 750. Geburtstag der Stadt Berlin gerechnet worden, sagt der damalige stellvertretende amerikanische Stadtkommandant John Kornblum:

"Wir wollten ein Rockkonzert machen, eine Geburtstagsparty und Reagan sollte eine sehr nette Rede über Berlin halten. Da haben wir umfunktioniert in eine politische Veranstaltung sozusagen. Nun dann, der Rest ist Geschichte."

Und die Reagan-Rede ist ein Meilenstein der Geschichte, der damals am 12. Juni 1987 noch gar nicht als ein solcher wahrgenommen wird – noch nicht mal von den Amerikanern. Christopher McLarren war damals als Zivilangestellter der Amerikaner in Berlin. Er war von den Worten seines Präsidenten dort vor dem Brandenburger Tor vor allem erst mal überrascht:

"Der hatte einen Satz gebracht, der nicht erwartet war - wow. Zuerst dachte ich, es ist eine politische Rede und hört sich gut an. Also, alle Präsidenten, die nach Berlin gekommen sind, haben was Tolles von sich gegeben. Und damals dachte keiner daran, dass Gorbatschow das machen würde, innerhalb von zwei Jahren. Aber, als Aufruf ist es natürlich toll. Das war mehr eine Geste, eine tolle Geste, aber nur eine Geste."

Fünf Stunden gerade mal ist Reagan an diesem Tag in Berlin, im Schloss Bellevue, bei einer Ausstellung zum Marshallplan im Reichstag, zu einer Party auf dem Flughafen Tempelhof und für die Rede am Brandenburger Tor. Schwere politische Kost ist hier eigentlich nicht geplant. Peter Schulz war damals für den Rias mit dabei:

"Seit über zweieinhalb Stunden läuft hier, man kann es nicht anders bezeichnen, ein Volksfest. Viele amerikanische Fähnchen und deutsche Fähnchen, die in wenigen Minuten sicher geschwenkt werden, wenn der Präsident und seine Begleitung hier eintreffen wird."

Ronald Reagan spricht von gemeinsamen Olympischen Spielen in Ost und West, Abrüstung Freiheit, und wendet sich dann direkt an Mr. Gorbatschow. Eine Rede, mit der so niemand gerechnet hatte, eine Rede, die aber erst als historisch galt, als die Mauer wirklich fiel. Der damalige Regierende Bürgermeister, Eberhard Diepgen, ist später im RBB gefragt worden, ob er die Rede des amerikanischen Präsidenten vorher gekannt hat.

"Also, den Wortlaut nicht, den Inhalt ja. Die Reagan-Rede ist die, die am stärksten Auswirkungen hatte, damals gar nicht dem Zeitgeist entsprochen hat."

Denn in weiten Teilen der West-Berliner Bevölkerung gilt Reagan als Hardliner, als Leitwolf des Kalten Krieges. Die Proteste gegen den Besuch sind laut. Die Bedeutung der Rede wird deshalb vielfach anders wahrgenommen, als sich der amerikanische Präsident das vorgestellt hat, sagt Götz Schwarzrock, der damals heftig gegen den Besuch demonstriert hat:

"Wir hatten damals eher das Gefühl alle, der provoziert. Weil, Gorbatschow ist ja nie in der Lage sozusagen die Mauer einzureißen. Wir dachten eher, das ist sozusagen noch eins drauf auf die Konfrontation, eben als Kriegstreiber im Prinzip."

Das amerikanische State Department hatte solche Reaktionen wohl vorausgeahnt. Alles hatte man deshalb von amerikanischer Seite aus versucht, um Ronald Reagan von diesen Sätzen abzubringen. Mr. Gorbatschow, reißen sie die Mauer nieder - das würde provozieren, das würde die Russen wütend machen, er solle bitte, bitte politisch korrekt bleiben.

Ronald Reagan sagte die Worte doch. Vielleicht auch erst recht und erst recht direkt am Brandenburger Tor – und zwar vor mehr als 15.000 Menschen. Berlin hatte den Ort abgelehnt, bloß den Osten nicht provozieren. Bis heute ist das ein wunder Punkt bei Eberhard Diepgen und John Kornblum, wie auf einer Podiumsdiskussion in der vergangenen Woche in Berlin deutlich wurde:

"Der Senat hat versucht, das zu blockieren, sie wollten nur 15.000 haben. Und wir haben das, weil wir die Polizeihoheit haben, ermöglicht, dass 50.000 da waren.

"Ich wusste, dass es in diesem Zusammenhang gleich einen Streit gibt. Der entscheidende Punkt war, es waren ausgewählte Besucher."

"Nein, es waren nicht ausgewählte ..."

"Es waren ausgewählte Besucher."

Zumindest Besucher, die dem Präsidenten freundlich gesinnt waren. Die Reagan-Gegner müssen woanders demonstrieren. Die halbe Stadt ist abgesperrt, U-Bahnen fahren nicht, Schulen sind geschlossen. Die Polizei geht hart gegen Demonstranten vor. In Kreuzberg fliegen die Steine, am Brandenburger Tor wird gejubelt. Auf Ostberliner Seite versuchen die Offiziellen mit Militärmärschen die Rede zu übertönen, neben der Quadriga ist ein Posten stationiert. DDR-Korrespondent Hartmut Jennerjahn hat damals für den Rias die Szenerie beobachtet.

"Am frühen Nachmittag hatten sich am Ende des Boulevards unter den Linden in der Nähe des Brandenburger Tores auf Ostberliner Seite nur wenige 100 Schaulustige eingefunden, die von den Reden, die unmittelbar westlich der Mauer gehalten wurden, nichts hören und von Präsident Reagans Ankunft dort nichts wahrnehmen konnten."

Das Westfernsehen verbreitet die Worte aber dennoch auch dort in Windeseile. Die Geschichte ließ sich ignorieren, nicht aufhalten. Sechs Monate später unterzeichnen Gorbatschow und Reagan in Washington die Nulllösung, das Abkommen zur Abrüstung von Mittelstreckenraketen. Knapp zweieinhalb Jahre später fällt die Mauer:

"!Without Ronald Reagan none of them ever happened.""

Die Geschichte wäre anders verlaufen, meint Michael Reagan, ohne seinen Vater und dessen Worte vom 12. Juni 1987 am Brandenburger Tor.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:53 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 10:10 Uhr Sprechstunde

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 10:07 Uhr Lesart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Vor der UNO-KlimakonferenzEuropa soll mehr für das Klima tun

Eine Satellitenaufnahme der Erde zeigt den Verbleib der Ozonschicht über der Arktis (Foto vom Winter 1999/2000).

Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, fordert vor dem heute beginnenden New Yorker Klimagipfel mehr Klima-Anstrengungen der osteuropäischen Staaten. Europa müsse sich ehrgeizigere Ziele setzen.

Neuer 10-Euro-Schein Die Visitenkarte des Landes

Am 23. September 2014 führte die Bundesbank neue 10-Euro-Scheine ein.

Der neue 10-Euro-Schein soll nicht nur schöner, sondern auch sicherer sein und schwerer zu fälschen, sagt der Währungsberater Josef Gerber. Für ihn ist Geld ein Kulturgut, das aber als solches kaum beachtet werde.

Sigmund FreudDer Seelenforscher

Der österreichische Psychoanalytiker Sigmund Freud kurz nach seiner Ankunft in London am 6. Juni 1938.

Sigmund Freud ist der Vater der Psychoanalyse. Die Freud'schen Begriffe Libido, Ödipuskomplex, Über-Ich oder Lustprinzip erhitzen bis heute die Gemüter. Freud starb am 23. September 1939 im Londoner Exil.

FDPLiberale Resthoffnung

Der FDP-Bundesvorsitzende, Christian Lindner, sitzt am 06.08.2014 in Erfurt (Thüringen) bei einer Wahlkampfveranstaltung vor einem Wahlplakat der Thüringer FDP auf dem steht: "Wir sind dann mal weg. Genauso wie der Mittelstand"

Am 22. September 2013 passiert der FDP das, was sie in ihren schlimmsten Träumen befürchtet hat: Sie ist nicht mehr im Bundestag vertreten. Die alte Riege ist abgetaucht. Übrig geblieben ist neben Wolfgang Kubicki nur einer: Christian Lindner.

Jesiden-VerfolgungMahnwachen und mutige Ärzte

Der Jeside Falar-Scharif Maschka steht vor seinem Infostand in Bielefeld

Mit Mahnwachen und Flugblättern machen Jesiden in Deutschland unermüdlich auf die Gräueltaten aufmerksam, die IS-Terrormilizen ihre Glaubensgeschwistern in Syrien und im Irak antun. Hilfe erhalten sie von kurdischen Ärzten.

Nahost-KonfliktGedichte nach Gaza

Straßenszene im Gazastreifen

Europa hat ein viel zu holzschnittartiges Bild vom Gaza-Konflikt, kritisiert der jüdische Schriftsteller Yiftach Ashkenazi. Doch er will Israels Politik nicht rechtfertigen, stattdessen wirbt er für Verständnis. Und Verständnis entstehe über Sprache.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

USA starten Luftangriffe  gegen IS-Miliz in Syrien | mehr

Kulturnachrichten

Zivilisierte Welt  darf vor IS-Kulturbarbarei nicht schweigen | mehr

Wissensnachrichten

Archäologie  Der moderne Mensch lebte früher in Zentraleuropa als bisher angenommen | mehr