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Theater und ihre Probleme

Reihe Ansichtssache Deutsche Einheit (4): Kultur

Von Blanka Weber und Susanne Schrammar

Die Einheit brachte auch Veränderungen auf den Bühnen. (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)
Die Einheit brachte auch Veränderungen auf den Bühnen. (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)

2o Jahre Deutsche Einheit, das heißt auch eine neue Struktur für Theater und Orchester: Für das ehemals fusionierte Theater der Städte Gera und Altenburg bedeutete die Einheit vor allem Personalabbau, neue Inhalte und ein gemischtes Publikum. Und das Stadttheater Hildesheim hat seine ganz persönliche Einheitsgeschichte.

"Ich würde es gar nicht so als intellektuell bezeichnen, sondern die Stücke, die wir auswählen, haben eine ganz, ganz hohe emotionale Kraft."

In dem Fall ist es einer: Faust ! Erzählt nach Goethe. Jung und modern. Der Hauptdarsteller singt a cappella Jazz und hat noch keine grauen Schläfen. Ein Balance-Akt in Ostthüringen? ..einer Region mit der höchsten Arbeitslosigkeit landesweit? Anne-Sylvie König, die Chefdramaturgin, sagt Nein und setzt auf emotionalen Tiefgang der Klassiker.

"Und hier können wir mit unserer Handschrift wirklich etwas Neues schaffen. Ich finde, dass das in Gera sehr gut funktioniert."

Den "Goethe" einfach abarbeiten, wäre zu leicht, sagt sie. Nebenan probt das Ballett. Von ehemals 31 Tänzern gibt es heute noch 21. Das fusionierte Theater Gera und Altenburg besitzt als eines der wenigen die eigene Ballett-Sparte. Im Spielplan der Tänzer ist unter anderem "Eine Faust-Symphonie".

"Wir sind im Konzertsaal im 2.Saal im Großen Haus in Gera mit 812 Plätzen."

Evelyn Böhme-Pock gehört zu den langjährigen Mitarbeitern. 300 sind übrig geblieben - an beiden Standorten. Vor 20 Jahren waren es 800. Das elegante Theater-Jugendstilhaus ist neu renoviert, eine moderne Bühne am Park für Schauspiel und Jugendtheater ist hinzugekommen. Der Förderverein sponserte seit 1990 knapp 300.000 Euro. Eine Referenz auch an den Intendanten, Matthias Oldag:

"Ich merke wie sich das Publikum verändert, wie sie erwachsener werden, städtischer, offener, dass nicht gleich alles, was man nicht kennt, niedergemacht wird, sondern dass man schaut und auch staunt, das ist eine Tendenz."

Das "Mehrsparten-Haus" ist das einzige dieser Art in Thüringen: Erzähltheater, Liederabende, Oper, Schauspiel, Konzerte und ein ebenso umfangreiches Programm für Kinder ab vier Jahren, für Schulklassen und Jugendliche. Matthias Oldag setzt auf die junge Generation:

"In der letzten Spielzeit haben wir öffentlich und bewusst einen Kurs eingeschlagen: Keine Operette, nichts Seichtes! Wir machen zwischen Wozzeck, Wallenstein, Raub der Lukrezia, Ariadne auf Naxos, Tannhäuser und im Schauspiel ‚Einsame Menschen’, Hauptmann, Nibelungen - ein Programm, wo man denkt, das ist ein Programm, um die Leute aus dem Theater zu prügeln."

Genau das geschieht nicht. Seit vier Jahren ist er in Gera Intendant, erfolgreich, auch gemessen an den Zuschauerzahlen. Er setzt gnadenlos auf Qualität und hofft dasselbe von der Politik.

"In Zeiten großen Sparens stehen wir da und sagen: Wir brauchen aber mehr Geld und nicht etwa um besseres Theater zu machen, sondern das weiter zu machen, was wir gerade haben."
"Begehren ist da, wo Ideen getragen werden", steht auf dem Flyer der Jugend-Theaterfabrik. Ein Credo, das auch für Matthias Oldag steht.

Die ganz persönliche Einheitsgeschichte des Stadttheaters Hildesheim

14 Tage lang haben die Theaterschneider am opulenten roten Samtumhang für die Hauptfigur aus "Zar und Zimmermann" genäht. Jedes einzelne Hermelinschwänzchen aus weißem Webpelz wurde per Hand angebracht. Eine Menge Arbeit. Intendant Jörg Gade nickt anerkennend. Etwas zusammenfügen - damit kennt der 51-Jährige sich aus: Aus dem Stadttheater Hildesheim und der Landesbühne Hannover hat er 2007 das "Theater für Niedersachsen" gemacht. Zwei finanziell angeschlagene Häuser sollen zu einem gesunden, tatkräftigen Haus fusionieren: Ein gewaltiger Kraftakt - der ein bisschen an die Deutsche Einheit von 1990 erinnert.

"In einigen Abteilen, zum Beispiel der Schneiderei ging’s ganz schnell, da kamen schon nach einem halben Jahr die Mitarbeiter zu mir und haben gesagt, bei uns spielt das überhaupt keine Rolle mehr. In anderen Abteilungen ist es im Grunde genommen auch noch nach drei Jahren, dass da sehr genau jeder weiß, wo kommt der jeweils andere her."

Mit dem Bus quer durch Niedersachsen. Seit der Fusion hat sich einiges geändert: Zwar ist das vor mehr als 100 Jahren gegründete Haus in Hildesheim der Stammsitz, doch ein Großteil der rund 660 Vorstellungen pro Spielzeit finden dort statt, wo Kommunen ihre eigenen Theater längst aufgeben haben - die Aufgabe einer Landesbühne. Die Hildesheimer, erzählt Intendant Jörg Gade, mussten sich anfangs erst daran gewöhnen, dass der säulengeschmückte Bau nun an manchen Abenden dunkel bleibt. Und so mancher fürchtete anfangs um den kulturellen Anspruch.

"Allein der Begriff ‚marktgerecht’ zu produzieren! Was für eine Landesbühne, die ihre Produkte verkaufen muss - und zwar zwei Jahre im Voraus an die Gastspielorte verkaufen muss - eine Selbstverständlichkeit ist, löst bei Stadttheaterleuten zu Recht einen negativen Reflex aus: Wenn die Landesbühne kommt, dann gibt es hier nur noch Boulevard."

Eine unberechtigte Sorge, wie sich schnell herausgestellt hat. In dieser Saision stehen unter anderen Hamlet, Aida und eine Komödie von Dario Fo auf dem Programm.

Nicht nur das Schauspiel geht auf Reisen, in Hildesheim gibt es auch eine MusicalCompany, eine Kinder- und Jugendbühne und eine Musiktheater. Damit die Stücke an den unterschiedlichsten Spielorten aufgeführt werden können, müssen Bühnenbild, Maske und Kostüm flexibel sein. In der Praxis heißt dies: Improvisieren und auch mal fünfe Grade sein lassen. Für die Mitarbeiter der Landesbühne längst Alltag, für die an Perfektion gewöhnten Kollegen des Stadttheaters manchmal nicht ganz einfach.

"Das hat mich schon erinnert an den Ost-West-Zusammenschluss: Wo man auf der einen Seite im Osten stolz drauf war, dass man den Trabbi selber reparieren konnte und der Westen gesagt hat: Wir bauen so einen Mist gar nicht erst."

Nach ersten Kinderkrankheiten, wie es der Intendant nennt, geht es langsam aufwärts mit dem Theater für Niedersachsen in Hildesheim. Die Mitarbeiter haben sich aneinander gewöhnt, die Besucherzahlen steigen und die Auslastung hat sich verbessert.

Überblick "Ansichtssache Deutsche Einheit"

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:38 Uhr

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