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Therapie und finanzielle Entschädigung

Abschlussbericht zu sexuellem Kindesmissbrauch

Christine Bergmann stellt in Berlin den Abschlussbericht ihrer Arbeit vor. (picture alliance / dpa)
Christine Bergmann stellt in Berlin den Abschlussbericht ihrer Arbeit vor. (picture alliance / dpa)

Eine Verlängerung der Verjährungsfristen, ein Rechtsanspruch auf Beratung, Hilfen zur Rehabilitation sowie eine finanzielle Entschädigung - da sind die wichtigsten Empfehlungen, die Christine Bergmann in ihrem Abschlussbericht gibt.

Die frühere Bundesfamilienministerin war von der Bundesregierung als Ansprechpartnerin für Opfer sexuellen Missbrauchs eingesetzt worden - und erhielt 15.000 Briefe, E-Mails und Anrufe.

Aufgrund der Auswertung dieser Dokumente ist die "Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs" zu der Ansicht gekommen, dass die Forderung nach finanzieller Entschädigung nicht an erster Stelle für die Betroffenen steht. Beratung und Therapie hätten einen höheren Stellenwert.

Dennoch empfiehlt sie den Institutionen, in denen Missbrauch stattgefunden hat, nicht nur für Therapiekosten aufzukommen, sondern auch eine Entschädigung an die Opfer zu zahlen - auch dann, wenn der Fall zivilrechtlich bereits verjährt ist. Zur Höhe solcher Entschädigungen steht nichts im Abschlussbericht, den Bergmann heute nach einem Jahr Arbeit vorgelegt hat. "Die Summe muss sich richten nach dem, was zu erzielen gewesen wäre als Schmerzensgeld, wenn es verfolgbar gewesen wäre. Es gibt Schmerzensgeldtabellen, daran kann man sich orientieren", sagte sie bei der Vorstellung des Berichts in Berlin.

Die zivilrechtliche Verjährungsfrist für sexuellen Missbrauch soll nach Auffassung von Bergmann künftig verlängert werden. Derzeit liegt sie bei drei Jahren. Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) hat bereits vorgeschlagen, die Frist auf 30 Jahre zu verlängern. Bergmann schlägt vor, die Verjährungsfrist erst ab dem 21. Lebensjahr des Opfers, nicht schon ab der Tat, beginnen zu lassen.

Die Bundesbeauftragte leitet ihre Empfehlungen nun an den Runden Tisch der Bundesregierung weiter, der Anfang Juni über das Thema Entschädigung berät. Die Katholische Kirche hatte bereits das Angebot gemacht, den Betroffenen 5000 Euro Entschädigung zu zahlen. Der Bund soll bei den Therapiekosten für Missbrauchsfälle innerhalb der Familie finanziell in die Pflicht genommen werden.

Blick auf das von Jesuiten betriebene Canisius-Kolleg in Berlin (AP)Blick auf das von Jesuiten betriebene Canisius-Kolleg in Berlin, wo Anfang 2010 mehrere Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs bekannt wurden. (AP)

Eineinhalb Jahre lang Gespräche mit Betroffenen

Nachdem zahlreiche Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch bekannt geworden waren, hatte die Bundesregierung im März 2010 den Runden Tisch sexueller Kindesmissbrauch eingerichtet, Bergmann wurde für eineinhalb Jahre in ihr Amt berufen. Es meldeten sich direkt Betroffene, aber auch Ehepartner, Freunde und Verwandte. Neun von zehn Betroffenen wurden mehrmals Opfer sexueller Gewalt, neun von zehn Tätern sind Männer. Und: Sexueller Missbrauch geschieht eher in der Familie als in der Schule oder im Internat.

Für die 71-jährige Christine Bergmann war sexueller Missbrauch kein neues Thema. Als Berliner Frauensenatorin und als Bundesfamilienministerin hatte sie bereits Kampagnen und Gesetzesinitiativen für Kinderschutz, gegen sexuelle Gewalt und Kinderpornografie auf den Weg gebracht. Das Amt der Beauftragten zur Aufarbeitung des Kindesmissbrauchs endet offiziell im Oktober. Eine unabhängige Anlaufstelle für Opfer sexuellen Missbrauchs müsse es aber auch danach geben, findet Bergmann.

Mehr Informationen auf dradio.de:

Missbrauchsbeauftragte: Schweigekartelle müssen gebrochen werden
"Es geht ja auch damit um Ansprüche" - Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger über die geplante Verlängerung der Verjährungsfrist bei Kindesmissbrauch

Scheitern der großen, gemeinsamen Lösung - Kommentar zu den Ergebnissen des Runden Tischs gegen sexuellen Missbrauch
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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:42 Uhr

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