Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Todesurteile in Weißrussland

Nach dem Bombenanschlag auf die Metro in Minsk spricht das Gericht die Höchststrafe aus

Von Robert Baag

Nach dem Attentat im April in Minsk wird eine Verletzte zum Krankenwagen gebracht. (AP)
Nach dem Attentat im April in Minsk wird eine Verletzte zum Krankenwagen gebracht. (AP)

Mitte April explodierte in der weißrussischen Hauptstadt Minsk eine Bombe in der U-Bahn. 15 Menschen starben, über zweihundert wurden verletzt. Heute wurden die beiden Angeklagten zum Tode verurteilt, doch es gibt Zweifel, ob die beiden Männer wirklich die Täter sind.

Der Wunsch, die Lage in Weißrussland zu destabilisieren und die Bevölkerung in Schrecken zu versetzen - das sei das Motiv gewesen, das den Textilarbeiter Dmitrij Konovalov und den Elektriker Vladislav Kovaljov dazu getrieben habe, Mitte April dieses Jahres eine Bombe in der U-Bahn von Minsk zu zünden, weshalb 15 Menschen getötet und über zweihundert verletzt worden seien. So begründete Richter Aleksandr Fedorcov die Todesurteile gegen die beiden 25jährigen Arbeiter aus Vitjebsk. - Doch Zweifel an der Täterschaft sind inzwischen weit verbreitet im Reich des Aleksandr Lukaschenko, des "letzten Diktators Europas", wie er oft genannt wird.

Schon einen Tag nach dem Anschlag, mitten im Zentrum der Hauptstadt Weißrusslands, in der Metro-Station "Oktjabrskaja", unweit seiner Residenz, hatte Lukaschenko höchstpersönlich das Verbrechen als "aufgeklärt" verkündet. Allerdings scheint die Beweiskette selbst nach dem zwei Monate dauernden Gerichtsverfahren weiterhin unvollständig. So habe man etwa an der Kleidung der beiden Angeklagten keinerlei Sprengstoffspuren nachweisen können, berichten Menschenrechtsaktivisten. Dem weißrussischen Geheimdienst KGB, der federführend ermittelt hat, werfen sie vor, zumindest den angeblichen Haupttäter Konovalov geschlagen zu haben, bis dieser schließlich die Tat eingeräumt habe. Vladislav Kovaljov, dem man Beihilfe vorgeworfen hat, beteuert dagegen seine Unschuld. Kovaljovs Mutter hat sich noch vor dem heutigen Urteilspruch über das russische Fernsehen an die Angehörigen der Toten und an die überlebenden Opfer gewandt, dabei mühsam ihre Tränen unterdrückend:

"Weil ich mit euch zusammen auf der Erde Weißrusslands lebe, bitte ich euch um Vergebung, für all das, was ihr durchmachen musstet, aber glaubt mir: Weder mein Sohn Vlad noch Dima Konovalov sind die Schuldigen dieses unfassbaren Verbrechens!"

Nicht wenige Menschen in Weißrussland halten es tatsächlich für möglich, dass angesichts der angespannten Stimmung nach den Dezemberwahlen 2010 die wahren Drahtzieher in den Reihen des KGB zu suchen sind. Der KGB gilt Lukaschenko gegenüber als loyal, manche sagen: "ergeben". Das Bombenattentat könnte deshalb, so wird spekuliert, ein Ablenkungsmanöver gewesen sein. - Doch selbst eine der im April Verletzten ist heute überzeugt:

"Das war einfach Mord!"", sagt Inessa, und setzt dann hinzu: "Ich brauche nicht noch zwei weitere Leichen als Opfer dieses Terroranschlags."

Gegen das Todesurteil für die beiden jungen Männer, die das Gericht als - Zitat - "extreme Gefahr für die Gesellschaft" bezeichnet hat, ist eine Berufung nicht mehr möglich. Nur Staatspräsident Lukaschenko kann noch, sofern er dazu bereit ist, eine Begnadigung aussprechen. Ansonsten droht den zwei Verurteilten die Exekution durch einen Pistolenschuss in den Hinterkopf - die übliche Hinrichtungsart in Weißrussland, dem letzten Land Europas, das die Todesstrafe noch anwendet.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:45 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Fazit

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Freispiel

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Landlust/Landfrust (1/2)Dorfleben im Wandel

Zwei ältere Dame tragen nach einem Einkauf ihre Lebensmittel nach Hause. (picture alliance/ dpa/ David Ebener)

Die Sehnsucht nach Natur, Ruhe und Dorfidylle ist in der Gesellschaft groß. Mit der Realität hat diese Vorstellung des Landlebens oft wenig zu tun. Kerstin Faber hat sich intensiv mit ländlichen Regionen auseinandergesetzt. Ein Problem seien Dörfer mit großer Überalterung, sagte sie im DLF. "Da haben wir es mit einem Abbau der Daseinsvorsorge zu tun."

Berlinale 2017"Vollmundiger Jahrgang mit kratzigem Abgang"

Die Filmkritiker Peter Körte ("FAS") und Katja Nicodemus ("Zeit") nach ihrem Gespräch mit Deutschlandradio Kultur auf der Berlinale 2017. (Deutschlandradio / Cornelia Sachse)

Das Gleichnis eines guten Weines fällt der Filmkritikerin Katja Nicodemus zum Wettbewerb des diesjährigen Berliner Filmfestivals ein. "Ich habe wenig gesehen, was mich umgehauen hätte", hält ihr Kollege Peter Körte dagegen.

Hanya Yanagihara: "Ein wenig Leben"Ein umwerfender und suspekter Roman

"Ein wenig Leben" von Hanya Yanagihara. Im Hintergrund: die Skyline von New York. (Hanser / picture-alliance / dpa)

Dieser Roman geht an Grenzen: Die amerikanische Schriftstellerin Hanya Yanagihara erzählt in "Ein wenig Leben" von exzessivem menschlichen Leid. Im Zentrum stehen vier Männer aus New York. Einer von ihnen, Jude, ist von einem düsteren Geheimnis umgeben, das seine Freunde, aber auch den Leser in Bann hält.

Deutscher KolonialismusUnheilvolle Kontinuitäten

A performance shows the treatment of Hereros in 1904 at a ceremony commemorating the killing of thousands of Hereros by German troops, at Okakarara, 250 km northwest of Windhoek, Namibia, Saturday, 14 August 2004. Germany on Saturday asked the Herero people of Namibia to forgive it for the massacres committed by its troops during a three year uprising 100 years ago. (picture alliance / dpa / WIEBKE GEBERT)

Prügel mit dem Tauende oder doch mit der Nilpferdpeitsche? Die Frage, wie die zwangsverpflichteten schwarzen Arbeiter in den deutschen Kolonien "zur Arbeit erzogen", "zivilisiert" werden sollen, diskutierten Politiker und Mediziner vor etwas mehr als hundert Jahren in aller Öffentlichkeit.

GewaltenteilungFinanz als vierte Gewalt?

Legislative, Exekutive, Judikative und Finanzwesen: So zählt der Kulturwissenschaftler und Philosoph Joseph Vogl die Gewaltenteilung auf. Das mit dem Finanzwesen kennen wir aber so nicht aus der Schule. Er sagt: Wer das Finanzwesen als vierte Macht im Staate nicht (an)erkennt, sitzt einer Legende auf.

Petras inszeniert O'NeillSippe mit unheilvoller Vergangenheit

Armin Petras, der Intendant des Schauspiels Stuttgart, steht am 02.06.2016 im Opernhaus in Stuttgart (Baden-Württemberg) im Foyer an einer Treppe. (picture alliance / dpa / Bernd Weißbrod)

Eine Familie steuert in den Untergang: Überraschend fein und intim inszeniert Armin Petras "Eines langen Tages Reise in die Nacht" von Eugene O'Neill am Schauspiel Stuttgart. In der Rolle der schuldbeladenen Mutter glänzt - der Schauspieler Peter Kurth.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Waffenhandel  Geschäft mit Rüstungsgütern wächst weiter | mehr

Kulturnachrichten

Solidaritätsaktion: Berliner Autokorso für Deniz Yücel  | mehr

Wissensnachrichten

Trump-Rede  Schweden scherzen über angeblichen Anschlag | mehr