Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Tote und Verletzte vor Ablauf des Ultimatums in Ägypten

Opposition nennt Rede von Präsident Mursi Aufruf zum Bürgerkrieg

Schuh als Sinnbild des geforderten Abtritts: Gegner des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi (picture alliance / dpa / LI MUZI)
Schuh als Sinnbild des geforderten Abtritts: Gegner des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi (picture alliance / dpa / LI MUZI)

Heute endet in Ägypten ein Ultimatum der Militärs für eine Lösung der Krise durch die Politik. In einer Fernsehrede lehnte Präsident Mohammed Mursi erneut seinen Rücktritt ab - in den Augen der Opposition ein Aufruf zum Bürgerkrieg.

Bei Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern des Staatschefs wurden im Anschluss an die Rede von gestern Abend mindestens 16 Menschen getötet. 200 Personen seien verletzt worden, hieß es in einer Stellungnahme des Gesundheitsministeriums. Im ganzen Land gingen Hunderttausende Menschen auf die Straßen.

Wieder kamen gestern Abend Zehntausende auf den Kairoer Tahrir-Platz, um gegen Mursi zu demonstrieren (picture alliance / dpa / AHMED ASAD \ APAIMAGES)Wieder kamen gestern Abend Zehntausende auf den Kairoer Tahrir-Platz, um gegen Mursi zu demonstrieren (picture alliance / dpa / AHMED ASAD \ APAIMAGES)Die Opposition in Ägypten kritisierte die Ankündigung Mursis, im Amt zu bleiben, scharf. Der Sprecher der Nationalen Heilsfront, Chaled Dawud, sagte in Kairo, Mursis Rede sei ein offener Aufruf zum Bürgerkrieg. Der Präsident verweigere sich weiter dem Willen des Volkes.

Mursi hatte in der Fernsehansprache einen Rücktritt erneut ausgeschlossen. Das Militär forderte er auf, ein Ultimatum zurückzunehmen. Die Armee hatte ihm und seinen Gegnern eine Frist bis heute Nachmittag gesetzt, um ihren Streit beizulegen. Das Militär ließ erklären, man werde Ägypten gegen jede Form von Terrorismus, Radikalismus und Dummheit verteidigen. Mursi traf am Abend mit Verteidigungsminister Abdel Fattah al-Sissi zusammen, der auch Armeechef ist.

Nach Einschätzung des Deutschlandradio-Korrespondenten Hans Michael Ehl, der aus Kairo berichtet, muss das Militär Stärke zeigen, sollte Mursi das Ultimatum unbeachtet verstreichen lassen und sich weiterhin weigern, in einen demokratischen Dialog einzutreten.

IAEA-Chef Mohammed el Baradei in Teheran (AP)Der ehemalige IAEA-Chef El Baradei ist neuer Sprecher der Opposition. (AP)Mursi ließ gestern ein erstes Ultimatum verstreichen: Die Regierungsgegner hatten ihn für den Nachmittag zum Rücktritt aufgefordert. Die Opposition teilte mit, ihre wichtigsten Parteien hätten sich auf den früheren Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, Mohammed El Baradei, als gemeinsamen Repräsentanten verständigt. Der Friedensnobelpreisträger solle ein Szenario entwerfen, mit dem ein politischer Übergang möglich werde.

Mehrere Minister zurückgetreten

Sonntagnacht hatte Außenminister Mohamed Kamel Amr seinen Rücktritt eingereicht. Er ist das bislang ranghöchste Kabinettsmitglied, das sich von Mursi distanziert und nun den Druck auf den islamistischen Präsidenten weiter verstärkt. Davor waren fünf Minister offenbar aus Sympathie für die Opposition zurückgetreten. Auch der Sprecher des ägyptischen Präsidenten, Ehab Fahmy, sowie der Regierungssprecher Alaa al-Hadidi haben ihre Ämter niedergelegt.

Anti-Mursi-Proteste: Straßenszene von gestern Abend unweit des Kairoer Präsidentenpalasts (picture alliance / dpa / AMRU SALAHUDDIEN)Anti-Mursi-Proteste: Straßenszene von gestern Abend unweit des Kairoer Präsidentenpalasts (picture alliance / dpa / AMRU SALAHUDDIEN)Außerdem musste der Präsident eine juristische Niederlage hinnehmen. Die Justiz setzte den von Mursi im November entlassenen Generalstaatsanwalt Abdel Meguid Mahmud wieder ein.

Wie Deutschlandfunk-Korrespondent Marcus Pindur berichtet, hat US-Präsident Barack Obama in einem Telefonat mit Mursi betont, die USA würden sich nicht auf die Seite einer bestimmten Partei schlagen. Mursi müsse jedoch den anderen Stimmen Ägyptens ebenso Gehör verschaffen wie seiner eigenen Partei, der Muslimbruderschaft.



Mehr auf dradio.de:

Grünen-Politikerin: Neuanfang in Ägypten notwendig
Franziska Brantner zweifelt, ob Mohammed Mursi ein Demokrat ist
Ägypten: "Diese Massenbewegung ist gewaltig" - Publizist Abdel-Samad über die Proteste gegen Präsident Mursi
Perthes: Mursi und Opposition müssen kompromissbereit sein - Politikwissenschaftler fordert Ende der Entscheidungsblockaden in Ägypten
Angst vor Gewalt in Ägypten - Tausende Demonstranten versammeln sich in Kairo

Weitere Links:

Ahram Online: Live Updates
Egypt Independent

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:13 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 16:35 Uhr Forschung aktuell

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 15:30 Uhr Tonart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

KatholikentagLöhrmann begrüßt AfD-Ausschluss

Sylvia Löhrmann (Die Grünen), Bildungsministerin in Nordrhein-Westfalen. (imago / IPON)

AfD-Politiker sind bereits im Vorfeld von den Diskussionen des 100. Deutschen Katholikentages ausgeschlossen worden. Sylvia Löhrmann, Grünen-Politikerin und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, hält das für richtig. Die Katholische Kirche stehe für eine humane Flüchtlingspolitik, und die AfD bekämpfe diese in Teilen, sagte sie im DLF.

PopulismusWir sind ein Land der Opfer geworden

Teilnehmer einer Kundgebung der fremden- und islamfeindlichen Pegida haben sich am Königsufer in Dresden versammelt. (Hendrik Schmidt, dpa picture-alliance)

Populistische Bewegungen und Parteien erleben in Europa wieder starken Aufwind - von rechts wie von links. Deren Botschaft lautet "Ihr seid Opfer, und wir sind die Einzigen, die euch verstehen", meint der Philosoph Christian Schüle. Einen Ausweg sieht er nur in mühsamer Demokratie-Arbeit.

ChinaAKW Hualong 1 für den Sudan

China exportiert Reaktortechnik und baut im Sudan das erste Atomkraftwerk des Landes. Für China ist das der Auftakt. Geplant ist der Export von 30 Reaktoren bis 2030.

Haseloff zum Integrationsgesetz"Sonst verlieren wir die Unterstützung der Menschen"

Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU). (imago / Simone Kuhlmey)

Reiner Haseloff sieht im geplanten Integrationsgesetz "die richtigen Schwerpunkte gesetzt". Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt fordert aber eine stärkere Beteiligung des Bundes an den Kosten der Integration. "Wenn wir kommunale Aufgaben nicht mehr erfüllen können, verlieren wir die Unterstützung der Menschen", sagte er im Deutschlandfunk.

VenezuelaIn den Supermärkten fehlt es an allem

Sie sehen eine Frau, die einen Fisch putzt, rechts und links stehen Kinder. (AFP / Juan Barreto)

Der Leiter des Büros der Friedrich Ebert Stiftung (FES) in Caracas, Benjamin Reichenbach, sieht Venezuela nah am Staatsbankrott. Es komme zu Protesten und Plünderungen, weil es an Lebensmitteln fehle und das Land aus der Wirtschaftskrise nicht herauskomme.

Goethe-Institut in NowosibirskTheater in der Dunkelkammer

"Küchengespräche" auf der Bühne in der als "Dunkelkammer" eingerichteten mobilen Bühne in einem Kaufhaus in Nowosibirsk. (Goethe-Institut Nowosibirsk / Alexej Ziller)

Im sechsten Stock eines Luxuskaufhauses im sibirischen Nowosibirsk richteten Berliner Theatermacher eine "Dunkelkammer" ein. Dort luden sie Experten und Zuschauer zu "Küchengesprächen" über Totalitarismus und den russischen Aktionskünstler Pjotr Pawlenski ein.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Gefangenenaustausch  Ukrainische Pilotin Sawtschenko ist frei | mehr

Kulturnachrichten

Kassel erwirbt unbekannte Gebrüder Grimm-Briefe  | mehr

Wissensnachrichten

Wohnen  Hotel Mama liegt voll im Trend | mehr