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Traditionen von Eisen und Stahl

Reihe Ansichtssache Deutsche Einheit (6): Die Industriestandorte Eisenhüttenstadt und Duisburg

Von Axel Flemming und Barbara Schmidt-Mattern

Ein Stahlwerker arbeitet im Hochofen des EKO-Stahlwerkes im brandenburgischen Eisenhüttenstadt. (AP)
Ein Stahlwerker arbeitet im Hochofen des EKO-Stahlwerkes im brandenburgischen Eisenhüttenstadt. (AP)

Einst waren Eisenhüttenstadt und Duisburg bekannt für die Stahlproduktion. Mehrere tausend Tonnen Stahl wurden in den 80er Jahren hier täglich erzeugt. Inzwischen suchen beide nach Alternativen, um mit dem Strukturwandel nach der Wende Schritt zu halten.

Eisenhüttenstadt erliegt dem Strukturwandel


Die Lindenallee, eigentlich eine mindestens vierspurige Magistrale, aber da hier nicht mehr so viele Autos fahren, hat die Stadtverwaltung einen Mittelstreifen angelegt für Parkplätze. Drumherum vierstöckige Gebäudereihen, im Erdgeschoss mit einer Ladenzeile. Das Ende der Hausreihe schließen Hochhäuser ab. Die Nummer 18 ist saniert, im Treppenhaus ist es so sauber, man könnte vom Boden essen. An der Wand neben dem Aufzug hängt ein Putzplan für die 33 Mietparteien. Im 5. Stock wohnt Gilda Helm.

Die jetzt über 75jährige kam als Vertriebene - im DDR-Deutsch Umsiedlerin von östlich der Oder. Die Stadt war im noch Werden und hieß anfangs schlicht EKO-Wohnstadt, nach EKO, dem Eisenhütten-Kombinat-Ost. Am 7. Mai 1953 bekam sie den Namen Stalinstadt, der sowjetische Diktator Stalin war im März 1953 gestorben. Erst später folgte die lokale Entstalinisierung.

"1961, als Stalin zu den Akten gelegt wurde, so will ich mal sagen, wurde Stalinstadt über Nacht in Eisenhüttenstadt umbenannt. Und so leben wir heute noch."

Gearbeitet hat auch Helm bei EKO. Während das Stahlwerk einst 12.000 Menschen Arbeit bot, sind heute im Werk des ArcelorMittal-Konzerns und den Betrieben in seinem Umfeld nur noch die Hälfte beschäftigt. Gilda Helm sieht das Gelände von ihrem Balkon aus. Die Industrie-Facharbeiterin ist seit 1990 nicht mehr dabei, die haben mich rausgeworfen, sagt sie mit einem bitteren Zug um die Mundwinkel:

"Ich bin immer tätig gewesen, um andern Menschen zu helfen. Und dadurch, dass ich nun von heute auf morgen rausmusste, bin ich in ein tiefes Loch gefallen."

Aber Helm ließ sich nicht ins Bockshorn jagen. Sie arbeitet bis heute noch ehrenamtlich, unter anderem für das Dokumentationszentrum DDR Alltagskultur. Besucher können erste Informationen zur Stadtgeschichte einholen. Eisenhüttenstadt sollte ein Muster sein, ein Labor, dass die Zukunftsvision des Sozialismus vorwegnahm.

Allerdings wurde nur bis etwa 1955 auch wirklich nach diesen Plänen gebaut. Dann zeigten sich die ersten folgen von Plan- und Mangelwirtschaft: das Bauen nach dem Ideal war zu teuer, beim dritten und vierten Wohnkomplex wurde schon gespart.

Mittlerweile ist vieles saniert, einiges abgerissen, mit dem Wegfall der Arbeitsplätze zogen viele fort, weniger Kinder wurden geboren. 1990 hatte Eisenhüttenstadt 52.000 Einwohner, inzwischen sind es nur noch knapp 31.000 - so etwa die Größe, für die die Stadt in den 50er-Jahren ausgelegt war.

Noch liegt der Altersdurchschnitt bei 48 Jahren, Tendenz steigend; in ihrem Haus wohnen jetzt schon nur noch alte Leute, sagt Gilda Helm, 60, 70 und älter. Ihre Zukunftsvision:

"Nicht viel. Das einzige ist das EKO als Arbeitgeber, anderes existiert nicht mehr. Und das tut weh!"

Duisburg - Suche nach Alternativen


Das Archivbild vom Oktober 1992 zeigt das Krupp-Stahlwerk in Duisburg Rheinhausen. (AP Archiv)Das Archivbild vom Oktober 1992 zeigt das Krupp-Stahlwerk in Duisburg Rheinhausen. (AP Archiv) Die Sauerstoff-Flaschen funktionieren – wäre Tauchlehrer Christian Pattsack nicht gerade erkältet, würde er sofort ins Wasser gehen. Vor fünf Jahren hat er in der alten Thyssenhütte, genauer im stillgelegten Gasometer, eine Tauchschule gegründet.

"Wenn wir damals gesagt haben, wir bauen im Stahlwerk ein großes Tauchzentrum auf, wurden wir belächelt."

Von außen sieht der Gasometer aus wie ein riesiger Eisen-Eimer, von innen ist er bis oben gefüllt mit 21 Millionen Liter Wasser. Seine Tauchschule, sagt Pattsack, bietet das größte Innenraumbecken in Europa:

"Dadurch sind wir halt sehr publik geworden um den Leuten zu zeigen: Hey, bei uns im Ruhrgebiet können wir alles. Also ich bereite die Leute vor dem Urlaub vor, damit sie im Urlaub wirklich bunte Fische schauen können."

Mit Kultur und Freizeitangeboten im ehemaligen Hüttenwerk stemmt Duisburg den Strukturwandel. Doch auch Stahl spielt noch immer eine Rolle, drei Großkonzerne aus der Branche produzieren in der Revierstadt. Duisburgs Hafen rühmt sich weiter als Drehkreuz für die europäische Binnenschifffahrt. Rundum stehen dort heute modernde Bürogebäude, entworfen von Sir Norman Foster. Aus Alt mach neu – diese Idee gefällt auch Baldo Brenner:

"Wir gehen jetzt ungefähr auf 55 Meter."

Der Hochofen 5 im Landschaftspark ist sein Revier: Flink steigt der Rentner die Stufen aus Eisengitter hinauf, bis zur Hebelbühne. In den 80ern wurden hier täglich tausend Tonnen Roheisen erzeugt. Nach der Stilllegung 1985 bleibt Hochofen 5 "besenrein und wiederanblasefähig" zurück, wie es heißt. Massive Bürgerproteste hatten die Anlage zuvor vor dem Abriss bewahrt:

"Bis zu dieser höchsten Stelle wo wir jetzt hochgehen können sind es 55 Meter und haben ungefähr so 250 Stufen ... und das schaffen wir."

Jahrzehnte hat der 76-Jährige hier in der ehemaligen Thyssenhütte verbracht, hat sich hochgearbeitet vom Schreiner zum Betriebschef – bis heute, sagt Brenner, kennt er jede Schraube mit Namen:

"Früher war das hier ein Familienbetrieb. Hier hat der Großvater, der Vater und der Sohn gearbeitet. Und das ist ja jetzt alles nicht mehr. Das war ja eine Ausnahme hier – und das ist ein bisschen Traurigkeit."

Aber die verfliegt schnell wieder. Heute kommen pro Jahr über siebenhunderttausend Besucher in den Landschaftspark Nord, aus Spanien, England oder sogar China.

"Hier gehen ja hunderte von Menschen hoch. Wir haben ja hier ein Theater, eine Messehalle, wir haben hier einen Klettergarten zum Beispiel. Hervorragend angenommen worden."

Weiter geht es nach oben, bis auf 55 Meter – die Aussichtsplattform auf dem Hochofen ist Baldo Brenners Lieblingsort. Einige hundert Meter weiter in Richtung Westen steht das moderne Thyssen-Krupp-Werk:

"Und da sehen wir also Groß-Hochöfen. Dieser hat man mal hier tausend Tonnen in 24 Stunden gebracht, die bringen dreizehntausend Tonnen - das soll man sich nur mal vorstellen!"

Unterm Strich, davon ist Brenner überzeugt – hat der Strukturwandel auch seine guten Seiten:

"Und vor allen Dingen freu ich mich auf ein wenig, dass diese Hochöfen nicht mehr so qualmen und so viel Dreck verursachen, wie es früher einmal war. Wenn meine Mutter morgens das Fenster aufgemacht hat, dann lag zwei Zentimeter Staub auf der Fensterbank. Und jetzt ist das alles wunderschön hier und das ist doch eine tolle Sache!"

Überblick "Ansichtssache Deutsche Einheit"

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:38 Uhr

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