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Trauer um den samtenen Revolutionär

Weltweite Würdigung Vaclav Havels

Ehrenwache für Vaclav Havel in Prag (dpa / picture alliance / Filip Singer)
Ehrenwache für Vaclav Havel in Prag (dpa / picture alliance / Filip Singer)

Tschechien trauert um seinen verstorbenen früheren Staatspräsidenten Vaclav Havel. Im ganzen Land läuteten am Sonntagabend die Kirchenglocken. Politiker und Intellektuelle weltweit würdigten Havels Rolle als Dissident, Repräsentant und Schriftsteller.

Havel war am Sonntag im Alter von 75 Jahren gestorben. Während der kommunistischen Herrschaft in der damaligen Tschechoslowakei geriet der Schriftsteller Havel wegen seiner kritischen Texte - u.a. durch sein Stück "Das Gartenfest" - immer wieder in Konflikt mit der Obrigkeit, erhielt zeitweilig Publikationsverbot und landete für seine Haltung immer wieder im Gefängnis. Er war Mitinitiator und Unterzeichner der "Charta 77", die Grundrechte wie Meinungsfreiheit einforderte.

Zur Zeit der Wende wurde er zur Symbolfigur der samtenen Revolution. Kurz nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft wurde ihm das Präsidentenamt angetragen. Er nahm an und blieb bis 2003 Präsident, allerdings ab 1993 nur noch der tschechischen Republik, denn die Tschechoslowakei hatte sich zweigeteilt.

Über der Prager Burg, dem Sitz des Präsidenten, wurden als Zeichen der Trauer schwarze Fahnen aufgezogen. In der Prager Innenstadt versammelten sich Zehntausende Menschen mit Kerzen, um des verstorbenen Präsidenten zu gedenken.

Der Sarg mit Havels Leichnam soll am Mittwoch in der Prager Burg aufgebahrt werden, die Beerdigung ist für Freitag geplant.

Genscher: "Er war das Symbol der Freiheit"


Der ehemalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher hat Vaclav Havel als einen "der ganz Großen unserer Zeit" gewürdigt. Im Deutschlandfunk sagte Genscher:

Vaclav Havel 2007 (dpa / picture alliance / Jacek Bednarcyk)Vaclav Havel 2007 (dpa / picture alliance / Jacek Bednarcyk)"Ich sage bewusst nicht Politiker oder Staatsmann, das war er auch, aber er war eben auch ein Mann des Geistes, ein Mann der Väter, ein Mann des Wortes, ein Mann, der Menschen fesseln und beeindrucken, aber vor allem ermutigen konnte. Und das ist ein Verlust, den man in seinen Auswirkungen gar nicht beschreiben kann, wenn wir jetzt sagen müssen, er wird jetzt nicht mehr zu uns sprechen. Aber durch das, was er getan hat, spricht er noch zu Generationen in Europa."

Die Deutschen seien Havel zu besonderem Dank verpflichtet, "denn er hat ja zur Aussöhnung zwischen Tschechen und Deutschen so unendlich viel beigetragen", so Genscher weiter.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte Havel in einem Kondolenzschreiben als "großen Europäer".

Vaclav Havel sei ein Meister des Wortes gewesen, der interessante ästhetische Normen in die öffentliche Rede gebracht habe, findet der Sprachwissenschaftler Peter Kosta. Von seiner brillanten Rhetorik hätten Tschechen und Deutsche profitiert, sagte Kosta im Deutschlandfunk:

"Havel ist einfach ein Meister des Wortes, und das ist, glaube ich, eigentlich sein Hauptverdienst, dass er die Politik auch zu einer fast hohen Kunst erhoben hat - durch die rhetorische Kunst, die eigentlich auch schon mal da war unter Cicero und anderen berühmten Rednern. Also er ist eigentlich ein Humanist und er ist ein Mensch, der sozusagen die Gesellschaft wieder dahin bringt, wo sie sozusagen neue Impulse und interessante ästhetische auch Normen in die Redekunst einbringt."

Kein Bedürfnis nach Rache habe Vaclav Havel gezeigt, berichtet Jitka Jilkova, die Leiterin des deutschsprachigen Theaterfestivals in Prag. Er sei eine Versöhnungsfigur gewesen, habe aber für seine Überzeugungen mit "einer gewissen Härte" gekämpft, betonte Jilkova im Deutschlandfunk.


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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:46 Uhr

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