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Trauer um Horst-Eberhard Richter

Ein unbequemer Menschenfreund - Psychoanalytiker wurde 88 Jahre alt

Horst Eberhard Richter (AP)
Horst Eberhard Richter (AP)

"Ich beobachte eine Unfähigkeit der Politik, vom kurzfristigen Denken wegzukommen", sagte der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter noch im vergangenen Jahr in einem Interview. Unbequem blieb er bis zum Schluss – im Alter von 88 Jahren ist Horst-Eberhard Richter gestorben.

Mit Richter starb nicht nur einer der bedeutendsten deutschen Psychoanalytiker, sondern auch einer der wichtigsten Vertreter der Friedensbewegung - sein Verdienst bestehe vor allem darin, Erkenntnisse der Psychoanalyse "in die Praxis überführt" zu haben, sagte die Psychoanalytikerin, Medizinerin und Buchautorin Margarete Mitscherlich im Deutschlandradio Kultur.

Die Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts, Marianne Leuzinger-Bohleber, hat Horst-Eberhard Richter als "sehr milde, sehr verständnisvoll" erlebt. Auch jüngeren Menschen habe er noch etwas zu sagen, sein Habilitationswerk "Eltern-Kind-Neurose" werde auch heute von Studenten gelesen.

Kritisch und neugierig

Schon die Bezeichnungen seiner Arbeit dokumentierten die Vielseitigkeit dieses kritischen und neugierigen Wissenschaftlers. Er war Psychoanalytiker, Psychosomatiker, Friedensaktivist, Professor, Sozialphilosoph und - nicht zuletzt und immer wieder - Buchautor. Bei all diesen Aktivitäten war Richter, Jahrgang 1923, vor allem von Neugier und Menschlichkeit angetrieben.

"Eltern, Kinder und Neurose"

Der aus Berlin stammende Richter verstand seine ursprüngliche Arbeit als Psychoanalytiker immer auch als Teil gesellschaftlicher Aufklärung. Bis heute gilt er als Wegbereiter der Familientherapie. Im Zentrum dabei stand die Frage, ob und wie gestörte Eltern (oder Elternbeziehungen) ihre Kinder krank machen können. Mit dem Standardwerk "Eltern, Kinder und Neurose" aus dem Jahr 1963 eröffnete Richter damit auch der Erziehungswissenschaft eine neue Sichtweise.

Im Jahr 1962 hatte Richter einen Lehrstuhl für Psychosomatik an der Universität Gießen übernommen. Von 1992 bis 2002 leitete er dann das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt am Main. In seinen zahlreichen Veröffentlichungen warb Richter etwa für das "Lernziel Solidarität" (1974) oder kritisierte in seinem Buch "Der Gotteskomplex" (1979) den – wie er es nannte – "Allmachtswahn der westlichen Fortschrittsgesellschaft".

Demos, Sitzblockaden - und immer wieder Bücher

Inzwischen war der Forscher und Analytiker einer breiteren Öffentlichkeit in der Bundesrepublik bekannt geworden. Seine Popularität nahm noch zu, als er sich in den 80er-Jahren für die Friedensbewegung engagierte. Richter nahm an Demonstrationen und Sitzblockaden teil. Zusammen mit Gleichgesinnten gründete er 1982 die deutsche Sektion der Organisation "Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges", kurz IPPNW. Nicht zuletzt dieses Engagement brachte dem international renommierten und mit vielen Preisen bedachten Wissenschaftler auch Kritik ein. Richter galt für viele als Prototyp des "Gutmenschen".

Der 88-Jährige starb, wie die IPPNW in Berlin unter Berufung auf die Familie mitteilte, nach kurzer schwerer Krankheit. Die Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag, Renate Künast und Jürgen Trittin, würdigten Richter als einen Menschen, der sich mit den gesellschaftlichen Zuständen nicht abgefunden habe.

Dies war nicht zuletzt auch für die Herrschenden unbequem. "Moral in Zeiten der Krise", so der Titel seines 2010 erschienenen Buches. In dem besagten Interview – mit der "Frankfurter Rundschau" – sagte Richter im vergangenen Jahr noch, dass es "mit der derzeitigen Bürgerferne der Politik nicht ohne Schaden für das demokratische Klima im Lande weitergehen" könne.



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:46 Uhr

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