Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Überraschender Kompromiss beim Umweltgipfel

Abschlusserklärung steht - Greenpeace entsetzt

20 Jahre nach dem ersten Erdgipfel trifft sich die Weltgemeinschaft erneut in Rio
20 Jahre nach dem ersten Erdgipfel trifft sich die Weltgemeinschaft erneut in Rio (United Nations)

Nach zähen Verhandlungen haben sich die Delegationen in Rio vor dem heutigen Beginn des Gipfels auf einen Kompromiss geeinigt. Umweltorganisationen reagierten geschockt - der vorliegende Deklarationsentwurf biete keine Antwort auf drängende Umweltfragen.

In dem Papier, das der Nachrichtenagentur dapd vorliegt, bekennen sich die UN-Staaten zum Prinzip der Nachhaltigkeit und bezeichnen die Überwindung von Armut als die "größte weltweite Herausforderung". Hierfür setzen die UN vor allem auf das Prinzip des "Grünen Wirtschaftens", für das jedes Land allerdings ein eigenes Konzept wählen kann, der aus einem Mix gesetzlicher Vorgaben, freiwilliger Ansätze und marktwirtschaftlicher Anreizen bestehen kann. Das UN-Umweltprogramm (UNEP) soll aufgewertet werden.

Umweltorganisationen reagierten geschockt

Über den von Brasilien vorbereiteten Text waren zuvor Differenzen offen zutage getreten. Die Europäer hatten ihn als zu schwach kritisiert und eine alternative Version gefordert. Kurzzeitig wurden die Verhandlungen sogar unterbrochen.Der Entwurf trägt aber wie die von Brasilien vorgebrachte erste Fassung weiterhin den Titel "Die Zukunft, die wir wollen". "Diese Erklärung wird von den Staats- und Regierungschefs ratifiziert werden", sagte ein Diplomat. Es wird nicht erwartet, dass der Entwurf noch einmal verändert wird.

Umweltorganisationen reagierten entsetzt auf die Entscheidung. "Damit ist der Gipfel vorbei, bevor er angefangen hat", sagte Greenpeace-Experte Martin Kaiser der Nachrichtenagentur dpa in Rio. Der vorliegende 49 Seiten starke Entwurf gebe keine Antwort auf die Umweltkrisen der Welt. Der WWF warf der brasilianischen Präsidentschaft vor, den Text für das Abschlussdokument vor der eigentlichen Konferenz mit den Staatschefs festzuzurren, so dass kein Raum für Verhandlungen bleibe.

Verschiedene Nichtregierungsorganisationen hatten den Entwurf zuvor bereits scharf kritisiert und diesen als Misserfolg bezeichnet. Die am heutigen Mittwoch offiziell beginnende Konferenz soll neue Anstöße zu mehr Umweltschutz und Nachhaltigkeit geben und Signale im Kampf gegen die Armut setzen.

Europäer und Naturschützer unzufrieden

Die französische Umweltministerin Nicole Bricq hatte an dem ersten Entwurf fehlendem Ehrgeiz kritisiert. Bis jetzt handle es sich besonders bei den Punkten zur nachhaltigen Entwicklung "lediglich um Absichtserklärungen". Kritik an der ersten Version kam auch von zahlreichen Naturschutz- und Hilfsorganisationen.

Dutzende Wissenschaftler, Nobelpreisträger und ehemalige Staats- und Regierungschefs betonten in einer gemeinsamen Botschaft an die Gipfelteilnehmer die Dringlichkeit wirksamer Umweltschutzmaßnahmen. "Wir stehen an der Schwelle zu einer Zukunft mit beispiellosen Umweltrisiken", hieß es in dem Appell, zu dessen Unterzeichnern unter anderen Chemie-Nobelpreisträger Yuan-Tseh Lee und Norwegens Ex-Regierungschefin Gro Harlem Brundtland gehörten.

Altmaier für UN-Umweltorganisation

Peter Altmaier (CDU), BundesumweltministerBundesumweltminister Peter Altmaier (CSU) (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)Bundesumweltminister Peter Altmaier hatte sich am frühen Morgen unzufrieden mit dem Fortgang der Beratungen geäußert. "Sitzen seit Stunden und warten auf Text der Präsidentschaft", teilte der CDU-Politiker am Morgen via Twitter mit. Altmaier macht sich für eine eigene Umweltorganisation der Vereinten Nationen stark. "Das heutige UN-Umweltprogramm ist leider in vielen Bereichen nicht wirklich effizient. Die Wege sind zu lang, die Entscheidungen zu umständlich", sagte Altmaier in einem Interview für den Youtube-Kanal der Bundesregierung. Es gelte, das Programm aufzuwerten, "am liebsten zu einer eigenen Organisation wie die Weltgesundheitsorganisation".

Der frühere Bundesumweltminister und ehemalige Leiter des UN-Umweltprogramms, Klaus Töpfer, bezeichnete die globalen Bemühungen zur Rettung des Planeten für unzureichend. "Frustrierend ist sicherlich, dass wir uns nach wie vor unter dem Diktat der Kurzfristigkeit in dieser Welt bewegen", sagte er dem Bayerischen Rundfunk. Die sei eine "ganz gefährliche Situation".

Fahrplan gesucht

Konkret will sich die Staatengemeinschaft bei dem Gipfel auf einen Fahrplan für die Zeit ab 2015 verständigen. Dann laufen die acht UN-Millenniumsziele aus dem Jahr 2000 aus, die unter anderem vorsahen, bis 2015 die Zahl der Hungernden weltweit zu halbieren. An die Stelle der Millenniumsziele könnten die "Sustainable Development Goals" (SDG) treten, die Kriterien für eine umweltverträgliche Entwicklung formulieren sollen. Zur Diskussion steht ferner auch, einen UN-Rat für nachhaltige Entwicklung einzurichten.

Das "Rio+20"-Gipfeltreffen mit mehr als 190 Teilnehmern berät bis Freitag über die Möglichkeiten nachhaltiger Entwicklung. Zu den Teilnehmern zählen knapp 120 Staats- und Regierungschefs. Deutschland wird durch Altmaier und Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) vertreten.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:53 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 17:30 Uhr Kultur heute

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 17:30 Uhr Nachspiel

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Pegida-ProtesteTillich: "Organisatoren nicht dialogbereit"

Stanislaw Tillich, Ministerpraesident Sachsen

Der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) wirft den Pegida-Organisatoren vor, keinerlei Bereitschaft zum Dialog zu zeigen. Sie äußerten einseitig ihre Meinung, verweigerten aber die Diskussion mit der Kommunal- und Landespolitik, sagte Tillich im DLF.

Glaube in US-LiteraturIn God we trust

Religion ist ein zentrales Motiv in der amerikanischen Gegenwartsliteratur.

Amerikas Literaten sind stets auf der Suche nach Schuld und Sühne, nach Erlösung und biblischen Bildern. Die Religion ist ein Grundmotiv in der Gegenwartsliteratur in den USA.

TransplantationsmedizinHerzschmerz

Herz in Sand gemalt

Im Dezember 1967 stirbt der Gemüsehändler Louis Washkansky im afrikanischen Kapstadt an einer Lungenentzündung. Der traurige Tod von "Washy" steht aber auch für eine Erfolgsgeschichte - für die erste gelungene Herztransplantation der Welt.

DVD-CollectionFrancis Ford Coppola

Der Regisseur Francis Ford Coppola freut sich im Jahr 1975 über vier Oscars für den Film "Der Pate – Teil II"

Seine Filme markierten zugleich den Höhe- und Endpunkt des amerikanischen New Hollywoodkinos: Francis Ford Coppola. Das Label Althaus hat nun erstmals in einer einzigen DVD-Edition seine wichtigsten Filme mit viel Bonusmaterial herausgebracht.

Xavier-Laurent Petit: Mein kleines dummes Herz"Eine einzigartige Gemeinschaft"

Frauen auf einem Markt in Touba, Senegal.

Die 9-jährige Sisanda ist die Protagonistin der Geschichte. Gemeinsam lebt sie mit Mutter und Großmutter in einem afrikanischen Dorf. Sisanda leidet an einem Herzfehler und braucht dringend eine Operation, die sie sich nicht leisten kann. Doch sie verliert nie den Mut.

VerfassungsrechtKrisen und Routine auch vor Gericht

Die Verfassungsrichter in Karlsruhe gelten als "Hüter der Demokratie". Susanne Baer ist eine von denen, die die rote Robe tragen dürfen. Die Richterin erzählt aus ihrem Alltag.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Schwere Sicherheitsmängel  am Flughafen Frankfurt | mehr

Kulturnachrichten

Lyon eröffnet spektakulären Museumsbau  | mehr

Wissensnachrichten

Tiefsee-Fund  Neue Fischart in 8000 Metern Tiefe entdeckt | mehr