Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

"Übertrieben, hysterisch, populistisch"

Nach Grass' Israel-Gedicht ist nun Israels Reaktion darauf in der Kritik

Avi Primor, ehemaliger israelischer Botschafter in Deutschland (picture alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)
Avi Primor, ehemaliger israelischer Botschafter in Deutschland (picture alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)

Der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, hat das von Israel verhängte Einreiseverbot gegen den Schriftsteller Günter Grass kritisiert. Der Schritt von Innenminister Jischai sei rein innenpolitisch motiviert.

Das Einreiseverbot sei übertrieben, hysterisch und populistisch, sagte Primor gestern Abend im ARD-Fernsehen. Offenbar verstehe Eli Jischai nichts von Deutschland und habe nur aus innenpolitischen Motiven heraus gehandelt. Primor betonte, er halte Grass keineswegs für einen Antisemiten. Allerdings sei seine Behauptung, Israel wolle den Iran vernichten, lächerlich. Es sei der Iran, der offen verkündet habe, Israel vernichten zu wollen.

Auch bei deutschen Politikern stößt das Einreiseverbot auf Kritik. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Renate Künast, sagte, sie finde es schade, dass Israel so reagiert habe: "Am Ende reden alle über das Einreiseverbot und nicht mehr über den Inhalt von Grass." Das Verbot sei offensichtlich nur innenpolitisch motiviert. Allerdings sei Grass auch ignorant gegenüber der Bedrohung Israels durch den Iran: "Das muss man doch sehen, dass der Iran das Existenzrecht Israels infrage stellt.", so Künast zur Nachrichtenagentur dpa.

Israels Innenminister nennt Grass "anitsemitischen Menschen"

Am Ostersonntag hatte der israelische Innenminister Eli Jischai das Einreiseverbot gegen den Nobelpreisträger verkündet. "Ich sehe es als Ehre an, ihm die Einreise ins Heilige Land zu verbieten", sagte Jischai, der der streng religiösen Schas-Partei angehört. Er betonte im israelischen Rundfunk auch, man müsse dem 84-Jährigen nun eigentlich den Literaturnobelpreis aberkennen. Grass habe darauf abgezielt, "das Feuer des Hasses auf den Staat Israel und das Volk Israel anzufachen".

Günter Grass mit seinem Markenzeichen, der Pfeife (dpa / Maurizio Gambarini)Der Schriftsteller Günter Grass (dpa / Maurizio Gambarini)Jischai verglich Grass' Äußerungen mit der antisemitischen Hetze, die letztlich zum Holocaust geführt habe: "Man kann angesichts solcher Worte einfach nicht schweigen", sagte er. Mit deutlicher Abscheu sprach Jischai von Grass als einem "antisemitischen Menschen" und "einem Mann, der eine SS-Uniform getragen hat". Jischai betonte, wenn Grass seine verzerrten Ansichten verbreiten wolle, solle er das im Iran tun. Sein Gedicht habe darauf abgezielt, das Feuer des Hasses auf den Staat Israel und das Volk Israel anzufachen.

In ersten Reaktionen wurde das Einreiseverbot heftig kritisiert. Der israelische Historiker Tom Segev nannte es im Interview mit "Spiegel Online" einen "absolut zynischen und albernen Schritt des Innenministeriums". Die Motivation des Ministers zu diesem Schritt sei der Versuch, "seine politische Zukunft zu sichern".

Grass: Kritik richtet sich gegen derzeitige israelische Regierung

"Die Reaktion der israelischen Regierung ist unangemessen und wird dem Thema nicht gerecht", sagte der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rolf Mützenich, dem "Handelsblatt Online". Auch der Grünen-Politiker Volker Beck kritisierte die Entscheidung. Er halte ein Einreiseverbot für Grass für "überzogen und falsch", sagte der Fraktionsgeschäftsführer ebenfalls zu "Handelsblatt Online". Beck warf den israelischen Behörden Intoleranz im Umgang mit Kritik vor.

In dem Gedicht hatte der Literaturnobelpreisträger unter anderem vor der "Auslöschung des iranischen Volkes" durch die "Atommacht Israel" gewarnt. Das Gedicht hatte ihm im In- und Ausland den Vorwurf des Antisemitismus eingebracht. Grass hatte sich verteidigt und seinen Kritikern Hass und eine Kampagne gegen ihn vorgeworfen. "Ja, ich würde den pauschalen Begriff 'Israel' vermeiden", antwortete Grass in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung" auf die Frage, ob er den Text inzwischen anders schreiben würde. Zudem würde er nun deutlicher machen, dass er sich in erster Linie gegen die derzeitige israelische Regierung von Benjamin Netanjahu wende.

Empörung über Gedicht

Die Auseinandersetzung mit dem Gedicht des 84-Jährigen war auch in Deutschland übers Wochenende weitergegangen. In einem Beitrag für die "Bild am Sonntag"schrieb Außenminister Guido Westerwelle: "Israel und Iran auf eine gleiche moralische Stufe zu stellen, ist nicht geistreich, sondern absurd."

Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sagte der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", es sei "ein ekelhaftes Gedicht", das politisch und literarisch wertlos sei. Der Literaturnobelpreisträger stelle "die Welt auf den Kopf": "Der Iran will Israel auslöschen, das kündigt der Präsident immer wieder an, und Günter Grass dichtet das Gegenteil", sagte Reich-Ranicki, der aus einer jüdischen Familie stammt und das Warschauer Ghetto überlebt hat.

Auch bei den diesjährigenOstermärschen ist das israelkritische Gedicht ein Thema. Viele Demonstranten unterstützen Grass in seinen Äußerungen.

Mehr auf dradio.de:

Israelischer Historiker hält Günter Grass für "pathetisch" und "egozentrisch"

Süddeutsche.de: Das umstrittene Israel-Gedicht von Günter Grass

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:50 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 16:10 Uhr Büchermarkt

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 15:30 Uhr Tonart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Neuer Büchner-Preisträger "Ich bedaure Autoren, die nur Romane schreiben"

Der Schriftsteller Marcel Beyer (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Gerne nimmt sich der neue Georg-Büchner-Preisträger Marcel Beyer der Nachkriegszeit in Bundesrepublik und DDR an - stets mit Rückbezügen auf die NS-Zeit. Auslöser, sich mit Geschichte zu befassen, war Beyer zufolge die Fernsehberichterstattung über den Fall der Mauer. "Geschichte ist etwas, was sich ganz akut in dieser Sekunde vollziehen kann", sagte der Schriftsteller im Deutschlandfunk.

Nobelpreisträgertagung in LindauKluge Köpfe am Bodensee

Das Handout vom 26.06.2016 zeigt das Publikum bei der Eröffnung der Nobelpreisträgertagung im Lindauer Stadttheater. (Christian Flemming  /Lindau Nobel Laureate Meetings / dpa)

Noch bis Ende der Woche läuft in Lindau das 66. Treffen der Nobelpreisträger, in diesem Jahr mit dem Schwerpunkt Physik. Dass die Teilnehmer neben ihrem wissenschaftlichen "Know How" einen Sinn für Humor haben, das erfuhr Thomas Wagner bei seinem Besuch.

Arabische Clans in Berlin-NeuköllnVon falschen und enttäuschten Hoffnungen

Polizisten führen bei einem Einsatz eine Person in Handschellen aus einem Haus in Berlin im Bezirk Neukölln. (dpa/ picture-alliance/ Gregor Fischer)

Im April haben Sondereinsatzkommandos der Polizei bei Razzien in Berliner Wohnungen acht Männer festgenommen. Sie gehörten zu kurdisch-arabischen Clans, die speziell im Berliner Stadtteil Neukölln für schwere und organisierte Kriminalität bekannt sind. Wer sich auf die Suche nach Gründen dafür macht, stößt auf Geschichten von Entwurzelung und enttäuschten Hoffnungen. Für den deutschen Staat wird es Zeit, aus Fehlern zu lernen.

Malawi zwischen Dürre und FlutHunger im Land der Wetterextreme

Menschen erhalten am 15.3.2016 an einem Verteilungspunkt des UN World Food Programme nordwestlich von Lilongwe, Malawi, Lebensmittelhilfe. (picture alliance / dpa / Unicef / Chipiliro Khonje)

Im April hat die Regierung in Malawi wegen der Hungerkrise den Notstand ausgerufen: Derzeit sind mehr als acht Millionen Menschen in dem afrikanischen Land von Lebensmittelhilfe abhängig. Diszipliniert stehen sie in der brennenden Sonne Schlange.

RaumfahrtWeltraumbahnhof, teilmöbliert, in ruhiger Lage zu vermieten

Spaceport America. Das klingt nach Raumfahrt, Rakten, Weltall. Die Raumfahrtsache im ganz großen Stil. Tatsächlicher aber warten und hoffen sie dort auf irgend wen, der den Spaceport nutzen will. Für den Flug ins All, als Partylocation oder auch als Filmkulisse. Hauptsache Geld kommt rein.

Kriminalität im PflegesystemGut gepflegt - oder gepflegt betrogen?

Krankenhaus (imago/Gerhard Leber)

Rund 14.000 ambulante Pflegedienste gibt es in Deutschland, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen zu alten oder kranken Menschen ins Haus und pflegen sie dort. Doch nicht immer wird geleistet, was bezahlt wird. Der Abrechnungsbetrug ist so lukrativ, dass sich schon die organisierte Kriminalität dafür interessiert. Eine Gesetzesänderung soll Abhilfe schaffen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Ceta  Widerstand in Berlin gegen Ausschluss der Parlamentsbeteiligung | mehr

Kulturnachrichten

Verschollene Dix-Zeichnung wiederentdeckt  | mehr

Wissensnachrichten

Computer  10.000 Dollar, weil Windows 10 den Rechner lahmlegt | mehr