Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Ukraine entsetzt über EM-Boykott-Berichte

Regierung: Methoden wie im Kalten Krieg

Die Fußball-EM in der Ukraine beginnt am 9. Juni (picture alliance / dpa / Chekachkov Igor)
Die Fußball-EM in der Ukraine beginnt am 9. Juni (picture alliance / dpa / Chekachkov Igor)

Die Ankündigung von Politikern, der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine fernzubleiben, sind in Kiew auf Unverständnis gestoßen. Er hoffe, dies sei nur eine "Zeitungsente", sagte ein Außenamtssprecher. Derweil hat nach Bundespräsident Joachim Gauck auch der tschechische Präsident Václav Klaus seine Reise zum geplanten Gipfeltreffen Mitte Mai in der Ukraine abgesagt.

Die Töne werden merklich schärfer, die Ukraine ist empört über dieKritik der Bundesregierung an den Haftumständen von Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko. Außenamtssprecher Oleg Woloschin sagte, er hoffe, die Berichte über Boykottaufrufe der Europameisterschaft in seinem Land seien nur eine "Zeitungsente".

"Man will gar nicht daran denken, dass die Staatsmänner Deutschlands fähig sind, die Methoden der Zeiten des Kalten Krieges wiederzubeleben und zu versuchen, den Sport zu einer Geisel der Politik zu machen", sagte Woloschin. Der Autor Jurko Prochasko berichtet im Deutschlandfunk, wie die Debatte in der Ukraine bewertet wird (mp3).

In Kiew findet am 1. Juli das Finale statt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erwägt, gemeinsam mit ihren Ministern den EM-Spielen in der Ex-Sowjetrepublik fernzubleiben. Der europäische Fußballverband UEFA beobachte die Situation in der Ukraine "ganz genau, jeden Tag", sagte der EM-Beauftragte Martin Kallen der Südddeutschen Zeitung. Derzeit gebe es keinen Ansatz für eine Absage des Turniers. Sie wäre aber möglich.

"Eine Absage ist keine Alternative", sagte Theo Zwanziger, Mitglied im UEFA-Exekutivkomitee, dem Sender hr-Info. "Damit haben wir in der Vergangenheit bei anderen Ereignissen überhaupt nichts erreicht. Das ist reiner Populismus."

"Janukowitsch boykottieren"

Der ukrainische Regierungschef Viktor Janukowitsch (AP)Der ukrainische Regierungschef Wiktor Janukowitsch (AP)Es gehe nicht darum, die Europameisterschaft, sondern Präsident Janukowitsch zu boykottieren (mp3), sagte der Grünen-Europaparlamentarier Werner Schulz im Deutschlandfunk. Janukowitsch habe die Ukraine in Verruf gebracht und "alles dafür getan, die Demokratie zurückzudrängen".

Kein europäischer Politiker sollte sich mit diesem Mann auf eine Tribüne stellen, "während andere, die dafür gesorgt haben, dass die Europameisterschaft in der Ukraine stattfindet, hinter Gittern sitzen und dort gequält werden", sagte Schulz. "Es ist ja nicht nur der Fall Timoschenko. Wir sollten uns nicht darauf konzentrieren und womöglich glauben, wenn Frau Timoschenko jetzt zur ärztlichen Behandlung nach Deutschland freigelassen wird, dass die Sache geklärt wird, sondern es ist fast die halbe oder gesamte Regierung Timoschenko, die mittlerweile in Untersuchungshaft und im Gefängnis sitzt."

Tschechiens Präsident sagt Ukraine-Besuch ab

Tschechiens Präsident Vaclav Klaus begrüßt Kanzlerin Merkel mit Blumen (picture alliance / dpa / Katerina Sulova)Tschechiens Präsident Vaclav Klaus empfing Kanzlerin Merkel kürzlich zu Besuch (picture alliance / dpa / Katerina Sulova)Nach Bundespräsident Joachim Gauck wird auch der tschechische Präsident Václav Klaus am geplanten Gipfeltreffen Mitte Mai in der Ukraine nicht teilnehmen. Das berichtete die Prager Zeitung "Lidové Noviny" unter Berufung auf den Sprecher des Präsidenten. Als Hauptgrund für die Absage nannte der Sprecher Bedenken über Timoschenkos Inhaftierung.

Die Beziehungen zwischen Tschechien und der Ukraine sind gespannt, seit Prag Timoschenkos Ehemann Alexander im Januar Asyl gewährte. Ein Jahr zuvor hatte das Land bereits den ukrainischen Ex-Wirtschaftsminister Bogdan Danilischin Asyl gewährt.

Staatsanwaltschaft weist Gewaltvorwürfe zurück

An Timoschenkos Haftort in Charkow wies die Staatsanwaltschaft Beschuldigungen zurück, die Politikerin sei bei einem erzwungenen Transport in eine Klinik vor einer Woche geschlagen worden. Keiner der Ärzte oder Krankenpfleger habe dies bei einer Befragung bestätigt, sagte ein Justizsprecher. Die amtierende Regierung hatte die Meinungs- und Versammlungsfreiheit massiv eingeschränkt.

Die erkrankte Oppositionspolitikerin befindet sich nach eigenen Angaben seit dem 20. April im Hungerstreik. Sie und weitere frühere Regierungsmitglieder wurden unter anderem wegen "Amtsmissbrauchs" zu Haftstrafen verurteilt, nachdem Präsident Wiktor Janukowitsch vor zwei Jahren neuer Regierungschef wurde. Timoschenko spricht seitdem von "Stalinschem Terror" durch die "Präsidialdiktatur".

"Gefoltert, misshandelt und verprügelt "

Die EU hatte die Ukraine wiederholt angemahnt, Menschenrechte einzuhalten. Weil Appelle erfolglos blieben, stellt sie nun weitere Kooperationen infrage. Auch der Umgang mit Flüchtlingen sei schockierend, sagte Marc Speer vom Bayerischen Flüchtlingsrat der Katholischen Nachrichten-Agentur. "Mich wundert, dass Timoschenko misshandelt wurde. Ich hätte nicht gedacht, dass die Verantwortlichen das bei einer so bekannten Politikerin tun würden. Was andere Inhaftierte betrifft, so weiß ich, dass zum Beispiel Flüchtlinge in ukrainischen Haftanstalten gefoltert, misshandelt und verprügelt werden. Da gibt es eine gewisse Systematik."

Das internationale Sportgeschäft und die Menschenrechte: Die Olympischen Sommerspiele in Peking hätten gezeigt, dass dies zwei Welten seien, sagte der Sportsoziologe Gunter Gebauer im Deutschlandfunk. "In dieser Lebenswelt des Spitzensports ist im Moment eines Wettkampfs, glaube ich, kaum Platz für politische Überlegung."


Was meinen Sie: Sollten Politiker die Fußball-EM in der Ukraine boykottieren? Diskutieren Sie mit auf unserer Facebook-Seite.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:51 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Fazit

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Feature

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Soziale AngststörungenTherapien besser als Medikamente

Eine Frau sitzt vor einem Laptop und schlägt angesichts von Hassbotschaften per Facebook die Hände vors Gesicht. (imago / Reporters)

Für Menschen mit einer sogenannten sozialen Phobie sind Situationen wie das Vortragen von Referaten extrem belastend. Sie kann erhebliche Folgen, wie etwa einen Schul- oder Studienabbruch, nach sich ziehen. Der Psychotherapieforscher Falk Leichsenring rät von einer medikamentösen Behandlung ab.

Neues vom E-ELTStartschuss für das Riesenauge

Eine Animation des European Extremely Large Telescope (E-ELT) (ESO/L. Calçada)

Das geplante Großteleskop der Europäischen Südsternwarte ESO nimmt zunehmend Gestalt an. So wurde vor einigen Wochen in Mainz der Rohling für den Sekundärspiegel mit einem Durchmesser von 4,20 Metern gegossen.

Neuer Trend: Der Öko-ThrillerDie Ökofrage ist im Mainstream angekommen

Angestellte der staatlichen Ölfirma Petroecuador versuchen ein ölverseuchtes Gebiet des Amazonas zu reinigen. (AFP / RODRIGO BUENDIA)

In aktuellen Thrillern zeichnet sich ein Trend ab: Öko-Themen spielen eine immer größere Rolle - immer häufiger geht es um Öko-Verbrecher oder um Mord an Öko-Helden. Eine kleine Genre-Analyse des Krimi-Experten Ulrich Noller - Empfehlungsliste inklusive.

Gamescom"Computerspiele auf allen Ebenen fördern"

Ein Bild aus dem Computerspiel "The Secret of Monkey Island". (picture alliance/ dpa / Lucas Arts)

Wer es ernst meint mit dem "Kulturgut" Computerspiel, dürfe nicht nur die Interessen der Spieleindustrie im Auge haben, meint der Kulturwissenschaftler Christoph Bareither. Sondern Forschung und seriöser Computerspieljournalismus müssten gefördert werden.

Kinder psychisch kranker Eltern Zu viel Verantwortung und große Einsamkeit

Mädchen sitzt in der Schule auf dem Boden (picture alliance / ZB/Britta Pedersen)

Rund 3,8 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland wachsen mit sucht- oder psychisch kranken Eltern auf. Oft müssen sie zu früh Verantwortung übernehmen und werden an ihrer freien Entwicklung gehindert. Beratungsstellen bieten Hilfe an - nützen aber vor allem unter einer Voraussetzung.

Zweite Chance für EuropaMehr Demokratie, mehr Rechtsstaat, mehr Gewaltenteilung

Zuschauer mit Europa-Flaggen stehen am 15. Mai 2017 in Berlin vor dem Bundeskanzleramt beim Antrittsbesuch des französischen Präsidenten Macron (picture alliance / Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/ZB)

Die ausgestreckte Hand des europafreundlichen, französischen Präsidenten ergreifen: Das fordert der ehemalige NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers. Nach der Bundestagswahl im September gehe es darum, mit dem Nachbarn im Westen, das Projekt Europa aus der Krise zu führen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Steinmeier  "Estland hat Deutschlands Unterstützung auch im Konfliktfall" | mehr

Kulturnachrichten

Ein Jahr nach Beben in Italien Kunstwerke gesichert  | mehr

 

| mehr