Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Umstrittene Geschichte eines Auswanderers

Im Streit um den Roman "Imperium" von Christian Kracht steht der "Spiegel" ziemlich allein da

Kracht siedelt den Roman "Imperium" auf einer Südsee-Insel an: Original-Haus von dem Atoll Tuvalu im Leipziger Grassi Museum für Völkerkunde (Hendrik Schmidt)
Kracht siedelt den Roman "Imperium" auf einer Südsee-Insel an: Original-Haus von dem Atoll Tuvalu im Leipziger Grassi Museum für Völkerkunde (Hendrik Schmidt)

Schon vor seinem heutigen Erscheinen schlug der Roman "Imperium" von Christian Kracht Wellen. Die Geschichte kreist um einen deutschen Aussteiger um 1900. Rassistisches Gedankengut sei hier versammelt, urteilt der "Spiegel". Die meisten Kritiker nehmen Kracht gegen die Attacke in Schutz - auch im Deutschlandradio.

<p>Der Schweizer Schriftsteller <papaya:link href="http://www.kiwi-verlag.de/die-autoren/autor/?id=328" text="Christian Kracht" title="Christian Kracht" target="_self" />, Jahrgang 1966, wurde durch seinen Roman "Faserland" berühmt. Seither gilt als eine wichtige, wenngleich stets umstrittene Stimme deutschsprachiger Literatur. Pop-Ästhetizismus, literarisches Dandytum, Untergangsromantik - an seinen Büchern scheiden sich die Geister. <br /><br /></p><p><strong>Das Glück liegt in der Kokosnuss</strong></p><p>Christian Kracht benutzt die wahre Geschichte des Apothekengehilfen August Engelhardt aus Nürnberg als Vorlage für seinen neuen Roman. Der realexistierende Engelhardt sei <papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="147011" text="Nudist, Vegetarier und ein Spinner gewesen," alternative_text="Nudist, Vegetarier und ein Spinner gewesen," /> erklärt Rainer Moritz, Leiter des Hamburger Literaturhauses im Deutschlandradio Kultur. Er sei nach Deutsch-Neuguinea ausgewandert, um dort eine Kokosnuss-Plantage zu eröffnen und habe daran geglaubt, dass man sich nur von Kokosnüssen ernähren könne.<br /><br />Der Verlag Kiepenheuer & Witsch bewirbt <papaya:link href="http://www.kiwi-verlag.de/das-programm/einzeltitel/?isbn=978-3-462-04131-6" text="&quot;Imperium&quot;" title="Verlag Kiepenheuer & Witsch" target="_blank" /> als "Aussteigergeschichte in den deutschen Kolonien der Südsee", die mit "Formen des historischen Abenteuerromans eines Melville, Joseph Conrad, Robert Louis Stevenson oder Jack London" spiele. Kracht schildere "die groteske, verlorene Welt von Deutsch-Neuguinea, eine Welt, die dem Untergang geweiht ist und in der sich doch unsere Gegenwart seltsam spiegelt".<br /><br /></p><p><strong>Ein Literaturjux</strong></p><p>Rainer Moritz hält den Rassismus-Vorwurf des "Spiegel" an Krachts Adresse für unbegründet: <papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="147011" text="&quot;Hier soll bewusst ein Streit inszeniert werden.&quot;" alternative_text="&quot;Hier soll bewusst ein Streit inszeniert werden.&quot;" /> Der Rezensent Georg Diez habe völlig die "ironische Distanz" einer nach Thomas Mann klingenden Erzählerstimme umgangen, mit der von den Abenteuern eines esoterischen Aussteigers auf einer Südsee-Insel um 1900 berichtet werde. <br /><br /><papaya:media src="8116054ea4d8a48e8547c173da3f82a9" rspace="5" bspace="5" width="144" height="108" align="left" resize="abs" subtitle="Denis Scheck" popup="yes" />Auch für den <papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="56690" text="Literaturredakteur des Deutschlandfunks Denis Scheck" alternative_text="Literaturredakteur des Deutschlandfunks Denis Scheck" /> liegt das Hamburger Nachrichtenmagazin mit seinem Totalverriss daneben. Das Buch von Kracht sei eine Satire auf das deutsche Großmannsstreben, durchdrungen von Ironie, "ein großer Literaturspaß, ein Literaturjux". Christian Kracht daraus einen "politischen Strick zu drehen", ginge nur, wenn man komplett von allen guten Geistern verlassen sei und beim "Spiegel" arbeite.<br /><br />Die <papaya:link href="/dkultur/kulturpresseschau/fazit/1679097/" text="Kulturpresseschau von Deutschlandradio Kultur" title="Kulturpresseschau" target="_blank" /> zitiert weitere positive Stimmen zu "Imperium", zum Beispiel den Schriftsteller Uwe Timm. In der "Süddeutschen Zeitung" wirft Rezensent Christopher Schmidt dem "Spiegel"-Autor Diez Arglist und versuchten Rufmord an Kracht vor.<br /><br /></p><p><strong>Absage der Buchvorstellung</strong></p><p>Nach Erscheinen des "Spiegel"-Artikels sagte Kracht die für den 22. Februar geplante Buchvorstellung im Deutschen Theater in Berlin ab. Der Angriff bedrücke Christian Kracht so sehr, dass er sich im Moment außerstande sehe, nach Deutschland zu kommen, teilte der Verlag mit. Kiepenheuer & Witsch-Verleger Helge Malchow wies Diez' Vorwürfe zurück und kritisierte dessen "Unterstellungen und atemberaubenden Verdrehungen". In einer öffentlichen <papaya:link href="http://www.kiwi-verlag.de/news/13022012-zum-spiegel-artikel-ueber-christian-kracht-vom-1322012/" text="Erklärung des Verlags" title="Ki & Wi Erklärung zu Kracht" target="_blank" /> heißt es unter anderem: "Der Vorwurf der Verbreitung rassistischen Gedankenguts in Bezug auf Christian Krachts hoch gelobten Roman 'Imperium' ist bösartig und stellt den Autor Christian Kracht auf perfide Weise an den Pranger."<br /><br /></h4><strong>"Der Céline seiner Generation"</strong></h4><papaya:media src="8a0f2db5306853270f3e48ed09daea86" rspace="5" bspace="5" width="144" height="108" align="left" resize="abs" subtitle="Georg Diez" popup="yes" />Mit großem Furor hatte Diez im "Spiegel" vom vergangenen Montag den Roman, aber vor allem den Autor persönlich attackiert. Diez nennt Kracht in seinem vierseitigen Essay den "Céline seiner Generation" in Anspielung auf den antisemitischen Schriftsteller Louis-Ferdinand Céline und einen "Türsteher der rechten Gedanken". Diez vermischt dabei die Rezension des Romans mit Auszügen aus einem Briefwechsel von Kracht mit dem amerikanischen Dirigenten David Woodard, den die "Süddeutsche Zeitung" heute als einen "Verschwörungstheoretiker" bezeichnet.<br /><br />Nicht zum ersten Mal hat Christian Kracht das beliebte Genre der "Alternate History" gewählt, das mit alternativen Verläufen der Geschichte spielt: In seinem <papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="54363" text="Roman &quot;Ich werde hier sein im Licht und im Schatten&quot;" alternative_text="Roman &quot;Ich werde hier sein im Licht und im Schatten&quot;" /> fragte er sich, was passiert wäre, wenn Lenin 1917 in der Schweiz hängen geblieben wäre und es statt der UdSSR eine SSR, eine Schweizer Sowjet Republik gegeben hätte – sogar mit Kolonien in Afrika.</p>
 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:47 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 23:10 Uhr Das war der Tag

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 23:05 Uhr Fazit

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 21:00 Uhr Green goes Black

Aus unseren drei Programmen

Italien vor dem VerfassungsreferendumRenzis Kampf um die Reformen

Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi geht über eine Bühne, im Hintergrund stehen die Wand projeziert die Wörter "Si". (imago/Pacific Press Agency)

Über 50 Millionen Italiener werden am 4. Dezember über die größte Reform ihrer Verfassung entscheiden. Sie soll den Gesetzgebungsprozess vereinfachen und das Land reformierbarer machen. Doch das ist umstritten. Für Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi, Befürworter der Reform, hängt viel von dem Ausgang des Referendums ab.

USA"Polizisten sind nicht immun gegen Angst"

Skid Row ist ein Viertel von L.A. - etwa 50 Häuserblöcke im Schatten der glitzernden Wolkenkratzer von Downtown. Hier leben rund 10.000 Obdachlose. Viele von ihnen sind drogenabhängig. Die meisten haben einen afro- oder lateinamerikanischen Hintergrund. Skid Row ist das Revier von Officer Deon Joseph. 

Anne Franks Schicksal als TanzstückHineinversetzen in den Schrecken

Ein Foto von Anne Frank, entstanden um das Jahr 1941. Anne Frank war damals ungefähr 11 Jahre alt. (picture-alliance / dpa / Anne Frank Fonds Basel)

Das Nordharzer Städtebundtheater hat die Schicksale der Mädchen Anne Frank und Lilly Cohn in dem Tanztheaterstück "Ich schweige nicht" szenisch umgesetzt - unter anderem in der Klaussynagoge Halberstadt. Die jungen Tänzer haben das Stück selbst entwickelt.

Nachruf auf Gisela MayVon Mutter Courage zu "Muddi"

Gisela May 1973 im Frankfurter Schauspielhaus (dpa / picture alliance / Manfred Rehm)

Sie spielte Brecht am Berliner Ensemble und sang Brecht in aller Welt: Gisela May war eine der renommiertesten Bühnenkünstlerinnen der DDR. Nach der Wiedervereinigung trat sie in der erfolgreichen Fernsehserie "Adelheid und ihre Mörder" auf. Heute ist Gisela May im Alter von 92 Jahren gestorben.

Neues Nachrichten-Angebot "Niemanden von Informationen ausschließen"

Die Nachrichten-Redaktion des DLF erhält die Auszeichnung "Land der Ideen" für "nachrichtenleicht" (Land der Ideen)

Von heute an sendet der Deutschlandfunk freitags nach den regulären Nachrichten um 20 Uhr in einem Wochenrückblick die wichtigsten Nachrichten in "Einfacher Sprache". Das Angebot richtet sich an Menschen, die den üblichen Sendungen nicht ohne Weiteres folgen können - aus den verschiedensten Gründen.

US-WahlBitte nachzählen

In drei Bundesstaaten der USA muss nach der Präsidentschaftswahl noch einmal ausgezählt werden. Doch das ist gar nicht so einfach, wie es klingt. Weil sich die Wahlverfahren unterscheiden und vom Retro-Wahlcomputer aus den Achtzigern bis zum Feld, das ausgemalt und nicht angekreuzt werden darf, alles dabei ist.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Syrien  Rebellen räumen weiteren Vorort von Damaskus | mehr

Kulturnachrichten

Schauspielerin und Sängerin Gisela May gestorben  | mehr

Wissensnachrichten

Genetik  Nach der Befruchtung regiert die Eizelle | mehr