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Umweltsünden von damals

Reihe Ansichtssache Deutsche Einheit (8): Umweltsanierung in Dortmund und Bitterfeld

Von Friederike Schulz und Susanne Arlt

Pilgern an der Emscher
Pilgern an der Emscher (Simon Will)

Die Emscher galt einst als der schmutzigste Fluss in ganz Westdeutschland. In diesem Jahr wurde er zum Fluss des Jahres gekürt. Auch in Bitterfeld, wo früher das Chemiekombinat der DDR stand, hat sich in Sachen Umwelt viel getan.

Der kleine Bachlauf in Dortmund-Aplerbeck ist leicht zu übersehen: Dass die Straße im Wohngebiet über eine Brücke führt, ist nur an dem schmalen Geländer neben dem Gehweg zu erkennen, das kleine Rinnsal darunter nimmt man nur als Fußgänger wahr. Links und rechts stehen Mehrfamilienhäuser, am Ufer wachsen Gras und Schilf – ein schmaler Pfad lädt zum Spazierengehen ein - eine kleine Idylle in einem Wohngebiet. Vor 20 Jahren undenkbar, da machte jeder hier einen großen Bogen um den Bach, erinnert sich die Rentnerin Helga Scheger, die hier seit ihrer Kindheit lebt:

"Das war schrecklich, stinkig. Ich erinnere mich daran, weil ich damals immer zur Sparkasse hier entlanggegangen bin – unmöglich!"

Der schmutzigste Fluss in ganz Westdeutschland machte seinem Namen damals alle Ehre, die Anwohner sprachen nur von ihrer "Köttelbecke". Die Emscher floss als offener Abwasserkanal in einer Betonrinne, darin schwammen Fäkalien und Toilettenpapier, am Ufer liefen Ratten hin und her. Ungewöhnliche Zustände für westdeutsche Verhältnisse, doch lange Zeit hatten sich die Abwasserbetriebe im Ruhrgebiet nicht anders zu helfen gewusst. Denn durch den Bergbau in der Gegend senkte sich das Erdreich laufend ab, erzählt Ilias Abawi von der Emschergenossenschaft:

"Das hatte zur Folge, dass man keine unterirdischen Kanäle bauen konnte. Die wären bei diesen Bergsenkungen beschädigt worden. Also hat man sich gedacht: Die Emscher ist in der Nähe all der Firmen, die im nördlichen Ruhrgebiet angesiedelt waren. Die haben die ganzen Abwässer eingeleitet. Man hat also die Ruhr leben lassen und fürs Trinkwasser genutzt und die Emscher zum offenen Abwasserkanal umfunktioniert."

Ende der 80er-Jahre wurde der Bergbau in der Gegend jedoch unrentabel – damit bot sich die Chance, die Emscher zu retten. Die Genossenschaft legte einen Masterplan zur Renaturierung des Flusses vor. Ein unterirdisches Kanalsystem für die Abwässer wurde geplant. Die Betonrinnen sollten nach und nach entfernt und die Ufer begrünt werden. Vier große Kläranlagen entstanden. Die letzte in Dinslaken, denn dort fließt die Emscher in den Rhein.

Auf dem Rathausvorplatz von Aplerbeck fährt ein Bagger hin und her und transportiert Pflastersteine. Die Baustelle ist großräumig abgezäunt: Hier solle eine neue Grünanlage entstehen – am Ufer der Emscher, die hier bisher unterirdisch floss und nun wieder offen gelegt wird. Denn das Wasser ist dank des neuen Abwasserkanals wieder sauber, sagt Illias Abawi.

"Hier fließt unterirdisch der Abwasserkanal. Das Wasser wird für die Menschen unsichtbar und unriechbar zur Kläranlage Deusen abgeführt. Dort wird es gereinigt und der Emscher zugeführt."

Bis 2017 werden die Bauarbeiten auf der gesamten Länge der Emscher von rund 70 Kilometern noch dauern. Vier Milliarden Euro wird das Projekt dann voraussichtlich gekostet haben. Gelohnt hat es sich bereits jetzt: Der Deutsche Anglerverband hat die einstige "Köttelbecke" zum Fluss des Jahres 2010 gekürt.

Die Goitzsche bei BitterfeldDie Goitzsche bei Bitterfeld (BUND)

Das Beispiel Bitterfeld

"Bitterfeld, Bitterfeld, wo der Dreck vom Himmel fällt" - so dichtete der Volksmund über das Chemiekombinat der DDR. Am Erbe der Umweltpolitik in der DDR tragen die Menschen in der einstigen Industrieregion noch immer. Doch es hat sich auch viel getan in Sachen Umweltsanierung.

"Chemie bringt Brot, Wohlstand und Schönheit!" Mit dieser Parole wurde kräftig geworben für das Chemiedreieck Bitterfeld. Der Volksmund machte sich dann seinen eigenen Reim auf die Beschönigungen: Bitterfeld, Bitterfeld, wo der Dreck vom Himmel fällt. Rein rechnerisch war 1988 jeder Einwohner mit 313 Kilogramm Schwefeldioxid, 132 Kilogramm Staub und 21 Tonnen Kohlendioxid belastet. Am Erbe der Umweltpolitik in der DDR tragen die Menschen in der einstigen Industrieregion noch immer. Doch es hat sich auch viel getan in Sachen Umweltsanierung. Susanne Arlt stellt uns ein paar Beispiele vor.

Der Silbersee. Vor 20 Jahren glich der künstlich angelegte See in Wolfen-Süd noch einer stinkenden Kloake. Jahrzehntelang hatten die Filmfabrik Wolfen und die Kunstfaserproduktion ihre Abwässer in die ehemalige Deponie eingeleitet. Zwölf Meter dick war die teerig-schwarze Schlammschicht. Biologische Prozesse wandelten die Schwefelverbindungen in Schwefelwasserstoff um. Petra Wust, Oberbürgermeisterin von Bitterfeld-Wolfen und wohnhaft in Wolfen-Süd, kann sich noch gut an den üblen Geruch erinnern:

"Je nachdem, wo die Windrichtung herkam, da kriegte man dann den Geruch ab. Also wer hat abgelassen, sage ich mal. Ja, und hier war es ja so wie faulige Eier. Und dann kam ja noch dazu der Feinstaub, der auf die Region niederrieselte."

Der Silbersee wurde zum Synonym für den Umweltfrevel der DDR. 20 Jahre später riecht es nur noch selten nach faulen Eiern. Frösche legen hier ihre Eier ab und Enten schwimmen auf dem Wasser. Eine dicke Folie trennt die darunter liegende Schlammschicht ab. Die Masse ist so zäh, dass sie den See nach unten hin abdichtet. Der Silbersee stellt heute keine große Umweltbelastung mehr dar, sagt Harald Rötschke, Geschäftsführer der Mitteldeutschen Sanierungs- und Entsorgungsgesellschaft. In dem See liegen keine giftigen Stoffe.

Ganz im Gegensatz zum Erdreich unter dem Chemiegelände in Bitterfeld. Das wird noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, kontaminiert sein. 5.000 Produkte aus der Chemieindustrie insbesondere der Chlorchemie wurden dort in den vergangenen 150 Jahren produziert. Die Abwässer, sagt Harald Rötschke, verschwanden oft einfach im Boden. Um den verseuchten Grundwasserleiter hat die Sanierungsgesellschaft Brunnen aufgestellt. Täglich pumpen sie das Wasser zu den Aufbereitungsanlagen, wo es gereinigt und mit sehr niedrigen Grenzwerten in die Mulde eingeleitet wird. An anderen Stellen baggert man den belasteten Boden heraus und reinigt anschließend die Quelle.

Harald Rötschke: "Wenn man mal zusammenrechnet, sind das inzwischen weit über 2.000 Tonnen an reinem Chlor umgerechnet, die da rausgeholt worden sind, neben vielen viel anderen Schadstoffen, Schwermetallen und so weiter und so fort. Das wird immer so wunderbar in Tankwagen ausgedrückt. Also ein Tankwagen fasst 20 Tonnen. Es sind also ausreichend Tankwagen, die damit gefüllt worden sind."

Im Jahr kostet die Grundwassersanierung allein am Standort Bitterfeld 20 Millionen Euro. Der Bund übernimmt 66 Prozent der Kosten, den Rest das Land. Pumpverfahren und Quellensanierung können die Schadstoffmengen im Grundwasser und Erdreich zwar reduzieren, parallel dazu werden die Schadstoffe auch biologisch weitergereinigt.

Harald Röschke: "Das funktioniert auch sehr gut, und zum Teil auch an Stellen, an denen man es nicht vermutet hätte, weil die so stark belastet sind, dass man ursprünglich davon ausgegangen ist, dass das für die Bakterien eigentlich tödlich sein müsste. Aber die sind sehr zäh offensichtlich."

50 bis 60 Jahre werden die Pumpmaßnahmen noch fortgeführt, schätzt Harald Rötschke. Biologisch rein ist der Boden unter Bitterfeld dann noch immer nicht. Die natürlichen Abbauprozesse werden vermutlich noch 300 Jahre dauern.


Überblick "Ansichtssache Deutsche Einheit"

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:38 Uhr

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