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Undercover unter Nazis

Thomas Kuban filmte heimlich Neonazi-Konzerte

Von Michael Lehmann

Wie ein Nazi sieht auch Thomas Kuban bei seinen Drehs aus: Springerstiefel, Bomberjacke, Szene-Shirts. (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)
Wie ein Nazi sieht auch Thomas Kuban bei seinen Drehs aus: Springerstiefel, Bomberjacke, Szene-Shirts. (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)

Seit Jahren besucht Thomas Kuban verkleidet und mit versteckter Kamera Neonazi-Konzerte. Auf der Berlinale wurde sein Film "Blut muss fließen" gezeigt, doch im Journalistenalltag schrecken Redaktion davor zurück, sein Material zu senden.

Ein aufmerksamer, hochkonzentrierter Mann sitzt da vor dem Mikrofon - ein Mann, den wir nicht näher beschreiben dürfen, um ihn zu schützen. Ein Mann, der in den letzten Jahren wie ein verdeckter Ermittler tausende Neonazis beobachtet und gefilmt hat. Thomas Kuban müsste um seine Gesundheit, vielleicht sogar um sein Leben fürchten, wenn er enttarnt würde. Seit 2003 ist er heimlicher Gast vor allem auf Nazi-Rockkonzerten - mit versteckter Kamera - selbst verkleidet wie ein Neonazi:

"Man steht da auf einmal zwischen hunderten von Neonazis, in dem Fall waren es 800 beim ersten Konzert im Elsass, die 'Sieg Heil‘ brüllen, die den Hitlergruß zeigen, die offenbar keine Schranken mehr kennen was ihr Verhalten angeht, die ihren Hass geballt herauslassen indem sie zum Beispiel auch entsprechende Liedtexte mitsingen. Das sind dann Liedtexte, die zum Mord an Juden aufrufen, zum Mord an Ausländern aufrufen. Es ist eine Parallelwelt und wenn man so was zum ersten Mal sieht und auch dann wiederholt sieht, das ist schockierend."

Rechtsextreme Rock-Musik hat der Dokumentarfilmer bei seinen Undercover-Drehs als eine Art Einstiegsdroge erlebt. Als Einstiegsdroge in völkisches Denken. Als Nährboden für spätere Nazi-Karrieren. In Ostdeutschland, in Bayern, in Norditalien, aber auch in der Schweiz lagen die Drehorte. Nur mit großer Raffinesse gab es für Thomas Kuban Zutritt zu den oft konspirativ organisierten und versteckt gelegenen Veranstaltungsorten. Seine eigene Maskerade als Neonazi musste perfekt sein:

"Ich sah bei den Drehs aus wie ein Nazi und ich habe mich auch so verhalten wie ein Nazi, also ich hatte Bomberjacke an, Springerstiefel mit Stahlkappen, Armeekleidung, Szene-T-Shirts, Szene-Pullis, alles was die Nazis auch haben."

Und Thomas Kuban verwendete die Sprache der Neonazis, um bloß nicht aufzufallen:

"Es gibt natürlich so Nazi-Formulierungen, dass man statt Internet 'Weltnetz' sagt oder statt Fax 'Fernkopierer' oder statt T-Shirt 'T-Hemd‘, das macht womöglich auch nicht jeder Nazi so - wenn man das selber aber wie selbstverständlich so handhabt, dann fällt man schon mal gar nicht auf."

Reisekosten, Kamera-Ausrüstung, intensive Vorbereitung - viel Aufwand, der sich im Lauf der Jahre zu einer sechsstelligen Summe addierte. Und dann die bittere Erfahrung für Thomas Kuban, dass die meisten der angefragten Redaktionen sein Material nicht senden wollten - jüngstes Beispiel aus einem öffentlich-rechtlichen Polit-Fernseh-Magazin:

"Der Kollege, der mir abgesagt hat, hat es selbst zutiefst bedauert. Auch das habe ich über die Jahre immer wieder erlebt, dass auch Redakteure von Magazinen mir wider ihre eigene Überzeugung mit großem Bedauern abgesagt haben, gesagt haben, wir sehen das Thema, wir meinen, das ist wichtig, aber in der Redaktion oder in der Redaktionsleitung wird es nicht gewünscht."

"Blut muss fließen - undercover unter Nazis" - immer wieder hat der knapp anderthalbstündige Dokumentarfilm mit schlechter Bildqualität klarzukommen. Kuban filmte durch ein Knopfloch seiner Neonazi-Kleidung. Kahlrasierte Schädel, schwitzende, bierbäuchige, wild tätowierte Männer und haufenweiße Hitlergrüße sind oft nur in sehr bescheidener Schwarz-Weiß-Qualität zu sehen. Anstrengend anzuschauen, nicht nur, weil man es nicht glauben will, was in Einzelfällen tausendfach unter dem Dach einer einzigen alten Fabrikhalle versammelt ist.

Aber: Wer sich die Zeit nimmt und sich auf extreme Bilder mitten aus der Neonazi-Szene einlässt, erfährt mehr, als in vielen Experten-Interviews zum Thema Rechtsextremismus. Auf der vergangenen Berlinale war der Film ein feiner Erfolg für das Team - viele Interviews mit dem Undercover-Filmemacher Kuban und dem Filmautor Ohlendorf. Leider kam vom Berlinale-Ruhm in den Fernseh-Redaktionen wenig an:

"Ich kann nur spekulieren, weshalb dieses Material nicht gezeigt wird, also, es hieß halt oft 'deja vu‘, 'more of the same‘... In den Redaktionen herrschte offenbar der Eindruck vor, das gab's doch schon öfter, aber es war so, dass ich hier ständig neue Themen angeboten habe. Es ging beispielsweise um die Versand-Szene, wo Millionenumsätze gemacht werden, wo Nazis Nazis beschäftigen, wo Versand-Erlöse genutzt werden, um Szene-Projekte zu finanzieren und das hatte diese Bewegung überhaupt so stark werden lassen, dass es auch zum Beispiel ne ausreichende Unterstützer-Szene für die Terrorgruppe NSU gab."

Haben Sie kein Filmmaterial über diese NSU - wo ist der direkte Bezug zur Terrorzelle in Zwickau? Immer wieder wurde Thomas Kuban von Fernsehredakteuren nach Aufnahmen gefragt, die eine Bedrohung durch Terror von rechts beweisen können. Hundertfacher Hitlergruß, Judenhass und NS-Propaganda alleine schienen den Fernseh-Machern nicht zu genügen. Ein Ärgernis bis heute für Thomas Kuban:

"Die Redaktionen sind stark fokussiert, einfach jetzt auf diesen Terrorismus und es war jetzt zum Beispiel so, dass ich jetzt noch im Frühjahr ein Angebot an mehrere Redaktionen unterbreitet hatte, ein Konzert zu drehen in einer Kneipe in Ost-Sachsen, wo seit 2009 Nazi-Konzerte stattfinden - nachdem der Wirt das vor einem Verwaltungsgericht erstritten hat. Salopp formuliert handelt es sich da um gerichtlich genehmigte Nazi-Konzerte. Und meines Erachtens ist das natürlich eine Geschichte, weil das dramatisch ist, wenn ein Gericht dazu beiträgt, dass Neonazis junge Leute anwerben können. Daran hatte aber wiederum keiner Interesse."

Ohne einige Gönner, unter anderem die Eltern, sagt Thomas Kuban, hätte er als Undercover-Filmautor schon vor einigen Jahren Privat-Insolvenz anmelden müssen. Auch aus dem Filmfördertopf des Landes Baden-Württemberg gab es bislang keinen einzigen Cent. Aktuelle Hoffnung der Filmemacher: Bürgerinitiativen und Institutionen wollen den Film öffentlich zeigen - gegen Honorar für das Team - allerdings ohne den Gast Kuban. Denn der kann sich teure Bewachung nicht leisten:

"Ich war bei der Berlinale mit Leibwächter unterwegs und bin mit der Limousine gebracht worden und wieder abgefahren worden. Das kann man nicht ständig machen bei Filmvorführungen, die ja hoffentlich in vielen, hoffentlich auch ländlichen Gegenden stattfinden werden. Wir müssen leider pro Tag 1000 Euro verlangen, wobei dann der Film auch mehrfach pro Tag gezeigt werden kann. Wir suchen händeringend nach jemandem, der uns helfen kann, diesen Schuldenberg abzutragen. Denn nur dann kann der Film auch wirklich seine aufklärende Wirkung in der Gesellschaft entfalten. Und jetzt suchen wir halt politische Stiftungen, die uns bei der Refinanzierung helfen."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:50 Uhr

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