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Ungebremste Preis-Ralley am Rohstoffmarkt

Jahresrückblick 2010

Von Jule Reimer

Sogenanntes Anlagegold wird in Form von Goldbarren und Goldmünzen vertrieben. (AP)
Sogenanntes Anlagegold wird in Form von Goldbarren und Goldmünzen vertrieben. (AP)

Kupfer, Gold oder Eisenerz - die Rohstoffpreise befinden sich auf einer Preis-Achterbahn. Der Fahrtwind nimmt so zu, dass inzwischen sogar recycelbare Rohstoffe an Wert gewinnen.

Börse Frankfurt, Mitte Dezember:

"Für die Feinunze, also 31 Gramm, da musste diese Woche erstmals über 1430 Dollar gezahlt werden, soviel wie noch nie."

Die Preis-Ralley am Rohstoffmarkt war 2010 nicht zu bremsen. Die Tonne Kupfer übersprang locker die 9000 US-Dollar-Marke; Erdöl, Seltene Erden, Magnesium: Preissprünge überall.

Wer in Gold investierte, den trieb die Angst vor der Inflation. Claudia Wind von der Landesbank Thüringen:

"Gold kostet eigentlich eher, weil Sie keine Einnahmen wie Zinsen oder Miete haben. Aber wenn die Zinsen sowieso gerade sehr niedrig sind, verlieren Sie nichts und haben außerdem den Inflationsschutz, den Ihnen in dem Moment die Staatsanleihen nicht bieten können."

Beim Eisenerz dagegen sorgte 2010 ein Konzerntrio für anziehende Preise. Das australisch-britische Unternehmen Rio Tinto, BHP Billiton aus Australien sowie Vale aus Brasilien setzten mit ihrer Angebotsmacht durch, nur noch Verträge für jeweils drei Monate zu schließen - danach verdoppelten sich für viele Stahlkocher die Erzkosten.

Doch neben den westlichen Multis und einer boomenden Nachfrage in den Schwellenländern gilt vor allem Chinas Regierung als diejenige, die die Rohstoffmärkte lenkt. Zum Beispiel als quasi-monopolistischer Anbieter für Magnesium. Das Land habe gezielt viele, kleinere Produktionskapazitäten aufgebaut, erklärt Martin Schmitz von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe:

"Dadurch kam sehr viel Magnesium auf den Markt. Der Preis fiel. Und man kann sehen - über die Jahre - dass verstärkt europäische und auch nordamerikanische Produzenten aufgeben mussten. Zur Zeit geht es darum, dass China die Ausfuhr von Magnesium beschränkt, dies führt natürlich zu einer Preiserhöhung."

Ähnlich sieht es aus bei Seltenen Erden, wo China gerade erneut die Exportquoten für 2011 gedrosselt hat. Dirk Moens, Generalsekretär der Europäischen Handelskammer in China:

"Was als Konsequenz am Ende passieren könnte: Industrien außerhalb Chinas können sich untragbaren Kosten gegenübersehen. Und wenn sie weiter in ihrer Branche tätig sein wollen, könnte die einzige Lösung für sie sein, ihre Produktion nach China zu verlegen."

Denn die deutsche Industrie hat ihre Bergwerksbeteiligungen im Ausland aufgegeben und sich seit den 90er-Jahren auf den Import verlegt. So wächst der Ärger über die chinesische Handelspolitik, gleichwohl BDI-Verbandspräsident Hans-Peter Keitel betont:

"Wir wollen keinen Handelskrieg, sondern wir wollen, dass wir mit anderen Lösungen finden, die auch von anderen als partnerschaftlich empfunden werden."

Als Reaktion legte die EU-Kommission vergangenen Sommer eine Art "Rote Liste" für Rohstoffe auf - 14 Metalle, für Zukunftstechnologien bedeutsam, die Brüssel als von Lieferengpässen bedroht einstuft. Auch Berlin hat reagiert: Eine Rohstoffagentur berät jetzt deutsche Unternehmen, auch bietet die Bundesregierung an, die Finanzierung ausländischer Rohstoffvorhaben staatlich abzusichern. Und die Bundesregierung will Partnerschaften mit Entwicklungsländern fördern. Ein guter Ansatz, findet Ulrich Grillo, Chef der Grillo-Werke und Vorsitzender des BDI-Rohstoffausschusses:

"Unsere Interessen zu wahren heißt ja nicht, gegen die Interessen der unterstützten Länder zu agieren, sondern gemeinsam Rohstoffpartnerschaften zu bilden, die wir im Rahmen unserer Entwicklungshilfe finanziell unterstützen."

In der Summe stehen die Europäer der chinesischen Handelspolitik recht hilflos gegenüber. Das übliche Instrumentarium der Welthandelsorganisation WTO zur Streitbeilegung greift in diesem Fall nicht, räumte WTO-Chef Pascal Lamy ein:

"Nach den herrschenden WTO-Regeln sind Exportbeschränkungen nicht erlaubt, außer sie dienen dem Naturschutz. Aber wenn ein Land trotzdem Exportzölle anwendet, sieht die WTO keinerlei disziplinierenden Maßnahmen vor."

In der Tat begründet China die gedrosselten Exporte auch mit dem Argument "Umweltschutz". Zwei Billionen Euro Schaden verursachten die 3000 größten Industrieunternehmen weltweit durch die Missachtung von Natur- und Artenschutz, allen voran der Bergbau, warnen Experten des UN-Umweltprogramms UNEP.

Mehr Altprodukte recyceln und die Rohstoffeffizienz erhöhen, mahnt deshalb neben UNEP auch das deutsche Umweltbundesamt. Das ist leichter gesagt als getan. Viele Staaten verhängen mittlerweile auch für Schrott Exportbeschränkungen.

Zusätzlich wird die Preis-Ralley durch neue Investoren und neue Anlageformen angetrieben: Zum Beispiel durch Indexfonds, dessen Anbieter die Rohstoffe physisch erwerben und damit die Nachfrage direkt beeinflussen. Profis warnen jedoch Privatanleger davor, in größerem Stil auf Rohstoffe zu setzen. Neben der berüchtigten Volatilität der Märkte sind nämlich auch die Konjunkturaussichten zweifelhaft. Claudia Wind von der Landesbank Thüringen:

"Die chinesische Notenbank stemmt sich gegenwärtig gegen Übertreibung vor allem im chinesischen Immobiliensektor, das heißt, die Dynamik lässt nach. Und dann fehlt so ein bisschen die Fantasie für weitere Preissteigerungen bei den Rohstoffen, die eben auch die Idee Wachstum dahinter haben."

Die chinesische Zentralbank hat ihre Leitzinsen Ende Dezember schon mal vorsorglich etwas angehoben.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:39 Uhr

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