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Unterwegs in der "Kampfzone Straße"

Ein Sozialarbeiter und ein Kommissar haben ein Buch über Jugendgewalt in Neukölln geschrieben

Von Dorothea Jung

Fadi Saad (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler)
Fadi Saad (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler)

Ein Messerverbot ist nur eine der Forderungen, die Fadi Saad und Karlheinz Gaertner erheben. Mit ihrem Buch "Kampfzone Straße" wollen sie die Gesellschaft wachrütteln und die Gründe benennen, warum man die Gewalt in deutschen Großstädten bisher nicht in den Griff bekommt.

Fadi Saad ist ein sportlicher Mann mit breiten Schultern und einem kräftigen Kinn. Über seine Stirn zieht sich eine Narbe, die Nase wurde zweimal gebrochen – Spuren seines früheren Lebens. Karlheinz Gaertner hingegen ist ein 59-jähriger ruhiger Beamter mit rosiger Gesichtshaut und sachlichem Blick. Schon vom ersten Eindruck her ein ziemlich gegensätzliches Paar. Doch die Straßengewalt hat die beiden zusammengebracht. "Mit unserem Buch wollen wir die Menschen in Berlin wachrütteln", bekennt Hauptkommissar Gaertner. In einer seiner Buchpassagen geht es um die zahllosen Messerattacken auf Kinder und Jugendliche im Bezirk.

Karlheinz Gaertner: "Dabei wird mit dem Messer, je größer umso besser, nicht nur gedroht, erschreckender Weise wird genauso schnell zugestochen. Da wird schon einmal im Rausch des Machtgefühls auf den sich wehrlos Ergebenden eingestochen, obwohl man bereits im Besitz der Beute ist."

Fadi Saad kennt derartige Straftäter. Und er redet mit ihnen in den Straßen Neuköllns, mitten in ihrer Kampfzone. Mit Jugendlichen, die sich daneben benehmen, die pöbeln oder andere bedrohen. Diese Jungs, so erklärt der Sozialarbeiter, rasten regelmäßig aus, weil angeblich irgendjemand ihnen nicht mit Respekt begegnet ist. Respekt ist ein Begriff, der Fadi Saad zufolge gerade in Einwandererfamilien eine wichtige Rolle spielt. Doch oft wüssten die Jugendlichen gar nicht, was Respekt bedeutet oder hätten eine vollkommen andere Vorstellung davon als die deutsche Mehrheitsgesellschaft.

Fadi Saad: "Unter Respekt versteht man auf der Straße nicht, wer höflich ist, denn das ist eher das Zeichen von Schwäche, sondern vielmehr, wer lauter ist und stärker ist. Wenn ich das weiß, dass jemand so denkt, dann muss ich schon durchaus einmal ein bisschen grob sprechen. Es ist auch ein Zeichen von Respekt, wenn ich mit einem Jugendlichen in einem gewissen Ton auch einmal rede und sage: Sag einmal, hast du sie nicht mehr alle, mein Freund? Das ist viel respektvoller, als wenn ich ihm sage, du, du weißt doch, das man das nicht tut. Na klar weiß er das, aber ihn auch einmal wie einen Mann zu behandeln und nicht so wie ein kleines Kind."

Beide Autoren wollen den Jugendlichen zeigen, dass ein Weg ohne Gewalt möglich ist, und dass sie eine Chance haben, wenn sie sich gewaltfrei auf ihre eigenen Ressourcen besinnen. Die Buchautoren sind jedoch überzeugt: Das ist nur möglich, indem man jungen Gewalttätern mit Härte begegnet. Aber fair und auf Augenhöhe. Für die gesellschaftliche Bekämpfung der Jugendgewalt ist nach Auffassung von Karlheinz Gärtner außerdem eine Lockerung des Datenschutzes notwendig:

"Gerade in der Jugendgewalt ist es natürlich so, dass die Schulen, Kindergärten, die Polizei, aber auch andere Behörden, Jugendbehörden sich einfach untereinander austauschen müssen, damit sie also auch dementsprechend mit den Eltern sprechen können und so weiter. Und wenn das nicht passiert, dann ist das unter anderem ein Grund, dass man die Jugendgewalt nicht so richtig in den Griff bekommt."

Nach Auffassung des Polizisten hilft es den Jugendlichen nicht, wenn ein zu strikter Datenschutz ein gebündeltes und effizientes Vorgehen der Behörden behindert. Eltern, Lehrer und Erzieher müssten rasch informiert werden können, und die Justiz müsse zügig handeln, damit die Jugendlichen schnell eine Bestrafung spüren. Fadi Saad kritisiert, dass die Jugendlichen für ihre Taten zu selten bestraft werden:

Fadi Saad: "Mit acht, neun Jahren hast du Scheiße gebaut zu Hause, dann hast du eben Stubenarrest bekommen und warst für ein Wochenende zu Hause. Da hat niemand laut gekräht: Ah, was macht Ihr da, die armen Kinderrechte. Wenn wir aber davon reden, einen Jungen, der mit dem Messer andere ausraubt, vielleicht einmal zu bestrafen, oh, mein Gott, vielleicht schaden wir dem ja. Nein, dem schaden wir nicht. Wir machen ihn erst einmal darauf aufmerksam, dass er überhaupt etwas falsch macht."

Die Autoren appellieren mit ihrem Buch auch an die Politik. Sie fordern ein Verbot für das Mitführen jeder Art von Messer. Sie fordern, dass Jugendsozialprojekte aus ihrer prekären Projektförderung entlassen werden und stattdessen eine kontinuierliche Finanzierung zugesichert bekommen. Und sie fordern generell kleinere Klassen in Problembezirken, um gefährdete Kinder und Jugendliche besser auffangen und fördern zu können.

Informationen des Herder Verlags über das Buch "Kampfzone Straße"



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:51 Uhr

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