Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Vatikan wittert "Pogromstimmung"

Katholische Kirche beklagt "feindseliges" Weltbild

Präfekt der katholischen Glaubenskongegration, Gerhard Ludwig Müller
Präfekt der katholischen Glaubenskongegration, Gerhard Ludwig Müller (dpa / Armin Weigel)

Erst der Missbrauchsskandal, jetzt die "Pille danach": Der Chef der Glaubenskongregation im Vatikan, Gerhard Ludwig Müller, hat eine aufkommende "Pogromstimmung" gegen die katholische Kirche kritisiert. Der Humanistische Verband Deutschlands kritisierte die Äußerung als Tatsachenverdrehung auf Kosten der Opfer.

Nachdem die Aufarbeitung des jahrzehntelangen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch katholische Geistliche auf Eis gelegt wurde, streitet die katholische Kirche in Deutschland nun über die "Pille danach" an Vergewaltigungsopfer. Der Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, bezeichnete die Verabreichung des Medikaments als vertretbar. Einige der 435 deutschen Krankenhäuser in katholischer Trägerschaft wollen ihm folgen.

Die Gegner wie das Erzbistum Berlin bekommen Unterstützung aus dem Vatikan: "Eine Kultur des Todes hat keine Zukunft", sagte der oberste katholische Glaubenshüter, Kurienerzbischof Gerhard Ludwig Müller, der Zeitung "Die Welt". "Wenn wir versuchen, nicht nur die Kirche an zeitgeistige Ideologien anzupassen, sondern auch das natürliche Sittengesetz, geraten wir an ganz gewichtige Mängel. Deshalb kämpfen wir auch gegen Abtreibung: die Tötung von Menschen im Mutterleib."

Kritik wie von "totalitären Ideologien"

Debatte um Aufklärung des MissbrauchsskandalsVatikan erzürnt über "feindselige" Kritik (picture alliance / dpa)Der Präfekt der Glaubenskongregation kritisierte zugleich "gezielte Diskreditierungskampagnen" und eine aufkommende "Pogromstimmung" gegen die katholische Kirche. Dies habe dazu geführt, "dass Geistliche in manchen Bereichen schon jetzt ganz öffentlich angepöbelt werden", sagte Müller. "Die daraus entstandene Stimmung sieht man in vielen Blogs. Auch im Fernsehen werden Attacken gegen die katholische Kirche geritten, deren Rüstzeug zurückgeht auf den Kampf der totalitären Ideologien gegen das Christentum. Hier wächst eine künstlich erzeugte Wut, die gelegentlich schon heute an eine Pogromstimmung erinnert." Die Betrachtungsweise sei "feindselig, wenn man die veröffentlichte Meinung als Maßstab nimmt".

Müller war vor seiner Ernennung zum Präfekten der Glaubenskongregation durch Papst Benedikt XVI. im vergangenen Jahr Erzbischof von Regensburg.

"Bizarre Äußerungen"

Der Humanistische Verband Deutschlands sprach von "bizarren Äußerungen" des Bischofs. Das Bild einer Pogromstimmung gegen die eigene Kirche zu verwenden, ist schlicht eine Beleidigung für die Opfer tatsächlicher Pogrome", erklärte Vizepräsident Helmut Fink. "Müller schämt sich offenbar nicht, die Mitverantwortung des von ihm gehüteten Glaubens für Pogrome in der Vergangenheit in eine heutige Opferrolle umzudeuten."

Es wirke grotesk, wenn der oberste katholische Glaubenshüter "angesichts der offenkundigen Unfähigkeit seiner Kirche, mit dem jahrzehntelang vertuschten weltweiten sexuellen Missbrauch durch Geistliche in redlicher Weise aufzuräumen, die Kirche in der Rolle eines unschuldigen Opfers sieht", sagte Fink weiter. "Die Vergleiche Müllers zeigen wieder einmal, wie fremd der römischen Kirche die Werte der Aufklärung und der offene Umgang mit Kritik auch heute noch sind."

Justizministerin kritisiert Müller

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der FDP-BundestagsfraktionBundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Deutschlandradio - Bettina Straub)Auch Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) kritisierte die Äußerungen Müllers scharf. "Vergleiche mit dem Holocaust sind geschmacklos, wenn es um unterschiedliche Auffassungen in unserer Gesellschaft zu aktuellen Fragen wie auch der Rolle der Ehe, Familie und eingetragenen Lebenspartnerschaften geht", sagte sie der "Welt am Sonntag". "Die Katholische Kirche muss sich drängenden Problemen stellen und kann sich nicht durch Verweis auf vermeintliche Sonderstellung ihrer Verantwortung entziehen."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:05 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 02:07 Uhr Konzertmomente

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Tonart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Stichwahl in BrasilienSchlammschlacht vor laufender Kamera

Brasiliens Staatschefin Dilma Rousseff.

Brasilien steht vor der Stichwahl um das Präsidentenamt und der Wahlkampf artet zu einer politischen Schlammschlacht aus. In den Fernsehduellen zwischen Amtsinhaberin Dilma Roussef und Herausforderer Aécio Neves lässt niemand auch nur ein gutes Haar am anderen.

Vor 58 Jahren Hitler für tot erklärt

1956. Hitler ist tot. Eigentlich schon lange. Doch erst heute vor 58 Jahren wird er offiziell von Amtsgericht Berchtesgaden für tot erklärt. Kurz zuvor sind Zeugen aus dem ehemaligen Führerbunker aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und können nun sein Ableben bezeugen.

Armin PetrasWie man das Herz der Schwaben erobert

Armin Petras, Intendant am Schauspiel Stuttgart, aufgenommen am 6.6.2013

Seit einem Jahr leitet der ehemalige Maxim-Gorki-Intendant Armin Petras das Schauspiel in Stuttgart. Es war ihm wichtig, diese neue Stadt und ihr Publikum zu erobern. Wie ihm das gelungen ist, verrät er im Interview.

Abel Gance Zwischen Heroisierung und Anklage

Der französische Regisseur Abel Gance (r) während der Dreharbeiten zu seinem Film "Napoleon" im Jahr 1926.

Vor 125 Jahren wurde der französische Filmpionier Abel Gance geboren. Er drehte den ersten Antikriegsfilm der Geschichte, später allerdings auch ein verklärendes Epos über Napoleon. Schon damals sah er im Film "das größte Medium des menschlichen Geistes".

IndienDas Milliardengeschäft mit dem Sandraub

Eine Mann watet aus dem Wasser, auf dem Rücken trägt er einen Eimer voll Sand.

Wer baut, braucht Sand. In einem Land wie Indien mit stets wachsenden Super-Metropolen ist illegaler Sandabbau ein lukratives Geschäft. Das Geld fließt schnell. Alles, was notwendig ist, sind ein Lkw und ein paar Männer. Doch wird das zum Problem für Mensch und Umwelt. 

Milliarden-Nachzahlung"Briten wussten, was auf sie zukommt"

Monika Hohlmeier, Tochter des ehemaligen Verteidigungsministers und Ministerpräsidenten von Bayern, Franz-Josef Strauß.

Die CSU-Europapolitikerin Monika Hohlmeier hat kein Verständnis für den Unmut des britischen Premiers Cameron. Er lehnt die von der EU-Kommission geforderte Nachzahlung in Höhe von 2,1 Milliarden Euro ab. Großbritannien habe selbst jahrelang von der Regelung profitiert, sagte Hohlmeier im DLF.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Ukraine  wählt ein neues Parlament | mehr

Kulturnachrichten

Georg-Büchner-Preis an Jürgen Becker:  Festakt im Staatstheater Darmstadt | mehr

Wissensnachrichten

Ello  Anti-Facebook schreibt Werbe-Verzicht fest | mehr