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Venezuela trauert um Hugo Chávez

Sieben Tage Staatstrauer - Neuwahlen binnen 30 Tagen

Letztes Geleit für Hugo Chávez (picture alliance / dpa / David Fernandez)
Letztes Geleit für Hugo Chávez (picture alliance / dpa / David Fernandez)

Venezuelas Staatschef Hugo Chávez hat den Kampf gegen den Krebs verloren. Der 58-Jährige starb am Dienstag nach langer Krankheit in einem Militärkrankenhaus in Caracas. "Wir werden würdige Erben eines Giganten sein", erklärte Chávez' Stellvertreter Nicolas Maduro.

"Es ist ein Moment des tiefen Schmerzes", sagte Übergangspräsident Nicolas Maduro in einer Fernsehansprache. Der erklärte Wunschnachfolger des verstorbenen Staatschefs und bisherige Vizepräsident übernimmt bis zu Neuwahlen innerhalb von 30 Tagen die Amtsgeschäfte. Am Freitag soll Hugo Rafael Chávez Frías in einem Staatsbegräbnis beigesetzt werden. Den mit der Nationalfahne und Blumen bedeckten Sarg durch die Straßen der Hauptstadt Caracas begleiteten Familienangehörige, Regierungsvertreter und tausende Chávez-Anhänger. Oppositionsführer Henrique Capriles rief das Land zur Einheit auf. Jetzt sei "nicht die Zeit für Differenzen". Capriles war im vergangenen Oktober bei der Präsidentschaftswahl dem Amtsinhaber Chávez unterlegen. Es wird damit gerechnet, dass er bei der Neuwahl gegen Maduro antritt.

Die Schuld "historischer Feinde"

Venezuelas Übergangspräsident Nicolas Maduro (picture alliance / dpa / Miguel Gutierrez)Venezuelas Übergangspräsident Nicolas Maduro (picture alliance / dpa / Miguel Gutierrez)Die Todesnachricht versetzte Tausende Venezolaner in Trauer. Überall stürzten die Hauptstadtbewohner aus ihren Büros und den Geschäften, berichtet unser Korrespondent Martin Polansky aus Caracas. Bürgersteige und U-Bahnen in Venezuelas größter Stadt waren überfüllt, alle Menschen eilten schnellstmöglich nach Hause. Das Krankenhaus, in dem der Staatschef starb, glich einem Wallfahrtsort. "Wir alle sind Chávez!", riefen Hunderte Menschen in Sprechchören. Übergangspräsident Maduro warf den "historischen Feinden" Venezuelas - eine Anspielung auf die USA - vor, hinter Chávez' Krebserkrankung zu stecken. Eines Tages werde dies wissenschaftlich bewiesen werden können.

Mit seiner Politik der Umverteilung und Verstaatlichung regierte Chávez das ölreiche Land 14 Jahre. Mit seinem Tod verliert die Linke in Südamerika einen ihrer bekanntesten und zugleich umstrittensten Wortführer. "Keinen Venezolaner lässt der Tod von Chávez gleichgültig, denn jenseits aller Widersprüche und Gegensätze hat er Zeichen gesetzt und unsere Geschichte geprägt. Er war der erste Präsident, der über die Massenmedien mit der Bevölkerung kommunizierte, und seine Persönlichkeit wird die Forschung noch lange beschäftigen", schreibt die Zeitung EL UNIVERSAL aus Caracas.

Chávez hat den Kampf gegen sein Krebsleiden verloren

Chavez bei einer Militärparade (picture alliance / dpa /EFE /EPA / David Fernandez)Hugo Chávez bei einer Militärparade (picture alliance / dpa /EFE /EPA / David Fernandez)Der 58-jährige Chávez litt seit knapp zwei Jahren an einer Krebserkrankung. Im Dezember unterzog er sich in Kuba seiner vierten Krebsbehandlung. Seitdem wurden lediglich ein paar Fotos von ihm in einem Krankenhausbett veröffentlicht. Mitte Februar kehrte Chávez überraschend nach Caracas zurück. Am Montag hatte sich sein Gesundheitszustand dramatisch verschlechtert: Hugo Chávez starb am Dienstag um 16.25 Uhr (21.55 Uhr MEZ) in der Hauptstadt Caracas.

Nach dem Tod des Präsidenten bekräftigte US-Präsident Barack Obama das Interesse der Vereinigten Staaten an konstruktiven Beziehungen zu Venezuelas Regierung, wie Marcus Pindur aus Washington berichtet. "Während Venezuela ein neues Kapitel in seiner Geschichte beginnt, engagieren sich die Vereinigten Staaten weiter für eine Politik, die demokratische Prinzipien, rechtsstaatliche Grundsätze und den Respekt für Menschenrechte unterstützt", erklärte Obama. Venezuela hatte erst am Dienstag zwei US-Militärattachés wegen mutmaßlicher Verwicklung in "konspirative Pläne" des Landes verwiesen. Die USA wiesen die Behauptungen als abwegig zurück.

Bundesaußenminister Westerwelle bei der UNO (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)Bundesaußenminister Guido Westerwelle (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)

Westerwelle: Tiefer Einschnitt

Bundesaußenminister Guido Westerwelle bezeichnete den Tod Chávez' als tiefen Einschnitt für Venezuela . Er sei aber überzeugt, dass das Land nach Tagen der Trauer den Aufbruch in eine neue Zeit schaffe, erklärte Westerwelle in Berlin. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon sprach der Familie von Chávez, der Regierung und dem venezolanischen Volk sein «tiefes Beileid» aus. Die UNO werde mit Venezuela nach der Ära Chávez weiter bei der Entwicklung des Landes zusammenarbeiten.

Die Vorsitzende der deutsch-südamerikanischen Parlamentariergruppe im Bundestag, die Grünen-Politikerin Ingrid Hönlinger, lobte Chavez' Sozialpolitik: "Er hat sich für die finanziell schwächsten in der Gesellschaft eingesetzt", sagte Hönlinger im Deutschlandfunk. Insgesamt sei die Bilanz seiner Regierung gemischt, da der Präsident die Unabhängigkeit der Justiz und die Pressefreiheit eingeschränkt habe.

Trauer in ganz Südamerika

Mit Bestürzung haben die südamerikanischen Staats- und Regierungschefs auf Chávez' Tod reagiert, berichtet Julio Segador aus Buenos Aires. Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff sprach von einem "unersetzlichen Verlust". Chávez hinterlasse eine "Leere im Herzen, in der Geschichte und den Kämpfen Lateinamerikas". Sie betonte: "Ein großer Lateinamerikaner ist tot."

Bolivien verhängte sieben Tage offizielle Trauer, Argentinien drei Tage. Mehrere Staatschefs aus der Region wollen am kommenden Freitag nach Caracas zur Trauerfeier reisen: Darunter Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner, Boliviens Präsident Evo Morales und José Mujica, der Präsident von Uruguay. Ob auch Kubas Staatschef Raúl Castro oder gar sein Bruder Fidel nach Caracas reisen, war noch unklar. Beide waren enge Weggefährten von Chávez.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zog dagegen eine kritische Bilanz der Chávez-Regierung. Die 14 Jahre seien geprägt gewesen von "einer dramatische Machtkonzentration und einer offenen Missachtung der Menschenrechte". Der Opposition, Journalisten und Menschenrechtlern seien grundlegende Rechte verweigert worden. Gerade in den letzten Jahren habe Chávez seine Macht genutzt, um Kritiker einzuschüchtern, zu zensieren und zu verfolgen.


Weiterführende Informationen:

Venezuelas Präsident Hugo Chavez gestorben - Der Staatschef erlag einem Krebsleiden
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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:07 Uhr

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