Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Verbände wünschen "Generalüberholung" der Islamkonferenz

Friedrich lehnt Ausgliederung aus dem Innenressort ab

Bundesinnenminister Friedrich und Mahada Wayha, Delegierte der Jungen Islam Konferenz, unterhalten sich während der Islamkonferenz am 7.5.2013. (picture alliance / dpa)
Bundesinnenminister Friedrich und Mahada Wayha, Delegierte der Jungen Islam Konferenz, unterhalten sich während der Islamkonferenz am 7.5.2013. (picture alliance / dpa)

Nach der letzten Sitzung der Deutschen Islam Konferenz in dieser Legislaturperiode werfen Religionsverbände und die Opposition Bundesinnenminister Friedrich vor, die Gespräche in eine Sackgasse geführt zu haben. Der Minister zieht dagegen eine positive Bilanz und will die Zuständigkeit behalten.

Das Ministerium sei zuständig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und damit auch für die Islamkonferenz, sagte der CSU-Politiker nach der Vollversammlung in Berlin. Die Themen Sicherheit und Terrorismus seien nur im Rahmen der Initiative Sicherheitspartnerschaft diskutiert worden. Zudem habe das Gremium die Schwerpunkte 2010 einvernehmlich beschlossen. Zugleich warb Friedrich dafür, die Konferenz stärker in den Bundesländern zu verankern.

Kein Dialog auf Augenhöhe

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, sagte dem Nachrichtensender n-tv, es habe keinen Dialog auf Augenhöhe gegeben. "So wie die Islamkonferenz sich entwickelt hat, muss die Frage erlaubt sein, ob sie in dieser Form unter der Federführung der Innenminister noch Sinn macht," sagte der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Boris Pistorius (SPD), der Nachrichtenagentur dpa. Ebenso verlangte Grünen-Fraktionschefin Renate Künast einen Neustart.

Wie repräsentativ ist die DIK?

Im Vorfeld der DIK kritisierten islamische Verbände die Fokussierung auf das Thema Sicherheit und Extremismus und die Auswahl der Teilnehmer. Aber auch grundsätzlich rückten mehrere Vertreter der Muslime von dem Treffen ab. Kritiker sprechen der DIK ab, für die rund vier Millionen Muslime in Deutschland repräsentativ zu sein. Denn nach Schätzungen seien nur rund ein Fünftel von ihnen überhaupt in Verbänden organisiert.

Die türkisch-stämmige Frauenrechtlerin und Anwältin Seyran Ates wies dagegen die Kritik der Islam-Verbände zurück. Im Deutschlandfunk sagte sie, die Islamkonferenz habe neben der Sicherheitsfrage auch andere wichtige Themen behandelt, wie zum Beispiel die Gleichberechtigung der Geschlechter. Tatsächlich seien es die Verbände, die regelmäßig eine offene Diskussion behinderten.

Nach Ansicht des Vorsitzenden des Interkulturellen Rates Deutschland, Jürgen Micksch, besteht das Problem der DIK darin, dass wichtige Verbände jetzt ausgetreten sind, und nicht mehr richtig mitmachen". Weiter sagte Micksch im Deutschlandfunk, "dass eben Themen, die von Muslimen gewünscht werden, zwar vor Jahren mal wohl vereinbart worden sind, dass sie mitbehandelt werden, aber nicht angemessen aufgegriffen wurden."

"Die Deutsche Islamkonferenz ist in diesem Rahmen ungeeignet", sagte Erol Pürlü, der Dialogbeauftragte des Verbandes Islamischer Kulturzentren (VIKZ), der "Süddeutschen Zeitung". Sein Verband nahm aber dennoch an der Konferenz teil.

Verständnis für die Kritik der Muslime an der Islamkonferenz äußerte Bilkay Öney, Integrationsministerin von Baden-Württemberg im Deutschlandfunk. Bei dem Treffen sei es bislang zu sehr um Sicherheitsaspekte gegangen, so die SPD-Politikerin. Es hätte mehr über das Zusammenleben und die Probleme von Muslimen in Deutschland gesprochen werden müssen. Sie baue allerdings darauf, dass der Dialog weitergehe.

Generalüberholung für DIK gefordert

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), Aiman Mazyek, meinte: "Die Islamkonferenz braucht dringend eine Generalüberholung". Kritik kommt auch vonseiten liberaler Muslime. Die Konferenz gebe zwar wichtige gesellschaftspolitische Impulse, habe aber keine wirkliche Entscheidungskraft, twitterte die Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bunds (LiB), Lamya Kaddor. Beide Organisationen sind nicht beziehungsweise nicht mehr im Plenum der Islamkonferenz vertreten. Seitens der weltlich orientierten Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD) hieß es, in dieser Form habe die Islamkonferenz keinen Sinn mehr.

Friedrich weist Kritik zurück

Innenminister Hans-Peter Friedrich verteidgt das neue Terrorabwehrzentrum gegen Kritik. (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)Das Bundesinnenministerium, das der Islamkonferenz vorsitzt, verteidigte sich gegen Kritik: Das Thema Sicherheit und Terrorismus habe die Deutsche Islamkonferenz in den vergangenen drei Jahren nicht dominiert. Das Haus von Minister Hans-Peter Friedrich verwies auf Diskussionen über die mögliche Kooperation von Staat und Muslimen sowie auf Debatten über Geschlechtergerechtigkeit. Friedrich begrüßt die von der DIK angestoßene Initiative zur Förderung von Projekten im Jugendbereich gegen Muslimfeindlichkeit, Antisemitismus und Extremismus.

Ein Streitpunkt ist die Zusammensetzung der Konferenz

Ein wiederkehrender Kritikpunkt ist die Zusammensetzung der Konferenz. Das Innenministerium hatte als Gastgeber stets Wert darauf gelegt, nicht nur Interessenverbände zu Wort kommen zu lassen - in denen nur eine Minderheit der Muslime organisiert ist -, sondern auch Einzelpersönlichkeiten. Die Verbände pochen hingegen auf einen weitgehenden Alleinvertretungsanspruch. Ihnen sind vor allem Vertreter säkularer Strömungen unter den insgesamt zehn Einzelpersonen ein Ärgernis. So betonte Erol Pürlü: "Die Konferenz ist nur sinnvoll als Dialog mit islamischen Religionsgemeinschaften - und nur mit diesen." Aber auch eine Zusammenarbeit mit Liberalen streben die großen Verbände nicht an.

Das Plenum tagt unter der Leitung von Hans-Peter Friedrich. In der Islamkonferenz sitzen jeweils sechs Vertreter aus Bund und Ländern, Verantwortliche aus den Kommunen sowie Verbandsvertreter und Einzelpersonen. Vor zwei Jahren schieden zwei große Islamverbände aus der Konferenz aus: Der Zentralrat der Muslime trat aus, weil er Fortschritte bei der Anerkennung als Religionsgemeinschaft vermisste, der Islamrat wurde ausgeschlossen, weil gegen dessen Mitgliedsverband Milli Görüs ermittelt wurde.

Die Deutsche Islamkonferenz war erstmals 2006 vom damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) einberufen worden, um den Dialog zwischen den Muslimen und dem Staat zu institutionalisieren.

Mehr zum Thema auf dradio.de

Streit im Vorfeld der Islamkonferenz - Muslime sehen in dem Treffen keinen Sinn mehr

Die Rechte muslimischer Frauen sollen gestärkt werden- Islamkonferenz berät über Geschlechtergerechtigkeit - und die Salafisten
Kommentar: Ein Teil Deutschlands- Die Islamkonferenz und ihre Zukunft
Die Salafisten "dürfen die Islamkonferenz nicht dominieren"- Migrationspolitiker der Grünen über Ergebnisse des Dialogs in Berlin
Aufgeklärt, demokratisch, liberal- Die Islamkonferenz und die anderen Muslime in Deutschland
Ärger über Islamkonferenz "auch irgendwie verständlich" - SPD-Politikerin fordert mehr Fokus auf Probleme der Muslime

Weitere Informationen:
Islamkonferenz: Abschiedsbesuch beim bösen Onkel Friedrich

Deutsche Islamkonferenz:Das Problem mit den Muslimhassern

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:10 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 04:05 Uhr Radionacht Information

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Tonart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Nach Dresdener RedeHöcke soll nicht mehr als Lehrer arbeiten dürfen

Der AfD-Politiker Björn Höcke. (imago / Steve Bauerschmidt)

Politiker von der SPD, CDU und Grünen fordern, dass Björn Höcke in Zukunft nicht mehr als Lehrer arbeiten darf. Grund ist seine Rede in Dresden am Dienstagabend. Der AfD-Politiker ist wegen seiner Abgeordnetentätigkeit im thüringischen Landesparlament zur Zeit von seinem Lehrberuf in Hessen beurlaubt.

MenstruationDer Kampf gegen ein uraltes Tabu

Blut auf weißer Fläche (picture alliance / dpa / Fritz Schumann)

Bis heute schweigen viele junge Frauen über ihre Periode. Laut einer Studie spricht nur eine von fünf Frauen mit ihrem Partner über ihre Menstruation. Unter dem Motto "period positivity" melden sich jedoch immer mehr Frauen zu Wort und sprechen offen über ihre Erfahrungen.

Reaktionen der US-KunstszeneKunst statt Trump

Museumsbesucher betrachten ein Bild der US-Künstlers Jackson Pollock, Titel: "Blue Poles" (1952) (picture alliance / dpa / EPA / Andy Rain)

Morgen wird Donald Trump als neuer Präsident der USA vereidigt. Das linksliberale Kunstpublikum bleibt den Feierlichkeiten demonstrativ fern. Museen bieten Sonderveranstaltungen und freien Eintritt. Ein Überblick.

"Yolocaust" von Shahak ShapiraSelfies am Holocaust-Mahnmal

Italienische Touristinnen machen am Holocaust-Denkmal in Berlin ein Selbstporträt mit einem "Selfie-Stick". (picture alliance / dpa/ Felix Zahn)

Darf man am Holocaust-Mahnmal in Berlin lustige Fotos schießen? Der Satiriker Shahak Shapira hat mit der Aktion "Yolocaust" darüber eine Debatte angestoßen. Der Zuspruch ist enorm - aber auch skeptische Stimmen werden laut. Wir haben uns umgesehen.

Antilopen Gang und Fehlfarben"Das hier ist Musik für Freaks"

Die Hip-Hop-Band Antilopen Gang aus Aachen und Düsseldorf. (picture alliance / JKP / Schermer / dpa)

Das neue Album der Antilopen Gang weist nicht nur mit dem Namen "Anarchie und Alltag" auf ein legendäres Album der Fehlfarben hin. Was die Hip-Hop-Gruppe und die Düsseldorfer Punkveteranen eint und warum auf die Fressen hauen manchmal besser ist als ständig zu reden.

Journalismus"The Young Turks" versus Donald Trump

"The Young Turks": Jayar Jackson, Praveen Singh, Gründer Cenk Uyger und Jesus Godoy im Washington (Imago)

Mit Donald Trump als Präsident wird sich für sie vieles verändern, befürchten nicht wenige Journalisten in den USA. Die Macher des Online-Nachrichten-Formats "The Young Turks", haben davor keine Angst. Ihr Gründer - ein US-Bürger mit türkischen Wurzeln- rät allen Medienmachern, sich vor dem neuen US-Präsidenten bloß nicht wegzuducken.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

US-Präsidentschaft  Trump und Pence vor Vereidigung | mehr

Kulturnachrichten

Sängerin des Welthits "Lambada" ist tot  | mehr

Wissensnachrichten

Indonesien  Tierschützer prangern "Horror-Zoo" an | mehr