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Vergessene Opfer

Serie zum "Deutschen Herbst", Teil 1

Von Doris Simon

In der offenen Kabinentür der entführten Lufthansamaschine Landshut sitzt der Pilot, Jürgen Schumann, am  15.10.1977 auf dem Flughafen von Dubai. (AP Archiv)
In der offenen Kabinentür der entführten Lufthansamaschine Landshut sitzt der Pilot, Jürgen Schumann, am 15.10.1977 auf dem Flughafen von Dubai. (AP Archiv)

Als vor 30 Jahren der Terror der RAF das Land erschütterte, bestimmte schnell die Suche nach den Motiven der Täter die öffentliche Debatte. Die Opfer des Terrors, so empfanden es viele Angehörige, wurden damals und werden auch im historischen Rückblick allzu oft vergessen.

"Er war ein Vater, der nur kurz da war. Das ist die Erinnerung an einen nur sehr kurz dagewesenen Vater, den ich mir in der Zeit, in der ich ihn erleben konnte, nicht besser hätte vorstellen können. Er war ungemein liebevoll, ungemein aufmerksam, sehr humorvoll. Er hatte sehr klare Vorstellungen darüber, wie man durchs Leben gehen sollte, wie man nicht durchs Leben gehen sollte. Also so möchte ich gerne meine Kinder erziehen, wie mein Vater mich erzogen hat."

Clais von Mirbach über seinen Vater: Andreas von Mirbach ist 44 Jahre alt und Militärattaché an der deutschen Botschaft in Stockholm, als am 24. April 1975 sechs RAF-Terroristen die nur schlecht geschützte deutsche Botschaft besetzen. Sie fordern die Freilassung von 26 RAF-Häftlingen und drohen mit der Ermordung der Botschaftsangehörigen.

Der Sohn erinnert sich an Gespräche mit den Eltern über die RAF.

"Diese Terrorismusdiskussion, die wir mitbekommen haben als Kinder, die haben wir keinesfalls auf uns bezogen. So sehr meine Eltern sich darüber bewusst waren, dass da Gefahren drohen, so wenig wussten wir davon."

In der Botschaft spitzt sich die Situation schnell zu. Andreas von Mirbach wird als erster ermordet. Sein Sohn erfährt vom Tod des Vaters aus dem Radio. Wer die tödlichen Schüsse abgegeben hat, das wissen die Angehörigen bis heute nicht.

"Drei Geiseln sind jetzt frei und, ein Moment! Es passiert irgendetwas gerade jetzt."

"Wir waren in der Schule und wurden von der Polizei abgeholt. Uns wurde nicht im Einzelnen gesagt, was passiert sei, nur dass es besser sei, jetzt nach Hause zu fahren."

Die Bundesregierung will Terroristen nicht mehr nachgeben. Andreas von Mirbach war das erste Opfer dieser Konsequenz aus früheren RAF-Geiselnahmen, erinnert sich der damalige Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel:

"Wenn es wieder passiert, geben wir wieder nach, oder geben wir nicht mehr nach? Und da hat die von mir vertretene Position an Bedeutung gewonnen in dem Maße, in dem deutlich wurde, dass die hier Freigepressten neue, schwere Straftaten begehen."

36 Menschen wurden von der RAF umgebracht. Doch es gibt noch viel mehr Opfer des RAF-Terrors.

Regierungssprecher Klaus Bölling: "Der Kapitän meldet um 4.50 Uhr, dass sein Treibstoff nur noch für eine Stunde reicht."

13. Oktober 1977: Vier Maskierte bringen die Lufthansa-Maschine Landshut in ihre Gewalt, unterwegs von Mallorca nach Frankfurt. Sie fordern die Freilassung von elf RAF-Häftlingen. Für die 87 Menschen an Bord beginnt ein fünftägiger Alptraum.

"Also die Kinder sind ganz schnell vorne in die ersten zwei Reihen gesetzt worden, die wurden von ihren Eltern getrennt und waren sozusagen das Faustpfand der Entführer, denn der Sprengstoff war direkt an der Trennwand zwischen 1. und 2. Klasse deponiert. Und die Kinder saßen direkt davor. Es gab die Argumente, Kinder sollen am wenigsten leiden, wenn das Flugzeug in die Luft geht, die sollen also gleich weg sein."

Brigitte Pauls eigene Kinder warten zu diesem Zeitpunkt bei den Großeltern in Berlin. Sie wiederzusehen ist ihr einziges Ziel. Doch die Bundesregierung erfüllt die Forderungen der Entführer nicht, die Maschine darf nirgendwo landen. Als die Terroristen den Flugkapitän ermorden, rechnet Brigitte Paul mit dem Schlimmsten:

"Als wir relativ zum Schluss sehr hart gefesselt waren, die Männer mit unwahrscheinlich fest angezogenen Fesseln, so dass die Hände anschwollen, dann wir alle mit Alkohol übergossen wurden, damit, wenn das Flugzeug in Flammen aufgeht, alles besser brennt, das war sicher die trostloseste Situation, die ich da mitgemacht habe."

Regierungssprecher Klaus Bölling: "Die Geiseln von Mogadischu sind frei. Wir sind dankbar dafür, dass Menschen mehrerer Nationen und Bürger unseres Landes diese brutale Entführung überlebt haben."

Vier Wochen nach der Befreiung aus der Landshut steht Brigitte Paul wieder vor ihrer Schulklasse. keine Pause, keine Betreuung, keine Entschädigung. 18 Jahre lang hält sie es in keinem engen Raum aus, besteigt kein Flugzeug. Doch dann, 1995, fliegt sie nach Oslo und trifft dort Souheila Andrawes, die einzige überlebende Geiselnehmerin:

"Ist vielleicht ein bisschen verrückt, aber ich habe mir gedacht: Ich will einfach wissen, bin ich wieder dieses Mäuschen, habe ich wieder diese Position, kleingemacht, geduckt zu werden oder kann ich ihr jetzt ganz anders gegenüber treten?"

Sie kann. Brigitte Paul will nicht vergessen, aber sie kann ihrer Geiselnehmerin vergeben. Hassen, das kostet so viel Kraft, sagt sie. Trotzdem ist sie erleichtert, als Souheila Andrawes ein Jahr später verurteilt wird:

"Die Rechtsprechung musste so aussehen, dass sie verurteilt wurde. Es hat mich beruhigt."

Auch die Mörder von Andreas von Mirbach werden zu langen Haftstrafen verurteilt. Die Familie des Toten muss neu anfangen: keine psychologische Unterstützung, keine Betreuung, keine besondere Entschädigung. Die Opfer und ihre Angehörigen haben in der RAF- Debatte keinen Platz, so hat es Clais von Mirbach erfahren:

"Das lag sicher am gesellschaftlichen Klima. Ich habe diese Diskussionen, sofern sie überhaupt stattfanden, immer so erlebt, dass es um die Täterperspektive ging, dass es um die Diskussion ging, ob man die Gefangenen richtig behandelt, ob das rechtsstaatlich ist, dass sich alles um die Täter gedreht hat, dass wir auch eine Grundstimmung in der Gesellschaft meinten bemerkt zu haben, die von einer gewissen Grundsympathie geprägt war: Das war ja alles nicht so ganz schlecht, zumindest der Ansatz war gut, und das ist so die Tendenz gewesen, die wir vorgefunden haben."

Dass sich die Diskussion inzwischen verändert hat, führt Clais von Mirbach auf eine neue Generation in Medien und Politik zurück. Er lobt Bundespräsident Köhler dafür, dass er den Kontakt zu den Angehörigen von RAF-Opfern gesucht hat:

"Sämtliche Mörder meines Vaters, die überlebt haben, sind inzwischen auf freiem Fuß. Und einer davon ist auch begnadigt worden, und wir haben von dem Umstand der Begnadigung und davon, dass er schon zwei Jahre vorher aus der Haft entlassen worden war aufgrund gesundheitlicher Gründe, aus der Presse erfahren. Mit uns hat zu keinem Zeitpunkt weder vorher noch hinterher, eine staatliche Stelle gesprochen. Ich fand das damals ausgesprochen unangemessen, dass man als Angehöriger aus der Zeitung erfahren muss, dass man demnächst dem Mörder seines Vater oder seines Ehemannes auf der Straße begegnen wird."

32 Jahre liegt der Mord an Andreas von Mirbach zurück. Sein Sohn sieht heute vor allem mit Bedauern auf die Täter. Sie hätten eine immense persönliche Schuld auf sich geladen, mit der sie nicht umgehen könnten.

"Was für uns ganz wichtig war, war die ganz bewusste Anstrengung, keinen Hass zu empfinden. So sind wir erzogen werden, und das halten wir nach wie vor für richtig, dass Hass letztlich ein Gefühl ist, das denjenigen am meisten schädigt, der es empfindet. Ich kann auch heute sagen, dass uns das gelungen ist. Hass empfinden wir nicht."

Übersicht zur Serie "30 Jahre Deutscher Herbst"

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:24 Uhr

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