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Verlage und ihre Leserschaft

Reihe Ansichtssache Deutsche Einheit (2): Die Verlage Ch. Links (Berlin) und Grupello (Düsseldorf)

Von Claudia van Laak und Barbara Schmidt-Mattern

Neue Namen aus Ost und  West gab es 1990 auch in der Buchbranche (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Neue Namen aus Ost und West gab es 1990 auch in der Buchbranche (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Im Jahr 1990 begannen die Verleger Christoph Links und Bruno Kehrein mit dem Büchermachen. Zunächst beschränkten sie sich auf die Themen DDR bzw. Düsseldorf, aber das hat sich schnell geändert. Heute sind beide Verlage etabliert.

Christoph Links stellte bereits Anfang 1989 einen Antrag auf Gründung eines Verlags an das DDR-Kultusministerium - der wurde natürlich abgelehnt. Nur wenige Monate später war der Antrag überflüssig. Der zunächst "Linksdruck" genannte Verlag gehörte zu den ersten unabhängigen in der DDR. Er ist seitdem stetig gewachsen und heute ein solider Sachbuchverlag mit Schwerpunkt DDR- und Vereinigungsgeschichte.

Es riecht nicht nach Büchern, es riecht nach angebratenen Zwiebeln mit Speck. In der engen Teeküche des Berliner Links Verlags steht Vertriebschef Christoph Mann vor einem Kochbuch und rührt in der Pfanne:

"Man lernt ja nicht aus, lebenslanges Lernen ist ja das große Lebensthema." (lacht)

Wer kein Essen für 10 Personen zubereiten kann, den stellt Verlagsgründer Christoph Links erst gar nicht ein. Das gemeinsame Mittagessen ist Pflicht und ersetzt langweilige Konferenzen:

"Die Mittagsrunde ist uns heilig"."

… auch im 21. Jahr des Links-Verlags. Maximal drei Jahre gaben die westdeutschen Verleger Christoph Links, als er sich im Herbst 1990 zum ersten Mal auf der Frankfurter Buchmesse präsentierte. Ein Wendegewächs, dem kein langes Leben vergönnt ist - so unkten sie. Die Westdeutschen sollten sich irren - von 200 Verlagsgründungen 1989/90 hat etwa ein Dutzend überlebt, der Links-Verlag ist einer von ihnen. "Obwohl wir noch keinen Beststeller herausgebracht haben", sagt der Verlagsgründer:

""Jeder Verleger träumt von einem Bestseller, das ist klar. Aber wir haben in 20 Jahren keinen gehabt in dem Sinne, dass ein Titel allein eine Auflage über 100.000 Stück erreicht hätten. Aber wir leben trotzdem, und wie ich finde, ganz gut."

Der Links-Verlag lebt gut von seinen Standardwerken zur DDR-Geschichte - sie heißen "Chronik der DDR", "Chronik der Wende" oder "Wer war wer in der DDR - ein biografisches Lexikon". Um die Bücher aus dem Links-Verlag kommt niemand herum, der sich mit dem Vereinigungsprozess und der Geschichte des anderen deutschen Staates auseinandersetzt:

"Man muss nicht den aktuellen Schnelldrehern hinterherjagen. Man kann sich mit solide gemachten zeitgeschichtlichen Sachbüchern sehr wohl behaupten."

Ein Drittel seiner Bücher verkauft der Verlag in Berlin, ein Drittel in den neuen Ländern, ein Drittel in den alten. Christoph Links versucht, den Stempel Ost-Verlag loszuwerden, sich aus dem allzu engen DDR-Korsett zu befreien - mit historischen Reiseführern und aufwendigen Bild-Text-Bänden zur Topographie deutscher Geschichte. Denn:

"Die DDR hat eine Historisierung durchlaufen und für die heutigen Oberschüler liegt sie so weit zurück wie die NS-Zeit oder der 30-Jährige Krieg, da muss man ganz realistisch sein."

Der Verleger Christoph Links (Ch. Links Verlag)Der Verleger Christoph Links (Ch. Links Verlag)Christoph Links teilt die Probleme aller Kleinverlage: Die Zahl der unabhängigen Buchhandlungen sinkt, die sich ausbreitenden Buchhandelsketten setzen auf Bestseller, die schnell verkauft und wenig später verramscht werden - sie haben wenig übrig für Spezialtitel in kleinen Auflagen. "Wir müssen eben Titel machen, um die die Buchhandelsketten nicht herum kommen", sagt Pressechefin Edda Fensch:

"Wir hatten ja im Frühjahr gerade das Buch von Kai Schlüter, der das Buch 'Günter Grass im Visier' gemacht hat, also die Stasiakten über Günter Grass aufgearbeitet hat. das war ein Titel, da kam man nicht dran vorbei, den musste man haben."

Die Zahl der Mitarbeiter im Links-Verlag ist mittlerweile auf 10 angewachsen, der Umsatz liegt bei etwa 1,5 Millionen Euro jährlich. Vor kurzem hat Christoph Links auch einen Mitarbeiter für digitale Projekte eingestellt - auch der kann selbstverständlich kochen.


"Zeit, die insgesamt ein bisschen Mut gemacht hat"

"Grupello Verlag, Kehrein, guten Tag!"

Seine vier Mitarbeiter haben gerade Mittagspause, und so geht Bruno Kehrein, Inhaber des Grupello Verlags, selbst ans Telefon. In wenigen Wochen feiert das kleine Unternehmen sein 20-jähriges Bestehen. Das Jahr 1990 hat Kehrein in guter Erinnerung. Seine Freude über die Wiedervereinigung half ihm beim Schritt in die Selbständigkeit:

"Die Gründung eines Verlages, die ist schwierig. Weil man einfach 'ne gute, tragfähige Idee braucht. Und vielleicht war das 'ne Zeit, die insgesamt ein bisschen Mut gemacht hat."

Zuvor hatte Kehrein in Berlin gearbeitet, unter anderem beim Wagenbach Verlag. Mitte der 80er zieht es den gebürtigen Rheinländer nach Düsseldorf. Die Stadt der Bildenden Künste ist auch für einen Verleger interessant:

"Wir fingen an mit Büchern, die einen Bezug zu Düsseldorf haben und haben dann aber sehr schnell auch Belletristik, ich hab' insgesamt über 100 Gedichtbände gedruckt, teils auch mit Originalgrafik. Und dieser Schwerpunkt ergibt sich natürlich auch ein bisschen daraus, dass die Bildende Kunst hier 'ne wesentlich größere Rolle spielt als die Literatur."

Den neuen Markt mit 17 Millionen potentiellen Lesern in Ostdeutschland sieht Kehrein von Beginn an als Chance. Schon vor 1989 kannte er die Branche jenseits der Grenze gut, vor allem einen Verlag in der heutigen Partnerstadt von Düsseldorf:

"Es gibt eine Buchhandlung in Chemnitz, Max Müller, die gab's schon zu DDR-Zeiten. Und dieser Max Müller, den ich noch aus Vorwendezeiten kannte, der kam dann hier zu einer Messe, die jährlich stattfindet, Bücherbummel auf der Königsallee. Und dann wurde er eingeladen und kam tatsächlich auch - ich weiß nicht genau, war Anfang der 90er – mit einem eigenen Stand."

Heute sind Kehreins Beziehungen zu ostdeutschen Buchverlagen enger denn je - allein schon wegen der kleinen Quiz-Spiele, die der Grupello Verlag im Programm hat, natürlich auch über Städte im Osten. Dennoch, sagt der 58-Jährige, sei das Zusammenwachsen von Ost- und Westverlagen nicht immer reibungslos verlaufen:

"Es gab ja enorme Turbulenzen auch. Dass dann plötzlich zum Beispiel Christa Wolf nicht mehr bei Luchterhand sein wollte. Dann war die Frage, ja wer ist denn jetzt der Hauptverlag? Luchterhand war das im Westen und Aufbau im Osten, und wer ist denn jetzt mein Verlag? Also, es gab enorme Verwerfungen."

Das erfährt der Verleger auch am eigenen Leib. Im Jahre 2001 versucht sich der Grupello Verlag an einem kleinen Satirebüchlein, in dem es darum geht, die deutsche Einheit rückgängig zu machen:

"Ganz Deutschland ein einziger Begeisterungsschrei! Alle rennen mit Zementsäcken auf dem Rücken zum Ort, wo früher die Mauer war, und fangen an, die Mauer wieder hochzuziehen. Es ist also sozusagen 'ne Satire, die aber diesen Aufbruchswahnsinn nun einfach spiegelt."

Obwohl das Buch floppte, kann Bruno Kehrein noch immer über diese Satire lachen, aber noch lieber erinnert er sich bis heute an das Jahr 1990 zurück:

"Ich scheue mich jetzt ein bisschen zu sagen, der glücklichste Moment meines Lebens. Das hätte ja keiner schreiben können im Drehbuch, das hätte ja keiner geglaubt."


Homepage des Ch. Links Verlags
Homepage des Grupello Verlags

Überblick "Ansichtssache Deutsche Einheit"

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:37 Uhr

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