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Verlierer der Globalisierung

Tagelöhner in Deutschland

Von Philip Banse

Bei der Arbeitsagentur gibt es auch Jobs, die nur einen Tag dauern.  (AP)
Bei der Arbeitsagentur gibt es auch Jobs, die nur einen Tag dauern. (AP)

Tagelöhner gilt als Beruf des Mittelalters: ungelernte Arbeiter, die ihre Muskelkraft zu Markte tragen und von der Hand in den Mund leben. Doch Tagelöhner gibt es auch heute noch. Wer keine Ausbildung hat oder zu alt ist und nicht mithalten kann mit den Anforderungen einer globalisierten Wissensgesellschaft, der findet kaum mehr eine feste Anstellung.

"Ich stehe gewöhnlich um halb drei auf, mache mich zurecht, mache mein Frühstück, mache meine Mitnehmbrote und den Kaffe zum Mitnehmen, zum Unterwegstrinken. Und dann gehe ich hier her, entweder zu Fuß oder mit dem Fahrrad und ich war heute morgen um kurz nach vier Uhr da."

Klaus Brettschneider will seinen Namen nicht im Radio hören. Er hat einen langen Abstieg hinter sich. Auf seiner Visitenkarte steht Diplom-Ingenieur Maschinenbau. Aber wo und als was genau er gearbeitet hat, will Klaus Brettschneider nicht sagen. Jetzt ist er jedenfalls 58 und Tagelöhner.

"Ja, das trifft es. Es sind Tagelöhner-Tätigkeiten, das heißt das Arbeitsverhältnis endet am selben Tage ohne eine zusätzliche Kündigung."

Bauhelfer, Abrissarbeiten, Umzüge - auf diese Jobs wartet Klaus Brettschneider jeden Tag ab vier Uhr in dem neonbeleuchteten Warteraum der Jobvermittlung, Arbeitsagentur Neukölln. Er ist einsatzbereit, trägt Arbeitsschuhe, aus der Tasche seines Blaumanns ragen Handschuhe, neben ihm die Thermoskanne und eine zerrissene Öljacke gegen den Regen. Die Jalousien sind immer unten, damit von außen niemand sehen kann, wer hier auf einen Tagesjob wartet. 13 Tagelöhner sitzen heute Morgen in löchriger Arbeitskluft auf Metallstühlen, lösen Kreuzworträtsel, einige schlafen. Wenn hinter der Luke an der Stirneseite des Raumes das Telefon klingelt, wird es still im Warteraum. Eine Baufirma könnte bei Arbeitsvermittler Schröder nach einem Tagelöhner fragen.

"In der Regel sind das irgendwelche gescheiterten Existenzen, sprich sozialer Abstieg, Alkohol, Scheidung, lange Arbeitslosigkeit etc. Überwiegend sind es Hartz-IV-Empfänger, aber es gibt auch einige die schon Rente beziehen und nebenbei Arbeiten gehen oder auch gar keine Sozialleistungen bekommen und nur über die Jobvermittlung leben."

Arbeitsvermittler Schröder sitzt im Nebenraum und hält das Schicksal seiner Tagelöhner in der Hand. Jeder hat eine kleine Namenskarte, die mischt Schröder jeden Morgen wie ein Skatspiel: Wer oben liegt, bekommt den ersten Job. Klaus Brettschneider liegt heute ganz unten im Stapel, Letzter, er hat kaum eine Chance auf Arbeit, weil es einfach zu wenig Arbeit gibt.

"Die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht gehen noch welche, die vor mir sind und es ruf noch jemand an mit einem Job, die Chancen sind schlecht, aber deswegen warte ich hier."

Alle Jobs, die Schröder vermittelt, sind sozialversicherungspflichtig, dauern aber in der Regel nur einen Tag,

"In erster Linie Bauhelfer, fast zu 90 Prozent. Dann gibt es auch noch Stadionreinigung nach den Heimspielen von Hertha, ansonsten gibt es noch Umzugshelfer, Möbelträger, Lagerarbeiter, Transportarbeiter."

Tagelöhner gibt es in vielen deutschen Großstädten, gezählt hat sie die Arbeitsagentur nie. Tagelöhner sind Verlierer der Globalisierung. Vor 15 Jahren wurden gering qualifizierte Menschen in Deutschland auch für einfache Arbeiten noch fest angestellt, als Bauhelfer etwa oder am Fließband. Doch einfache Arbeit wandert ab aus Deutschland: AEG und Nokia sind nur die jüngsten Beispiele. In den letzten 18 Jahren hat sich die Zahl der Industriearbeitsplätze hierzulande fast halbiert. Neue Jobs im Dienstleistungsbereich machen den Verlust mehr als wett, aber insgesamt gilt: Einfach Arbeiten sterben aus, die Anforderungen an Arbeitnehmer wachsen täglich: Technik, Sprachen, Wissen, Teamwork. Tagelöhner können nur ihre Muskelkraft zu Markte tragen, und die ist immer weniger gefragt, beobachtet auch Klaus Brettschneider:

"Sie haben das ja gesehen: 13 Arbeitssuchende und zwei oder drei Stellen. Ich habe es auch in früheren Jahren anders erlebt. Da waren 50 Arbeitssuchende da und 100 Stellen. Das war zu den Zeiten als die großen Baufirmen noch selber Leute beschäftigt haben. Das ist jetzt nicht mehr so. Die Zeiten sind vorbei. "

Schutt wegräumen, Wände einreißen - einfache Jobs machen oft ausländische und Schwarzarbeiter, die keine 7,50 Euro pro Stunde bekommen, wie die Tagelöhner im Jobcenter Neukölln. Wenn Klaus Brettschneider jeden Tag Arbeit bekäme, hätte er rund 1000 Euro netto. Davon ließe sich leben. Aber Klaus Brettschneider hat Mühe seine Miete zu zahlen.

"Früher bin ick damit ganz gut über die Runden gekommen. Jetzt wo flaute ist, komme ick sehr schlecht über die Runden."

Sein Schrebergarten liefert Obst, Gemüse und den Jahresvorrat an Marmelade. Klaus Brettschneider ist zudem nur krankenversichert, wenn er arbeitet. Endet am Abend er Job, endet auch die Krankenversicherung.

Ich beanspruche meinen Körper nicht übermäßig, ich lebe einigermaßen gesund. Ich bin dass letzte Mal vor 13 Jahren bei einem Arzt gewesen. Aber ich denke mal, dass ich das natürlich Durchschnittsalter mit meinen 58 Jahren schon erreicht habe, und alles, was darüber geht, kann ich glücklich sein, wenn ich es ohne Wehwehchen überstehe. Aber die normale Lebenserwartung habe ich schon erreicht.

In Russland wäre das richtig. Hierzulande sterben Männer mit 76. Klaus Brettschneider könnte es sich leichter machen und Hartz IV beantragen. Er wäre krankenversichert, die Miete zahlt der Staat, ein Minimaleinkommen auch und als Taglöhner könnte er sich noch rund 100 Euro dazu verdienen. Doch Hartz IV will Klaus Brettschneider nicht beantragen.

"Das ist eine Frage der persönlichen Lebenseinstellung, ich lebe nicht gern auf anderer Leut´ Kosten. Ick will also morgens noch in den Spiegel gucken können, um das mal so banal auszudrücken. Vielleicht muss ich diesen letzten Rest von Stolz irgendwann mal aufgeben. Aber so lange es geht, behalte ich ihn noch."

Neun Uhr. Nach fünf Stunden Warten geht Klaus Brettschneider zur Luke, die Hoffnung auf einen Job hat er für heute aufgegeben.

"Herr Schröder, heute wird wohl nüscht mehr. Hamse watt für morgen?" "Für morgen nicht, aber wenn sie wollen kann ich Ihnen den Schein geben fürs Olympiastadion." "Ne, ick habe am Wochenende meinen Sohn zu Besuch, da geht das nicht." "Ne, ansonsten habe ick nüscht, tut mir leid."

Klaus Brettschneider zieht seine zerrissene Öljacke an und geht.

"Ein Tag wie jeder andere: Man kommt mit Hoffnung her und geht ohne Arbeit raus. Jetzt gehe ich nach Hause und hole den Schlaf nach. Und dann wartet zu Hause noch ein Berg Abwasch auf mich."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:29 Uhr

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