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Versöhnungskonzert an der Wolga

Erster Auftritt eines deutschen Orchesters nach dem Zweiten Weltkrieg in Wolgograd

Von Gesine Dornblüth

Als Zeichen der Versöhnung ist das Osnabrücker Symphonieorchester bei den Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag der Schlacht von Stalingrad im heutigen Wolgograd aufgetreten. (dpa/Wolfgang Jung)
Als Zeichen der Versöhnung ist das Osnabrücker Symphonieorchester bei den Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag der Schlacht von Stalingrad im heutigen Wolgograd aufgetreten. (dpa/Wolfgang Jung)

Die Osnabrücker Symphoniker waren mit einem Geschenk nach Wolgograd gereist, einer eigens für das Versöhnungskonzert in Auftrag gegebenen Komposition zum Gedenken der Schlacht von Stalingrad.

Das Stück "Erwartung" der in England lebenden Russin Jelena Firsowa wurde in Wolgograd uraufgeführt: über lange Strecken Soli mit Pauke und Schlagwerk – eine Nachbildung der Schlachtszenen. Olga Kliot, Musiklehrerin in Wolgograd, saß im Publikum.

"Ich bin kein großer Fan zeitgenössischer Musik, ich mag lieber Barock, Bach, Händel, Vivaldi. Aber dass dieses Stück extra für den Jahrestag des Sieges in Stalingrad geschrieben wurde, ruft natürlich Emotionen hervor."

Es war das erste Mal nach dem Zweiten Weltkrieg, dass ein deutsches Orchester im ehemaligen Stalingrad auftrat. Im Publikum saßen auch viele Veteranen, die das Kriegsgrauen noch mit erlebt haben. Margarita Kuksa war 1943 zehn Jahre alt. Ihre Kinder hatten sie zu dem Konzertbesuch überredet.

"Die jungen Leute sind offener. Wir Alten, die wir das alles noch erlebt haben, spüren natürlich eine gewisse Bitterkeit. Das Konzert war schön, aber wenn man das Gehirn wieder einschaltet, wird einem doch klar, was damals alles geschehen ist und wer daran schuld ist."


Die Chorsängerin Angelina Tregubova fand es wunderbar, mit den Deutschen zu musizieren.

"Die meisten Bewohner von Wolgograd finden es gut, dass ein deutsches Orchester hier spielt, denn die Deutschen sind ja damals nicht freiwillig hergekommen, es wurde ihnen befohlen. Meine Urgroßmutter hat damals mit ihren Kindern, meinem Opa und seiner Schwester, in einem Dorf gelebt. Und die Deutschen haben sogar während des Krieges mit seiner Schwester zusammengesessen. Das waren freundliche Menschen. Im Nachbardorf hat die Bevölkerung allerdings sehr unter den Deutschen gelitten."

Für das Konzert gab es minutenlangen Applaus. Der Direktor der Wolgograder Philharmonie, Viktor Kijaschko:

"Das war ein Ereignis in unserer Region, nicht nur kulturell, sondern auch politisch. Danke allen, die mitgemacht haben, besonders unseren Freunden aus Deutschland."

Das Versöhnungskonzert war nur eine Randveranstaltung der allgemeinen Feierlichkeiten anlässlich des 70. Jahrestages des Endes der Schlacht von Stalingrad. Am Tag zuvor hatten die offiziellen Gedenkfeiern stattgefunden, darunter eine Militärparade, eine martialische 3-D-Show und ein Festkonzert, bei dem Kriegsszenen nachgespielt wurden. Russlands Präsident Vladimir Putin hatte die Feier für patriotische Töne genutzt und den Sieg über die Wehrmacht in Stalingrad als Symbol der Einheit des Volkes gepriesen. Russland sei unbesiegbar, solange sich die Russen ihrer Sprache, ihrer Kultur und ihrem nationalen Gedächtnis hingäben.

Die Veranstalter des deutsch-russischen Versöhnungskonzerts hatten den Präsidenten gleichfalls eingeladen, Putin war aber schon wieder abgereist. Christian Heinecke, Geiger und Vorstandsmitglied des Osnabrücker Symphonieorchesters, bedauerte das nicht nur.

"Zum einen hätte ich es schön gefunden, ja, wenn nicht nur russische, sondern deutsche Politiker sich 70 Jahre nach Stalingrad hier die Hände reichen können. Denn diese Geste hat es bisher nicht gegeben, es wäre ein guter Anlass gegeben, das jetzt vielleicht hier zusammen zu machen.
Ich bin aber auch ganz froh, dass die große hohe Politik sich hier nicht zeigt, weil immer die Gefahr besteht, dass dann so eine wunderbare Veranstaltung, die wir hier machen, nämlich ein Gedenkkonzert zu spielen, instrumentalisiert wird von der Politik, und es so aussieht: Die Politik trifft sich, und die Musiker kommen dazu."

Immerhin war der deutsche Botschafter da. Ulrich Brandenburg versicherte dem Konzertpublikum in einem Grußwort, die Erinnerung an Stalingrad sei in Deutschland genauso präsent wie in Russland. Und eben dieses lebendige Gedächtnis sei die Grundlage für das gute Verhältnis zwischen Deutschen und Russen, das in den letzten Jahrzehnten entstanden sei.

Das deutsch-russische Versöhnungskonzert war dabei ein weiterer Baustein. Ein Gegenbesuch der Wolgograder Symphoniker in Osnabrück ist für den Sommer geplant.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:05 Uhr

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