Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Viel Arbeit zur Langen Nacht

Wie sich der "Kunstraum Gerichtshöfe" in Berlin-Wedding der Öffentlichkeit präsentiert

Von Wolf-Sören Treusch

Die Gerichtshöfe in Berlin-Wedding (Kunst in den Gerichtshöfen e. V.)
Die Gerichtshöfe in Berlin-Wedding (Kunst in den Gerichtshöfen e. V.)

Die Lange Nacht der Museen hat Tradition. Seit 1997 haben Berliner Museen, Galerien und andere Kunsteinrichtungen zweimal im Jahr "langen Samstag". Bis zwei Uhr Nachts können Kunstfans dann auf Entdeckungsreise gehen - und dabei auch ungewöhnliche Locations kennenlernen.

"Nehme ich hier die Warmluftpistole, ich schweiße hier die Naht zusammen..."

Zwei Stühle, eine Sackkarre, arrangiert in Form einer Pyramide und eingehüllt in widerstandsfähige Klarsichtfolie – fertig ist die Skulptur ohne Namen.

"Wenn ich die Folie, die ich hier rum gelegt habe, gleich mit dem Gasbrenner einschweiße, dann ergeben sich glatte, schöne Formen, die man nicht berechnen kann. Das wird eine richtig schöne ästhetische Skulptur, obwohl es nur Verpackungsmaterial ist."

Installationen dieser Art haben Reinhard Haverkamp über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt gemacht. Er ist einer von mehr als 70 Künstlern, die sich in den Gerichtshöfen im Berliner Bezirk Wedding angesiedelt und die alten Industriebauten zu einem der größten Kunstquartiere Deutschlands gemacht haben. Seit den 80er Jahren leben und arbeiten hier Künstler, Haferkamp und andere mieteten vor fünf Jahren eine Etage. Dann war erst einmal Pionierarbeit angesagt.

"Ja, durchaus."

Mit dabei auch die Malerin Andrea Wallgren.

"Das waren 450 Quadratmeter offene Fläche, und auf den Boden war mit Kreide gezeichnet: hier könnte ein Atelier sein, und da könnte auch noch Raum sein. Und da fing das erstmal an, wer kriegt welchen Raum, wie groß, wie klein, aber das hat sich dann alles geregelt, wir haben über ein Jahr entworfen, gebaut, überlegt, was wir rein tun und uns auch untereinander erstmal kennen gelernt, wir kannten uns ja alle gar nicht."

Die Fabrikgebäude sind hundert Jahre alt. Wegen der großen Fenster und der glasierten Ziegel stehen sie unter Denkmalschutz. Ihren Namen haben die sechs Gewerbehöfe von der nahe gelegenen Gerichtstraße. 4,60 Euro warm zahlen die Mieter für den Quadratmeter – nicht nur das macht das Quartier für frei schaffende Künstler wie den Maler Jürgen Reichert so attraktiv.

"Wir sind hier auch nicht im Fokus, es ist sehr ruhig, es ist nicht hip, hier hinzukommen, die Nachbarschaft ist manchmal auch nicht einfach, aber Prenzlauer Berg wäre mir sehr unangenehm, weil da so viel Ablenkung ist, so viel Betrieb, Parkprobleme, Einkaufsprobleme, und es wäre mir auch zu schick einfach."

Die Kriterien, um in eine Ateliergemeinschaft aufgenommen zu werden, sind mitunter recht willkürlich, erzählt die Malerin Ulrike Hansen.

"Ja, ich war ziemlich pünktlich, ich hatte einen Katalog dabei, und ich hatte eine bunte Haarspange, und ich war nett. Das fanden sie irgendwie, war wohl ausschlaggebend [lacht]. Später haben wir uns dann nicht mehr so gut verstanden [lacht noch einmal]."

Alles zusammen entscheiden, eventuell gemeinsame Visionen entwickeln: Fehlanzeige. Daran sind die Kunstschaffenden in den Gerichtshöfen nicht interessiert.

"Nein, wir haben keinen Anspruch, das ist einfach rein pragmatisch, dass man einen Raum sucht, einen Raum braucht und den findet und sich organisiert.""Es ist ein Zusammenschluss von Einzelleuten, die mehr örtlich gebunden sind. Zu manchen hat man Kontakt, zu den meisten eigentlich weniger."

Zwei Mal im Jahr allerdings tut sich wenigstens die Hälfte der Künstler zusammen. Einmal im Winter, wenn sie kleinformatige Kunst in durchsichtigen Tüten zum Preis von maximal hundert Euro auf eine Wäscheleine hängen. "MoKuzuMimi" heißt die Verkaufsvernissage: Moderne Kunst zum Mitnehmen. Und einmal im Sommer, wenn sich die Künstler an der Langen Nacht der Museen beteiligen. Morgen ist es wieder soweit, berichtet Mitorganisatorin Ulrike Hansen.

"Das Hauptanliegen für uns ist eigentlich, dass die normalen Leute, die jetzt einfach hier rumlaufen können, in die Ateliers hineinschauen können, einfach die Scheu verlieren, sich mit den Künstlern, die hier arbeiten, direkt zu unterhalten, ihnen direkt über die Schulter zu gucken und zu sehen: das ist ja gar nicht so hoch und heilig, was da passiert, hat auch ein bisschen was Volkstümliches, was ich immer ganz schön finde, dass es so unmittelbar ist."

Nicht nur wegen des heißen Berliner Spätsommers kommt Künstlerkollegin Andrea Wallgren deshalb ins Schwitzen.

"Das Atelier aufräumen, begehbar machen, das ist für mich immer ein großes Thema, ich bin eine kleine Chaotin, und ich arbeite mit Holz und mit Sägen und Hämmern, hier ist es dreckig, hier kommen Sie streckenweise gar nicht durch, ja, ja, es ist schon viel Arbeit."


Mehr Infos im Netz:

Lange Nacht der Museen in Berlin



Mehr bei deutschlandradio.de
 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:57 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Deutschlandfunk Radionacht

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 05:05 Uhr Aus den Archiven

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

FlüchtlingskriseBrauchen wir mehr Europa?

Flüchtlinge am Budapester Ostbahnhof Keleti (02.09.2015). (dpa / picture-alliance / Kyodo)

Hunderttausende Flüchtlinge strömen in die EU, vor allem in Länder wie Deutschland und Schweden. Alle Versuche, über eine Quotenregelung eine faire Verteilung der hilfesuchenden Menschen auf die EU-Länder zu finden, sind bislang gescheitert.

Pestizid GlyphosatEin verwirrender Kampf um die Wahrheit

Ein Landwirt fährt mit einer Dünger- und Pestizidspritze über ein Feld mit jungem Getreide nahe Neuranft im Oderbruch (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Mit Pflanzenschutzmitteln sparen Bauern viel Zeit und steigern die Erträge der Felder. Der weltweit bedeutendste Inhaltsstoff ist Glyphosat: 725.000 Tonnen wurden allein 2012 davon versprüht. Aber es gibt Zweifel an der Unbedenklichkeit des Pestizids.

100 Jahre Franz Josef StraußDie bayerischen "FJS-Festspiele"

Franz Josef Strauß auf dem Münchner Oktoberfest 1979 (picture alliance / dpa / Foto: Istvan Bajzat )

Vielen gilt der Ex-CSU-Chef Franz Josef Strauß als Staatsmann und Ikone. Selbst sein früherer politischer Gegner Helmut Schmidt findet heute lobende Worte für ihn. Die bayerische Opposition macht dabei nicht mit und boykottiert die "FJS-Festspiele" zu seinem 100. Geburtstag.

HamburgFlüchtlinge an der Uni

Studenten verfolgen eine Vorlesung. ( picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Sie sind jung, qualifiziert und lernbereit: Viele junge Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, möchten studieren oder ihr im Ausland begonnenes Studium hierzulande beenden. Rund 400 solcher Studierenden erwartet die Uni Hamburg in diesem Jahr.

Gifte in BabykostDie Rache der Natur

(picture alliance / dpa / Fernando Salazar )

Die EU ruft ihre Mitgliedstaaten auf, ihre Lebensmittel auf Tropan-Alkaloide zu untersuchen. Es handelt sich dabei um starke Arzneistoffe, die bereits in bedenklichen Konzentrationen in Babykost angetroffen wurden. Udo Pollmer erklärt die Hintergründe.

Medizin Genforscher tüfteln an Herzinfarkt-Impfung

Computergrafik eines Herzinfarkts (imago/Science Photo Library)

Als "Crispr-Cas" bezeichnen Mediziner und Biologen eine Art Werkzeugkasten zur Manipulation von Genen. Letztere lassen sich damit gezielt zerschneiden und sogar reparieren. So könnte auch eigentlich Unmögliches möglich werden - zum Beispiel eine Impfung gegen den Herzinfarkt.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Ungarn  Flüchtlinge erreichen österreichische Grenze | mehr

Kulturnachrichten

17 Meter hohe Skultpur vor EZB aufgestellt | mehr

Wissensnachrichten

Zukunftsprojekt  A9 bei München wird für selbstfahrende Autos ausgebaut | mehr