Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Vier Euro pro Tonne CO2 – Verschmutzungsrechte bleiben billig

EU-Parlament lehnt Verknappung der CO2-Zertifikate ab

Verschmutzungsrechte bleiben für die Industrie günstig (picture alliance / dpa - How Hwee Young)
Verschmutzungsrechte bleiben für die Industrie günstig (picture alliance / dpa - How Hwee Young)

Die Logik klang überzeugend: Industrien, die Umwelt verschmutzen, sollten dafür auch zahlen. Doch der Mechanismus Emissionshandel funktioniert nicht: Verschmutzungsrechte sind viel zu billig. Eine Reform, die die Preise nach oben treiben sollte, ist im EU-Parlament gescheitert.

Kohlestrom billig wie lange nicht

Vier Euro kostet es die Industrie heute, eine Tonne Kohlendioxid in die Luft zu pusten. Viel zu billig, um wirklich den CO2-Ausstoß durch modernere Anlagen und Einsparungen zu begrenzen. So ist, dank der billigen Verschmutzungsrechte, Kohlestrom inzwischen wieder sehr günstig am Markt zu haben. Daher hatte die EU-Kommission vorgeschlagen, der Industrie europaweit weniger Verschmutzungsrechte zur Verfügung zu stellen.

EU-Umweltkommissarin Connie Heedegard kritisierte die niedrigen Preise, ursprünglich habe man in Brüssel mit einem Preis um die 30 Euro gerechnet, die der Ausstoß einer Tonne Kohlendioxid die Industrie kosten sollte. Durch die Wirtschaftskrise und einen Überfluss an Emissionszertifikaten waren die Preise zuletzt drastisch gefallen.

Ein unzulässiger Eingriff in den Markt

Sagt Nein zum EU-Haushaltsrahmen: Das EU-Parlament in Straßburg (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)Sagt Nein zu teurerer Verschmutzung: EU Parlament in Straßburg (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)Die Vorlage der EU-Kommission fiel aber bei der Abstimmung in Straßburg durch. Die Parlamentarier sprachen sich dagegen aus, 900 Millionen Zertifikate temporär vom Markt zu nehmen, um die Preise hochzutreiben. Nun wird die Problematik wieder in Ausschüssen verhandelt.

Die Europa-Abgeordneten folgen damit den Interessen der kohlendioxidintensiven Industrien. So hatten sich der Bundesverband der Deutschen Industrie und der Chemiekonzern BASF im Vorfeld deutlich gegen die Verknappung ausgesprochen. Der Emissionshandel sei marktwirtschaftlich organisiert. Niedrige Preise dürften nicht durch die Politik beeinflusst werden, da sonst die Unternehmen keine Verlässlichkeit mehr hätten.

Scharfe Kritik von Umweltverbänden – Bundesregierung weiter uneins

Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) bezeichnete die Ablehnung der Verknappung als "Enttäuschung". Über den Kurznachrichtendienst Twitter teilte er mit: "Das Votum zum Emissionshandel ist ein ernster Rückschlag für den Klimaschutz". Allerdings war auch die Bundesregierung im Vorfeld uneins über die Verknappung des Handels. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) hatte diese abgelehnt, und begrüßte dementsprechend die Straßburger Entscheidung.

Ein "Votum der Unvernunft" nannte hingegen, als einer von vielen Verbänden, das Hilfswerk "Brot für die Welt" das Abstimmungsergebnis. Die evangelische Entwicklungshilfeorganisation hatte am Wochenende gemeinsam mit dem katholischen Hilfswerk Miseror überregional Zeitungsanzeigen geschaltet, um die EU-Parlamentarier zum Abstimmen für die Reform zu gewinnen.

Von einer "schallenden Ohrfeige für den europäischen Klimaschutz" sprachen die Naturschutzorganisationen WWF und Greenpeace. Mit der Abstimmung sei Europas Glaubwürdigkeit in Klimafragen beschädigt. Auch der Fraktionschef der Grünen im Bundestag Jürgen Trittin hatte schon am Morgen im Interview mit Deutschlandradio Kultur von einem "eklatanten Versagen" der Bundesregierung gesprochen. Sie hätte sich, so Trittin, in Brüssel und Straßburg entschieden für eine Verknappung der Verschmutzungsrechte einsetzen müssen.

Mehr zum Thema auf dradio.de:

"Billige Zertifikate sind ein gutes Zeichen" - Energie-Experte der CDU gegen Verknappung von CO2-Zertifikaten

Klimaschützerin fordert Verknappung von CO2-Zertifikaten - Carbon Market Watch mahnt Reform des Emissionshandels an

Bütikofer: Lobbyisten verhindern wirksamen Emissionshandel - EU sei beim Flugverkehr eingeknickt

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:09 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 10:10 Uhr Kontrovers

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 10:05 Uhr Lesart

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

CDU-Generalsekretär zu Sondierungs-Abbruch"Es gab keinen Grund, den Raum zu verlassen"

CDU-Generalsekretär Peter Tauber (picture alliance/ dpa/ Kay Nietfeld)

Nach Ansicht von CDU-Generalsekretär Peter Tauber waren die anderen Parteien der FDP in den Sondierungsgesprächen weit entgegengekommen, etwa bei der Vorratsdatenspeicherung oder beim Abschmelzen des Solis. "Das hat offensichtlich nicht gereicht, damit die FDP sich traut und Verantwortung übernimmt", sagte Tauber im Dlf.

Trittin (Grüne) kritisiert FDP"Man fühlt sich ein Stück weit veräppelt"

Konstituierende Sitzung des Deutschen Bundestags, Reichstagsgebäude am 24.10.2017. (imago stock&people)

In der Analyse über die gescheiterten Jamaika-Verhandlungen geht Grünen-Politiker Jürgen Trittin mit den Kollegen von der FDP hart ins Gericht. Wenn man in dem Moment, wo ein Angebot auf dem Tisch liege, eine vorbereitete Pressemitteilung aus der Tasche ziehe und gehe, "dann fühlt man sich ein Stück weit veräppelt", sagte Trittin im Dlf.

Volker Wissing zum Jamaika-Aus"Merkel hat keinen Konflikt zur Lösung gebracht"

Der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister Volker Wissing (FDP) im Mai 2017 auf einer Pressekonferenz in Mainz. (picture alliance / Arne Dedert/dpa)

Für das Jamaika-Aus macht FDP-Politiker Volker Wissing vor allem den Schlingerkurs von Bundeskanzlerin Angela Merkel verantwortlich. "Wir fragten die ganze Zeit die Kanzlerin, wie soll das enden, wann werden die großen Konflikte eigentlich geklärt, und ganz offensichtlich fehlte dort jedes Konzept", sagte Wissing im Dlf.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Jamaika-Gespräche  Diskussion über Neuwahlen | mehr

Kulturnachrichten

Hindu-Nationalisten wüten gegen Literaturverfilmung  | mehr

 

| mehr