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Vom Hoffnungsträger zur großen Enttäuschung

Der Amazon-Standort in Koblenz

Von Ludger Fittkau

Packerin bei Amazon - der Internet-Versandhändler steht derzeit in der Kritik.  (picture alliance / dpa)
Packerin bei Amazon - der Internet-Versandhändler steht derzeit in der Kritik. (picture alliance / dpa)

Auf das neue Lager des US-Versandhändlers Amazon vor den Toren von Koblenz ist man in der Stadt nicht gut zu sprechen. Berichte über fehlende Tarifverträge, kurzfristige Arbeitsverträge und vor allem die schlechte Bezahlung von Leiharbeitern sorgen für Empörung.

"Anfangs hat man ja gedacht, dass das ein großer Arbeitgeber wird, aber die haben ja wohl nach zwei Monaten 20 Prozent der Belegschaft rausgeschmissen und nur Kurzzeitverträge sind da gelaufen und von daher."

"Vier Wochen eingestellt grad mal so, dann nach Weihnachten wieder entlassen."

"Bei Arbeitsamt angerufen, wir brauchen –zigtausend und ruck- zuck, waren die alle wieder weg vom Fenster."

"Die Euphorie war groß und das Erwachen war bös."

Mit wem man in diesen Tagen auch redet auf den Straßen der Koblenzer Innenstadt: Auf das neue Amazon-Lager auf einer Wiese einige Kilometer außerhalb der Stadt ist hier keiner gut zu sprechen. Zu viel hörten die Leute hier schon vor der heiß diskutierten ARD-Reportage vor einer Woche über miserable, vor allem zu kurzfristige Arbeitsverträge, die der US-Internethändler seinen Mitarbeitern in Koblenz anbietet. Es reiche auch nicht, wenn Amazon jetzt die Zusammenarbeit mit einer Security-Firma kündige, die Wanderarbeiter schlecht behandelt habe. Eine Koblenzerin, die ihren Namen nicht nennen will, hört auch aus der Kernbelegschaft von Amazon Dinge, die sie beunruhigen: Sie hört von schlechter Bezahlung, einem fehlenden Tarifvertrag und Arbeitsverträgen nur für ein paar Wochen:

"Wenn das alles stimmt, was die sagen, dann muss sich da dringend bei Amazon was ändern und dann reicht es nicht, das auf die Zweitfirmen auszulagern."

Wir hätten gerne mit einem Koblenzer Manager von Amazon über diese Vorwürfe gesprochen. Auch darüber, ob Wanderarbeiter wirklich mit Bussen in abgelegene, leer stehende Feriendörfer in der Eifel gekarrt worden sind – Kilometer weit entfernt von jedem Lebensmittelladen und jeder Kneipe. Doch trotz mehrerer Mails und mündlicher Anfragen auf Anrufbeantwortern fand sich kein Manager des Internet-Multis, der etwas zum Standort Koblenz sagen wollte.

Trotz Einschüchterungsversuchen, denen er an seinem Arbeitsplatz ausgesetzt ist, spricht aber Norbert Faltin mit der Presse. Er arbeitet im Koblenzer Amazon-Handelszentrum und ist Vertrauensmann der Gewerkschaft ver.di. Nicht die rund 8000 Festangestellten bei Amazon in Deutschland leiden unter schlechten Arbeitsbedingungen, so Faltin. Sondern vor allem die ebenso zahlreichen Leiharbeiter, die das Unternehmen einsetzt:

"Ich finde es ausgesprochen gut, dass Amazon Leiharbeiter aus anderen Ländern in Europa, denen es mal nicht so gut geht, anwirbt. Ich denke da speziell an Spanien und Griechenland. Das befürworte ich ausdrücklich. Aber gleichzeitig sage ich: Solidarität ist angesagt, gleiche Arbeit, gleicher Lohn. Es kann nicht sein, dass diese Leiharbeiter nach Deutschland kommen, dann keinen Vertrag bei Amazon bekommen sondern bei einer Leiharbeitsfirma. Und dann auch noch zwei Euro weniger verdienen und dann auch irgendwo untergebracht werden, das sei mal dahin gestellt, was nicht deutschen Standards entspricht. Dafür muss ich mich als Deuter, als Gewerkschaftler schämen und das möchte ich nicht."

Norbert Faltin ärgert es, dass es bisher keinen Betriebsrat bei Amazon Deutschland gibt, der Diskriminierungen von ausländischen Leiharbeitern bei den Löhnen oder Unterkünften unterbinden könnte oder für einen Tarifvertrag streitet. Warum der Versandhändler nicht gerade scharf auf Betriebsräte ist, erklärt Norbert Faltin so:

"Also, wir leben ja mit einer amerikanischen Company. Das ist also diese Aktienwirtschaft und wir duzen uns alle. Obwohl das nicht unbedingt schlecht sein muss. Aber in Amerika hat man mit unserem System der Betriebsräte oder dem Zusammenspiel zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber- wir haben das ja vierzig Jahre gelernt - die Amerikaner müssen das wohl noch lernen, sage ich jetzt mal ironisch."

Mit dieser Meinung ist der Gewerkschafter nicht alleine, wenn man sich auf den Straßen des neuen Amazon- Standortes Koblenz umhört:

"Arbeitnehmer sind doch keine Sklaven, das sind Menschen wie Du und ich. Und deswegen müssen da schon Arbeitsbedingungen geschaffen werden, die menschliche Aspekte haben."

"Für Jugendliche muss man auch mal Planungssicherheit geben, auch ein Verlag wie Amazon."

"Die Würde der Menschen ist unantastbar auch in einem Arbeitsverhältnis."

Es gibt auch eine Würde des Konsumenten. Daran erinnert nach der großen Enttäuschung über Amazon auf den Koblenzer Innenstadt-Straßen in diesen Tagen mancher:

"Also ich gehe lieber in einem Buchladen, bevor ich es im Internet bestelle. Ich denke, gerade wenn man hier in der Stadt ist, kann man alles vor Ort kaufen. Und ich will ja auch, ich bin im Einzelhandel, dass die Leute zu mir kommen und die Sachen nicht im Internet bestellen. Ich will den Kontakt zu Kunden und ich als Kunde will auch den Kontakt zum Käufer."

Dr. Ludger Fittkau (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Ludger Fittkau (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré) Weitere Beiträge von Ludger Fittkau, Landeskorrespondent des Deutschlandradios in Rheinland-Pfalz:
Kein Ponyhof für Arbeitnehmerrechte - Wie Amazon einen Skandal aussitzt (DLF-Magazin)
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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:06 Uhr

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