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Von Gratulationen und Erwartungen

Reaktionen auf Gaucks Wahl zum Bundespräsidenten

Bundespräsident Joachim Gauck erhält Glückwünsch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (dpa / Kay Nietfeld)
Bundespräsident Joachim Gauck erhält Glückwünsch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (dpa / Kay Nietfeld)

Herzlichen Glückwunsch, Joachim Gauck! Zahlreiche Gratulanten haben hohe Erwartungen an den neuen Bundespräsidenten gestellt. Seine Wahl ist deutschlandweit auf ein positives Echo gestoßen. Am häufigsten hieß es, Gauck solle mit seinen kräftigen Worten die wachsende Politikverdrossenheit im Volk abbauen.

Denkanstöße im politischen Alltag, Engagement für Antisemitismus, Einsatz für europäische Werte: Neben zahlreichen Gratulationen erreichen Joachim Gauck am Tag seiner Wahl zum neuen Staatsoberhaupt ebenso viele Erwartungen. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) warnte vor zu hoch gesteckten Zielen und Wünschen. Der 72-jährige Theologe erhielt bei der Wahl zum elften Staatsoberhaupt in der Bundesversammlung eine überwältigende Mehrheit.

Ein guter Tag für die Demokratie - so fasste Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Gaucks Wahl zusammen. "Selten hat ein Bundespräsident solch eine Zustimmung bekommen", sagte sie im Interview von ARD und ZDF. Merkel erwarte von Gauck "Denkanstöße im politischen Alltag" zu bekommen. Er werde sein Amt "gut für unser Land wahrnehmen".

Der neue Bundespräsident sei "Manns genug" sich auch Kritik an seiner Person zu stellen, sagte die Kanzlerin. Gauck habe die Belange der Bürger im Auge und achte zugleich die Politiker. Die CDU-Chefin hatte Gauck erst als Kandidaten abgelehnt, sich unter dem Druck der FDP dann doch für seine Nominierung entschieden.

Das Verhältnis zur Bundeskanzlerin sei deswegen nicht gestört, sagte der neue Bundespräsident in Fernsehinterviews. "Ich habe Grund anzunehmen, dass sie mich schätzt." Er habe keinen Anlass zum Misstrauen. Warum Merkel seine Präsidentschaft zweimal zu verhindern versuchte, kann sich Gauck nicht erklären. Wichtig sei für ihn, dass "wir uns in die Augen schauen" und Vertrauen haben konnten.

"Ein Gewinn für unsere Gesellschaft"

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Fußballtrainer Otto Rehhagel gratulieren als Delegierte dem neuen Bundespräsidenten Gauck (dpa / Rainer Jensen)Bundeskanzlerin Angela Merkel und Fußballtrainer Otto Rehhagel gratulieren als Delegierte dem neuen Bundespräsidenten Gauck (dpa / Rainer Jensen)Die Politiker suchen in Gauck einen Wegbegleiter aus der Politikverdrossenheit. SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte, Gauck werde "mithelfen, die Kluft zwischen der etablierten Politik, Parteien und den Bürgern zu überwinden". Auf ein neues deutsches Wir-Gefühl, das von Gauck ausgeht, setzt Grünen-Chef Cem Özdemir. "Er wird keiner sein, der Demokratie als etwas Langweiliges darstellt."

Die Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Gerda Hasselfeldt, sagte, sie sei sicher, dass Gauck "uns lehren wird, den Geschmack an der Freiheit nicht zu verlieren, da dieser Geschmack das Salz in der Suppe einer jeden Demokratie ist". Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sagte, mit Gauck habe Deutschland einen Bundespräsidenten, der den Menschen mit scharfem Verstand und couragiertem Auftreten eine Orientierung geben wird.

Der neue Bundespräsident genieße eine "breite Akzeptanz" und "hohe Glaubwürdigkeit im Eintreten für Freiheit und bürgerliche Verantwortung", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch. Gaucks «politisches Gespür und die besondere Fähigkeit, den Menschen nahe zu sein», würden ihm in seiner neuen Aufgabe helfen. Zollitsch wolle den früheren Pastor zum deutschen Katholikentag Mitte Mai in Mannheim einladen. "Die Katholiken fremdeln nicht mit mir und ich auch nicht mit ihnen", sagte Gauck im ZDF-Interview.

Gauck sei eine "moralische Instanz", sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann. Er hoffe, dass Gauck sich auch aus "sehr persönlichem Engagement überall in unserem Land gegen Antisemitismus und Rassismus einsetzen wird".

Schaden am Amt reparieren

Ein Schild mit der Aufschrift "Viel Glück + Danke" liegt nach Gaucks Wahl zum Staatsoberhaupt auf dem Rasen vor Schloss Bellevue in Berlin (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)Ein Schild mit der Aufschrift "Viel Glück + Danke" liegt nach Gaucks Wahl zum Staatsoberhaupt auf dem Rasen vor Schloss Bellevue in Berlin (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)Nach dem Rücktritt von Christian Wulff war häufig die Rede davon, Wulff habe dem Amt des Bundespräsidenten Schaden zugefügt. Von Gauck wird erwartet, dass der diesen Schaden repariert. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) erklärte, er sei sicher, dass Gauck das Amt wieder zu einer Institution mache, an der sich die Menschen orientieren können. "Er ist in jedem Fall ein Gewinn für unsere Gesellschaft."

Im Volk gebe es gebe eine große Sehnsucht nach einer Persönlichkeit, die das Amt wieder in "ruhiges Fahrwasser" geleite, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider. Gauck übernehme das Amt "in einer nicht einfachen Zeit".

"Durch die Aufarbeitung des Unrechts in der DDR hat er die innere Einheit unseres Landes vorangebracht", sagte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt der Nachrichtenagentur dapd über den neuen Bundespräsidenten. "Auch ich bin überzeugt, dass Joachim Gauck unser Land ausgezeichnet repräsentieren wird."

Kritische Stimmen

Bundespräsident Joachim Gauck im Kreis der Bundesversammlung (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)Bundespräsident Joachim Gauck im Kreis der Bundesversammlung (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)Die hohe Zahl der Enthaltungen bei der Wahl Gaucks sei überraschend, sagte der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagfraktion, Thomas Oppermann. Offensichtlich habe die Union nicht geschlossen abgestimmt.

Kritiker halten Gauck vor, er trage das Etikett Bürgerrechtler zu Unrecht. Er habe nicht zur eigentlichen DDR-Opposition gehört. Gauck entgegnete, es würden hier Fakten oft absichtlich nicht gewürdigt. Kritisiert wurden außerdem Gaucks Äußerung zur "Occupy"-Bewegung und zum früheren Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin, dem er wegen seiner Thesen zur Integration Mut bescheinigt hatte.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte, der ostdeutsche Bürgerrechtler sei mit seiner Lebensgeschichte für die Freiheit "eine Ermutigung für viele Freiheitsbewegungen in der Welt". Damit werde Gauck "das Ansehen Deutschlands in der Welt mehren". Westerwelle warnte davor, die Erwartungen an den neuen Bundespräsidenten zu hoch zu schrauben. Von Gauck sollte nicht erwartet werden, "dass er übers Wasser laufen könne". FDP-Chef Philipp Rösler gab sich dagegen euphorisch: "All' die Hoffnungen, die wir in ihn gesetzt haben, hat er mit der ersten Rede schon erfüllt."

Schauspielerin Senta Berger nahm als prominente Wahlfrau an der Bundesversammlung teil. "Ich hoffe, dass der Gauck der Gauck bleibt."

Gaucks erste Reaktion auf Kritik

Gauck reagierte in Fernsehinterviews auf erste Äußerungen und Kritik. "Liebe Leute, ihr wisst es doch genau: Ihr habt keinen Heilsbringer oder keinen Heiligen oder keinen Engel, ihr habt einen Mensch aus der Mitte der Bevölkerung als Bundespräsidenten." Auch er habe Ecken und Kanten und könne auch nicht alles.

Glückwünsche aus Europa

Im Namen der Europäischen Kommission gratulierte Kommissionspräsident Manuel Barroso Gauck zur Wahl. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy wünschte Gauck Erfolg im neuen Amt. "Der vorbildliche Kampf, den Sie zugunsten der Freiheit geführt haben, ihr Engagement im Dienste der Demokratie, ihr Kampf für die Wahrheit sind Träger einer ganz besonders wertvollen Botschaft für ganz Europa." Integration, Solidarität und Verantwortung zu stärken, sei ganz im Geiste der europäischen Gründerväter.

Auch Italiens Staatschef Giorgio Napolitano gratulierte Gauck zur Wahl zum deutschen Staatsoberhaupt. Italien und Deutschland seien vereint in "unauflösbaren freundschaftlichen Gefühlen und tiefen kulturellen Bindungen", hob Napolitano hervor. "Gehen wir heute gemeinsam die Herausforderung an, um die politische Einheit, das Wirtschaftswachstum, den zivilen Fortschritt und die soziale Solidarität in Europa in Schwung zu bringen."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:49 Uhr

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