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Von Werner Schroeter bis Thomas Brasch

Künstlerporträts im "Panorama" der Berlinale

Von Robert Brammer

Werner Schroeter, hier auf dem Filmfestival von Venedig im Jahr 2008. (AP)
Werner Schroeter, hier auf dem Filmfestival von Venedig im Jahr 2008. (AP)

Kunst, das waren für den Regisseur Werner Schroeter Momente, die aus sich heraus leuchten. Für den Schriftsteller Thomas Brasch bedeutete Schreiben der Versuch, öffentlich Angst zu überwinden, weil er mit seiner Angst nicht alleine bleiben wollte. Und von der südafrikanischen Sängerin Miriam Makeba schließlich hörte man immer wieder diesen einen Satz: "Ich singe nicht über Politik, ich singe über die Wahrheit."

Als Miriam Makeba am 7. November 2008, drei Tage nach der Wahl von Barak Obama nach einem Konzert in Süditalien für den von der Mafia bedrohten Schriftsteller Roberto Saviano starb, wollte der finnische Regisseur Mika Kaurismäki sein geplantes Filmprojekt über diese stimmgewaltige Identifikationsfigur des afrikanischen Kontinents eigentlich absagen. Doch dann fand er, vielleicht sei dieser Film jetzt noch wichtiger als zuvor: als ein Tribut an eine Frau, die seit den sechziger Jahren verkörperte, wofür auch Obama heute in Afrika steht: dass Hautfarbe kein Stigma mehr ist. Mika Kaurismäki hat mit "Mama Afrika" einen Film über eine interessante Frau in einer interessanten Zeit gedreht.

"Brasch – das Wünschen und das Fürchten." Christoph Rüthers Film über den heimatlosen Schiftsteller Thomas Brasch erscheint fast zehn Jahre nach seinem Tod am 4. November 2001. In seiner letzten Wohnung am Berliner Ensemble: Ein englischer Pass des in London geborenen, steckt vor dem Spiegel und gibt dem Sohn jüdischer Einwanderer Sicherheit. Sein Lebensgefühl war das eines Menschen, der gewiss war, nirgends dazuzugehören.

Das Jüdische an ihm war auch seine Einschließungsfurcht. Thomas Brasch hat in der DDR im Gefängnis gesessen – aber er hat niemals vergessen, was die Nazis der Menschheit angetan haben.

Brasch: "Der Faschismus ist so lange her, wie eine Sekunde in meinem Leben. Wenn ich die Geschichte der Menschen ansehe – so lange ist er her. Eine Sekunde ist er her. Das heißt, es ist nicht mal so lang her in der Geschichte der Menschen, wie wir hier das Interview führen. Und wenn die Deutschen meinen, diese eine Sekunde ist schon so lange gewesen, dass sie darüber nicht mehr nachdenken müssen, dann tun sie mir leid."

Dem Regisseur Christoph Rüter, einem Freund, erzählt Brasch von seinem widersprüchlichen Leben, von seinen Obsessionen und Abgründen, von seinem Nichtzurechtkommen und seinem nicht Heimischsein, nicht in der DDR und auch nicht in der Bundesrepublik. West-Berlin war für ihn da bis 1989 etwas Drittes und ein Fluchtpunkt.

Brasch: "Das Ungeheuerliche erstmal denken. Ob das realisierbar ist, ist ja eine völlig andere Frage. Der Moment war ja da, also die Lücke in der Republik. Stattdessen gleich wieder zu sagen: wie komme ich - unter dem Rock der Partei hervorgekrochen - wie komme ich jetzt unter den Rock der Kirche oder des Kanzlers. Und sofort wieder eine Ordnung herzustellen. Um Gottes Willen nicht aus der Ordnung – außerordentlich – zu sein. Das ist vertan worden. Oder wegorganisieret worden. Das ist einfach schade, weil so etwas passiert alle 200 oder 500 Jahre mal."

Nach 1989 kann Thomas Brasch keine Gedichte mehr schreiben. Von der deutschen Wiedervereinigung ist er fast traumatisiert. Er erlebt sie als einen Abgrund. Und zieht sich zurück

In seinen letzten Jahren fühlte er sich, wie er selber sagt, in seinen Wörtern gefangen, vergrub sich in einem Mammutprojekt über den glücklosen Theaterautor und Mädchenmörder Brunke, das, bei seinem Tod auf 14.000 Seiten angewachsen war.

"Mondo Lux – die Bilderwelten des Werner Schroeter", dieser Dokumentarfilm von Elfi Mikesch, zählt zu den Höhepunkten im Programm des diesjährigen Panoramas. Seine farbenprächtigen und opernhaften Bildtableaus waren das, was seine Filme so einzigartig gemacht haben.

Der Zuschauer wird noch einmal entführt in Werner Schroeters Traum- und Fantasiewelten. Elfie Mikesch, seine langjährige Kamerafrau, hat auf den Proben zu seiner vorletzten Theaterinszenierung gefilmt und macht so begreifbar, was ihm an Kunst wichtig war, wie er inszenierte, wie er für und mit der Kunst lebte.

Schroeter: "Wenn man jetzt denkt, das ist lyrischer Text und dann plappert man das so dahin, das geht nicht. Sondern Ihr müsst Euch bemühen, die Wahrhaftigkeit der Geschichte zu transportieren, mittels dieser gloriosen Sprache. Das sind ja bislang die extremsten Familiengeschichten der Weltliteratur. Dieses Ungeheure muss ich raushören. Und das kann ich nur, wenn du zumindest so tust, als sei es für dich auch eine ungeheure Geschichte."

Elfie Mikesch zeigt die Diven, die seine Filme prägten: Magdalena Montezuma, Ingrid Caven, Isabel Huppert. Die beiden Letzteren erzählen von ihrer gemeinsamen Arbeit mit einem Regisseur, der sich dem klassischen Erzählen bis zuletzt radikal verweigert hat. Niemals gefällig und niemals Mainstream.

Kunst, das ist für Schroeter die Befreiung von den Fesseln des nur Nachgemachten. Kunst schafft eine neue Wirklichkeit.

Werner Schroeter und die Musik: Da gab es vor allem die Callas, die für ihn eine Botin von Gott zu den Menschen war. Die Sehnsucht nach Liebe, nach Schönheit und der Tod, das sind seine großen Themen.

Elfie Mikesch begleitet Schroeter mit der Kamera, vier lange Jahre, von dem Augenblick an, als er 2006 von seiner Krebserkrankung erfuhr, zeigt ihn so wie er sich immer inszenierte: der schwarze Hut, Schal, eine Rose in der Hand und das feine Gesicht. Und am Ende seines Lebens, abgemagert, eingefallene Wangen, Augen, die müde in die Kamera schauen. Aber der Geist ganz wach und noch immer ironisch, ganz ohne Larmoyanz und ohne Angst vor dem nahen Tod.

Schroeter: "Ich glaube, wenn man Liebe gelernt hat, hat man auch keine Angst mehr vor dem Tod. Dann bin ich Bestandteil von diesem strahlenden Licht. Ich habe ja kein Bewusstsein mehr, kein Ego, kein Ich. Ich bin aber Bestandteil von etwas: Energie, sagen wir eine leuchtende Energie. Aber ich bin mir dessen nicht bewusst. Viele Menschen haben so Angst: Sie werden sich dann nicht mehr erinnern. Sie haben keine Persönlichkeit mehr, kein Ego. Sie werden ja gar nicht mehr wissen, wer sie waren. Also, wenn man auf das Ich nicht verzichten kann, wird man bestimmt nirgendwo anders landen."

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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:40 Uhr

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