Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Vorbild an Moral und Menschlichkeit

Ein Nachruf auf Vaclav Havel

Von Stefan Heinlein

Der tschechische Schriftsteller, Bürgerrechtler und Politiker Vaclav Havel (AP)
Der tschechische Schriftsteller, Bürgerrechtler und Politiker Vaclav Havel (AP)

In der Samtenen Revolution verkörperte Vaclav Havel für die Tschechoslowaken die Hoffnung auf einen demokratischen Neuanfang. Als Präsident pflegte er nach den Jahrzehnten des Kommunismus eine neue politische Kultur - und einen hohen moralischen Anspruch.

Es ist der 29. Dezember 1989. Seit Stunden warten zehntausende Menschen im Hof der Prager Burg. Dann endlich betritt Vaclav Havel den Balkon:

"Liebe Freunde, vor wenigen Augenblicken wurde ich von der Föderalversammlung einstimmig zum Präsidenten der Republik gewählt. Ich bedanke mich bei Ihnen allen für ihre Unterstützung ...."

Die Samtene Revolution hat damit endgültig gesiegt. Wenige Monate zuvor sitzt der Dissident noch hinter Gittern. Nun verkörpert Havel die Hoffnungen der Menschen auf einen demokratischen Neuanfang.

Wahrheit und Liebe müssen siegen über Lügen und Hass. Sein hoher moralischer Anspruch. Nach den Jahrzehnten des Kommunismus pflegt Vaclav Havel eine neue politische Kultur. Auch im Ausland verkörpert er den Neuanfang seines Landes:

"Ich bin erst seit zwei Monaten Präsident", erklärt er in einer Rede vor dem US-Kongress. "Ich bin durch keine Präsidentenschule gegangen. Meine einzige Schule war das Leben!

Ein Leben mit vielen Brüchen. 1936 wird er als Sohn einer einflussreichen Familie in Prag geboren. Seine großbürgerliche Herkunft verhindert zunächst eine höhere Schuldbildung. Als Hilfsarbeiter finanziert er sich die Abendschule. Später wird er Bühnentechniker am Theater – dort schreibt er erste Stücke. Als 1968 die Warschauer Pakt-Truppen den Prager Frühling brutal beenden, geht Havel in die Opposition. 1977 ist er einer der Gründer der Demokratiebewegung Charta 77. Das kommunistische Regime reagiert mit aller Härte. Mehrmals wird er verhaftet – insgesamt fünf Jahre verbringt der Schriftsteller im Gefängnis.

1989 wird Havel schließlich zur tragenden Säule der Samtenen Revolution. Zwei Jahre später verkündet er in Prag als frei gewählter Präsident das Ende des Warschauer Paktes. Trotz der außenpolitischen Erfolge erlebt die Tschechoslowakei unruhige Zeiten. Im Sommer 1992 fordern Nationalisten auf beiden Seiten die Trennung des Landes.

Nach der Teilung des Landes wird Vaclav Havel 1993 der erste tschechische Staatspräsident. Oft verzweifelt der Idealist am harten politischen Alltag auf der Prager Burg. Konsequent führt er sein Land in Richtung EU und Nato. Nach zehn Jahren im Amt und vielen schweren Krankheiten verabschiedet sich Havel 2003 von der aktiven Politik und kehrt zurück zu seinen literarischen Wurzeln. 2011 erfüllt sich Havel einen Lebenstraum. Er führt Regie bei der Verfilmung seines letzten Theaterstücks "Abgang". Eine Geschichte über den schwierigen Abschied von der politischen Macht - über Wandel, Veränderung und Verlust.

"Ich hatte ein abwechslungsreiches Leben voller Abenteuer, obwohl ich überhaupt kein Abenteurer bin. Ich bin ein ausgesprochen ruhiger, unauffälliger und nüchterner Mensch. Ich habe mich nie nach dem großen Nervenkitzel gesehnt. Ich habe es gern, wenn Dinge dort sind, wo sie hingehören. Dass mein Leben dennoch so bewegt war, verdanke ich einzig und allein dem Schicksal, nicht meinem Charakter.

Das Schicksal machte Vaclav Havel zu einem großen Politiker und Menschenrechtler. Der Schriftsteller und Dissident bleibt in Erinnerung als ein Vorbild an Moral, Menschlichkeit und demokratischem Engagement.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:46 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 13:00 Uhr Nachrichten

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 13:00 Uhr Nachrichten

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

US-Präsident"Hysterische Reaktionen auf Trump sind fehl am Platz"

Friedrich Merz (CDU), Vorsitzender der Atlantikbrücke (dpa / picture-alliance / Revierfoto)

Kurz vor der Vereidigung des neuen US-Präsidenten Donald Trump hat der Vorsitzende der "Atlantik-Brücke", Friedrich Merz, zu mehr Gelassenheit aufgerufen. Trump habe sich schließlich nicht ins Amt geputscht, sagte der CDU-Politiker im DLF.

Politische RhetorikGlatt gelogen wirkt verdammt ehrlich

Der neue Präsident der USA: Donald Trump. (Imago / Zuma Press)

Eine vulgäre Sprache voller Verdrehungen und Lügen – wer das für ein neues Stilmittel der politischen Auseinandersetzung hält, sollte in die jüngere europäische Vergangenheit blicken. Die Philosophin Dunja Melčić erklärt, warum Lügen so wirkungsvoll sind.

PROTESTAKTIONEN ZUR AMTSEINFÜHRUNGMit Joints, Liebe und Musik gegen Trump

Es ist DER Tag für Donald Trump: Ab 12 Uhr Ortszeit wird er in Washington auf den Stufen des Kapitols als neuer, 45. Präsident der USA vereidigt. Ein guter Tag für ihn – für viele andere aber nicht. Gestern Abend gab es schon ein paar Proteste in New York. Heute gehen die Leute dann in Washington auf die Straße oder starten andere Protestaktionen.

Lage in Syrien"Es fehlt fast alles für ein normales Leben"

DRK-Generalsekretär Christian Reuter (imago / Jens Jeske)

Knapp sechs Jahre nach Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs bleibt die humanitäre Lage im Land prekär. Der Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes, Christian Reuter, sagte im DLF, in ganz Syrien fehle es an elementaren Dingen - auch dort, wo nicht gekämpft werde.

Prozess in Bad Godesberg Wie in einem Brennglas der Gesellschaft

Jugendliche stehen am 20.05.2016 in Bonn (Nordrhein-Westfalen) am Bahnstation des Stadtbezirkes Bad Godesberg. In dem Bonner Stadtteil an einem Rondell in Bahnhofsnähe wurde ein 17-Jähriger auf der Straße totgeprügelt. (dpa/picture alliance/Maja Hitij)

Der Schock war groß, als nach einer Prügelattacke der 17-jährige Niklas in Bad Godesberg starb. Heute beginnt der Prozess gegen zwei Verdächtige. Der örtliche Pfarrer Wolfgang Picken berichtet, wie Bevölkerung und Politik einen konstruktiven Weg gefunden haben, mit den Folgen der Tat umzugehen.

75 Jahre Wannsee-KonferenzDie Vorbereitung des Massenmords

Das Haus der Wannsee-Konferenz (imago/McPHOTO )

Vor 75 Jahren wurde in einer Villa am Wannsee über die Vernichtung der Juden beraten. Knapp zwei Stunden dauerte die Besprechung. Ziel der Wannsee-Konferenz war es, einen Plan zur Deportation und Vernichtung der Juden aus westeuropäischen Ländern festzulegen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

US-Präsidentschaft  Trump am Abend in Washington vereidigt | mehr

Kulturnachrichten

Unesco: Zerstörungen in Aleppo  | mehr

Wissensnachrichten

Erwachsen werden  Volles Risiko mit 13 bis 15 | mehr