Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Vorwurf: Versuchter Totschlag durch Datenmanipulation

Göttinger Mediziner nach Organspendeskandal vor Gericht

Transplantation einer Lunge (picture alliance / dpa / Junge/Mhh)
Transplantation einer Lunge (picture alliance / dpa / Junge/Mhh)

Der Skandal um Bevorzugungen von Patienten bei Spenderorganen sorgte vergangenes Jahr bundesweit für Schlagzeilen. Zum Prozessauftakt meldete sich der angeklagte Arzt zu Wort: Es sei ihm nur um das Wohl seiner Patienten gegangen.

Vor dem Landgericht Göttingen wird der Organspende-Skandal von heute an juristisch aufgearbeitet. Mehr als 40 Verhandlungstage sind dazu bis Mai nächsten Jahres angesetzt – 30 Zeugen sollen angehört werden, die aufzuarbeitenden Akten füllen 35 Umzugskartons.

Angeklagt ist der ehemalige Leiter der Transplantationsmedizin an der Göttinger Uniklinik. Ihm werden versuchter Totschlag in elf Fällen und Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen vorgeworfen. Laut Staatsanwaltschaft soll er medizinische Daten von Patienten manipuliert und diese an die zentrale Vergabestelle "Eurotransplant" gemeldet haben, um schneller Spenderorgane zu bekommen.

Bonuszahlung bei zahlreichen Transplantationen

Dem Medizinprofessor wird vorgeworfen, dabei den Tod anderer lebensbedrohlich erkrankter Patienten in Kauf genommen zu haben, die aufgrund der Manipulationen kein Spenderorgan erhielten. In drei weiteren Fällen habe der Arzt Patienten Lebern transplantiert, obwohl dies aus medizinischer Sicht falsch war. Die Patienten starben – sie seien zuvor nicht über das Risiko aufgeklärt worden.

Seine Verteidiger erklärten, der Mediziner habe nach eigenen Angaben keine Manipulationen bei der Verteilung von Organen vorgenommen oder veranlasst. Vor Gericht wies der Arzt Spekulationen zurück, er habe die Zahl der Transplantationen steigern wollen, um Bonuszahlungen zu erhalten. Einen entsprechenden Vertrag habe ihm die Göttinger Klinikleitung aufgedrängt, als er 2008 dorthin kam. Danach erhielt der Mediziner ab einer gewissen Anzahl von Organverpflanzungen einen Bonus von 1500 Euro pro Patient. Bei seinem Handeln sei es ihm immer nur um das Wohl seiner Patienten gegangen, betonte der Angeklagte.

Richter betreten rechtliches Neuland

Nach Ansicht von Experten betreten die Richter in dem Prozess rechtliches Neuland: Der auf Medizin-Strafrecht spezialisierte Juraprofessor Gunnar Duttge von der Universität Göttingen sagte der Deutschen Presseagentur, dass es problematisch sei, einen Zusammenhang zwischen den Entscheidungen des Arztes und dem möglichen Tod von Patienten zu beweisen. Die Staatsanwaltschaft werfe dem Arzt zwar versuchten Totschlag vor, könne die Opfer – also Patienten, die möglicherweise kein Spenderorgan bekommen haben – jedoch nicht eindeutig benennen. Ein ähnlicher Fall sei vor Gericht noch nicht verhandelt worden.

Zahl der Organspender ging stark zurück

Der angeklagte Medizinprofessor sitzt seit Januar dieses Jahres in Untersuchungshaft. Auch in Bayern wird gegen ihn ermittelt. An seiner früheren Arbeitsstätte, dem Uniklinikum Regensburg, soll er Patientendaten manipuliert haben, um schneller an Spenderorgane zu kommen. Nach Bekanntwerden der Fälle ging die Zahl ging die Zahl der Organspender laut Deutscher Stiftung Organspende um fast 20 Prozent zurück.

Kampagne für mehr Organspende-Bereitschaft

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) beantwortet vor der Bundespressekonferenz in Berlin Fragen von Journalisten. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) appellierte an potenzielle Organspender (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)Der Gesetzgeber hat Manipulationen an Organ-Wartelisten inzwischen als Straftatbestand definiert. Außerdem muss das Bundesministerium für Gesundheit inzwischen die Richtlinien der Bundesärztekammer zur Organvergabe genehmigen. Das Ministerium wirbt zurzeit mit einer 180.000 Euro teuren Kampagne für mehr Spendenbereitschaft in der deutschen Bevölkerung. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr forderte die Menschen in Deutschland im RBB dazu auf, sich trotz der Vorfälle in Göttingen als Organspender registrieren zu lassen. Bedarf für weitere Änderungen am Organspende-System sieht das Gesundheitsministerium nicht.

Auch der Ärztliche Direktor des Essener Uni-Klinikums, Eckard Nagel, sieht in der deutschen Transplantationsmedizin keine größeren Missstände. Es handele sich um einen der sichersten Bereiche der Medizin, sagte das Mitglied des Deutschen Ethikrates im Deutschlandfunk. Nagel hält es deswegen nicht für nötig, Überwachung und Vergabe von Organen vollständig dem Staat zu übergeben. Wichtiger seien klare Gesetze, wobei man kriminelle Energie nie ganz ausschließen könne.

Der Direktor der Kinderklinik Siegen, Rainer Burghard, warb im Deutschlandradio Kultur konkret für eine Änderung des Organtransplantationsgesetzes von der neuen Einwilligungslösung hin zu einer Widerspruchslösung: Probleme wie die im Zusammenhang mit dem Organspendeskandal seien dann nicht mehr existent.

Mehr zum Thema auf dradio.de:
Stiftung setzt auf steigende Organspendezahlen - Tag der Organspende soll Skandale vergessen machen
Neuer Organspende-Skandal: Sorge vor weiteren Fällen
Universitätsklinikum Leipzig beurlaubt drei Ärzte
Ja, nein - oder gar keine Antwort - Die Entscheidungslösung zur Organspende tritt in Kraft

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:16 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 20:10 Uhr Hörspiel

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 20:03 Uhr Konzert

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 20:00 Uhr Eine Stunde Film

Aus unseren drei Programmen

EU-Krise"Keine dieser Aufgaben kann ein Nationalstaat alleine bewältigen"

Der Europa-Abgeordnete Elmar Brok während einer Tagung zum Thema Europa in Tutzing (imago / Oryk Haist)

Kurz vor dem Ende seiner Amtszeit als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Europäischen Parlament blickt Elmar Brok mit Sorge in die Zukunft der EU. Man habe selten vor so vielen Herausforderungen gestanden. Kein Nationalstaat könne diese Aufgaben noch alleine bewältigen, sagte der CDU-Politiker im Deutschlandfunk.

US-Protektionismus"Ein Trend, mit dem wir uns beschäftigen müssen"

US-Präsident Donald Trump mit dem Dekret zum Ausstieg aus dem Handelsabkommen TPP (pa/dpa/AP/Vucci)

Trumps Wirtschaftspolitik wird die Globalisierung verlangsamen, prophezeit der Ökonom Michael Burda. Aber sie werde der Weltwirtschaft zunächst einen gewissen Schub verpassen. Auch für die EU könnte sich der US-Protektionismus als vorteilhaft erweisen.

Männerbewegung in der katholischer Kirche Auf der Suche nach der verlorenen Männlichkeit

Schulpfarrer Philippe de Maistre befürwortet Geschlechtertrennung im Unterricht und Initiationsrituale für Jungen. (Bettina Kaps)

Eine neue Männerbewegung breitet sich unter französischen Katholiken aus. Ihre These: In Gottesdiensten und in der Seelsorge würden vor allem weibliche Tugenden propagiert, Männlichkeit habe ein negatives Image. Und so gibt es immer mehr Angebote für katholische Männer, ihre Maskulinität zu entdecken.

Mögliche Verlegung der US-BotschaftStein: "Für ernsthafte Gespräche kontraproduktiv"

Der frühere Botschafter Israels in Deutschland, Shimon Stein. (imago/Thiel)

Shimon Stein hat eine mögliche Verlegung der US-Botschaft in Israel nach Jerusalem kritisiert. Wenn Präsident Donald Trump Frieden im Nahen Osten stiften wolle, "wird er äußerst vorsichtig sein, eine derart provokante Entscheidung zu fällen", sagte der frühere Botschafter Israels in Deutschland im DLF.

MedienkritikTalkshow-Terror mit Trump-Effekt

(picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)

Flüchtlinge, Islam, Terror, Integration: Mit möglichst hohem Erregungsspiegel beackern Politik-Talkshows vor allem einen Themenkomplex, kritisiert Bodo Morshäuser. So arbeiteten sie vor der Bundestagswahl an einem deutschen Trump-Effekt, warnt der Schriftsteller.

"Tunnel 28" Spektakuläre Flucht von Ost nach West

Szene aus dem Film "Tunnel 28", der die spektakuläre Tunnelflucht von Ost- nach West-Berlin im Jahr 1962 beschreibt. (picture alliance / dpa)

75 Fluchttunnel, die nach dem Mauerbau zwischen Ost- und Westberlin gegraben wurden, sind dokumentiert. Durch den "Tunnel 28" flohen heute vor 55 Jahren fast 30 Menschen aus der DDR. Noch im gleichen Jahr kam die geglückte Flucht als Spielfilm in die Kinos.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

SPD-Kanzlerkandidatur  Schulz will politische Neuausrichtung | mehr

Kulturnachrichten

Elbphilharmonie: Kritik an verkürzter Arte-Übertragung  | mehr

Wissensnachrichten

Gerüche  Pflanzen reagieren anders auf Exoten | mehr