Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Weißrussland weist schwedische Diplomaten aus

"Teddy-Konflikt" führt zu diplomatischer Eiszeit

Von Tim Krohn

Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko  muss heftige Kritik aus Schweden einstecken. (dapd)
Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko muss heftige Kritik aus Schweden einstecken. (dapd)

Eine Protestaktion mit Teddybären gegen die autoritäre Führung in Minsk hat nun auch zu einem diplomatischen Eklat zwischen Schweden und Weißrussland geführt. Das osteuropäische Land will sein Botschaftspersonal abziehen - und forderte die Skandinavier zugleich zum Verlassen des Landes auf.

Auslöser waren offenbar die Teddybären. Vor ein paar Wochen startete irgendwo in Litauen ein Kleinflugzeug, flog über die weißrussische Grenze und warf dann hunderte Plüschbären ab. Die allerdings waren in den Augen von Staatschef Lukaschenko alles andere als niedlich. Denn jeder fliegende Bär hatte eine Protestnote dabei. Es waren Aufrufe für die Presse- und Meinungsfreiheit in Weißrussland.

Angeblich waren auch schwedische Menschenrechtsaktivisten an dieser ungewöhnlichen Aktion mit den fliegenden Bären beteiligt, schwedische Piloten sogar und – auch wenn niemand offiziell von einer Teddy-Affäre sprechen mag - das Regime in Minsk vermutet die Drahtzieher offenbar in der schwedischen Botschaft. So hat alles angefangen. Jetzt herrscht diplomatische Eiszeit.

Stockholms Außenminister Carl Bildt beschrieb Lukaschenko im schwedischen Rundfunk als "politischen Rowdy".

Bildt: "So benimmt man sich einfach nicht. Aber dies ist eine launische und zunehmend unberechenbare Diktatur, die um ihre Zukunft bangt. Das, was unser Botschafter Eriksson, Schweden und die EU in Weißrussland sagt und tut, gefällt ihnen natürlich nicht. Ich finde, das alles zeigt doch, wie schwach das Regime in Weißrussland ist."

Diplomatische Töne klingen anders. Aber die haben beide Seiten mittlerweile längst aufgegeben. Der Botschafter in Minsk habe doch nur die Beziehungen zu Stockholm zerstören wollen, heißt es in Weißrussland. Lukaschenko sei doch nur ein frustrierter und paranoider Diktator, antworten die Zeitungen in Schweden.

Der Göteborgs-Posten vergleicht den Machthaber in Minsk heute mit einem angeschossenen Bären, nicht aus Plüsch, sondern hochgefährlich. Die EU müsse jetzt gemeinsam reagieren.
Leider, so erzählt es der Sprecher im weißrussischen Fernsehen, habe sich Schweden dafür entschieden, die Situation weiter zuzuspitzen. Stockholm habe zwei Diplomaten aus Minsk ausgewiesen und dem Botschafter sei die Einreise verweigert worden.

Mit dieser Begründung machte Lukaschenko jetzt ernst. Inzwischen sind alle schwedischen Diplomaten ausgewiesen worden. Die Botschaft in Minsk wird geschlossen.
Es sei fast so, als hätte man nur auf eine passende Gelegenheit gewartet, deutet der schwedische Außenminister an.

Bildt: "Wir verfolgen eine klare Linie, was die Rechte unserer Mitbürger betrifft. In einem Gespräch mit dem weissrussischen Außenminister vor einigen Wochen gab er mir schon sehr deutlich zum Ausdruck, dass man die Aktivitäten unseres Botschafters stoppen wollte. Das Ganze ging dann zwar sehr plötzlich an die Öffentlichkeit, aber die Versuche, uns zum Schweigen zu bringen, die gibt es schon recht lange."

Neu ist der Dauerkonflikt des Westens mit dem Lukaschenko-Regime tatsächlich nicht. Auch die USA dürfen in Minsk schon seit Jahren nur noch einen Vertreter aber keinen Botschafter mehr einsetzen.

Lukaschenko gilt als der letzte Diktator Europas. Seit 18 Jahren im Amt muss er sich Ende September Parlamentswahlen stellen. Die Opposition sieht sich massiv behindert und will die Wahl boykottieren. Echte Demonstrationen gibt es nicht und so kommen die Teddybären wieder ins Spiel.

Ein weißrussischer Fotograf, der die Bilder der fliegenden Teddys verbreitet haben soll, sitzt inzwischen in Haft. Zwei Journalistinnen, die darüber berichten wollten, wurden gestern festgenommen.

Mehr zum Thema bei dradio.de:

Weißrussland verbietet DLF-Korrespondentin die Einreise - Ein Gespräch mit Gesine Dornblüth
Beck: Druck der Sanktionspolitik auf Weißrussland verpufft - Kreml unterstützt Lukaschenko
Solidarität unter Nachbarn - Russische Oppositionelle unterstützen weißrussische Menschenrechtsorganisation

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:56 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Lange Nacht

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Literatur

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

HIV-Infektionen in ChinaGefahr im Goldenen Dreieck

(picture alliance / dpa)

Ein Viertel der neuen HIV-Infektionen in China wird aus Yunnan im Südwesten des Landes gemeldet. Die Provinz grenzt an das berüchtigte Goldene Dreieck: eine Region, die als größte Produktionsstätte für Heroin gilt. Die Bewohner wissen kaum etwas über die Ansteckungsgefahr durch das Virus, nur wenige Betroffene erhalten Hilfe.

Claire Denis über "Un Beau Soleil Intérieur"Eine sexy Frau und jede Menge Neurosen

Die französische Regisseurin Claire Denis (dpa / Asatur Yesayants)

Als "eine Art Reise in die Weiblichkeit" schildert Regisseurin Claire Denis ihre Arbeit an "Un Beau Soleil Intérieur": eine romantische Komödie, mit der das Filmfest in München eröffnet wurde. Juliette Binoche spielt darin eine Künstlerin auf der Suche nach der großen Liebe.

Die Brücke über die Drina25 Jahre nach den Massakern im bosnischen Višegrad

Blick von der Seite auf die beinahe 500 Jahre alte Mehmed-Paša-Sokolović-Brücke über dem Fluss Drina in Višegrad. (imago/Boris Scitar)

"Die Brücke über die Drina" von Ivo Andric ist eine monumentale Erzählung über das multikulturelle Leben auf dem Balkan. Der historische Roman war in Jugoslawien Pflichtlektüre an vielen Schulen. Die "Brücke über die Drina" galt als Symbol von "Brüderlichkeit und Einheit".

"Rheingold" in DüsseldorfEin veritables Wagner-Wunder

Deutsche Oper in Düsseldorf (picture alliance / Horst Ossinger)

Vorzügliche Darsteller und ein Regisseur, der sich "erfrischend überhaupt nicht" um die Erwartungen an diesen "Mount Everest" des Musiktheaters schert: Unsere Kritikerin Ulrike Gondorf hat in Düsseldorf eine gelungene Inszenierung von Wagners "Rheingold" erlebt.

Von der UNESCO geschützte BräucheIst das wirklich typisch deutsch?

Das Bild zeigt Bürgermeister, Kurdirektor und drei weitere Personen beim Wassertreten in einem Außenbecken in Bad Münstereifel. (Deutschlandradio / Manfred Götzke )

In den Harzer Wäldern trainieren Vogelfreunde den Gesang von Buchfinken. Auf dem Darß in Mecklenburg-Vorpommern schlagen Reiter im vollen Galopp mit Keulen auf eine Tonne ein, um den Tonnenkönig zu küren. Diese etwas skurrilen Volksfeste, aber auch das Kneippen oder die Flussfischerei an der Sieg, eint eins: Sie gehören zum immateriellen Kulturerbe Deutschlands.

Christian Kohlross: "Kollektiv neurotisch"Warum wir Narzissten, Hysteriker und Depressive sind

(Foto: imago / Cover: Dietz-Verlag)

Hysterisch, visionslos und wegen überhöhter Ansprüche ständig enttäuscht: Dem Therapeuten Christian Kohlross zufolge befindet sich der Westen in einem Zustand kollektiver Neurose. Da hilft nur: Die Gesellschaft auf die Couch!

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Bundesparteitag in Dortmund  SPD trifft sich | mehr

Kulturnachrichten

"OST"-Zeichen auf Volksbühne wird abgebaut  | mehr

 

| mehr