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Weitere Tote bei Koran-Protesten

Bundeswehr räumt Stützpunkt im Norden Afghanistans

Proteste gegen die Koranverbrennung in Afghanistan (dpa / picture alliance / S. Sabawoon)
Proteste gegen die Koranverbrennung in Afghanistan (dpa / picture alliance / S. Sabawoon)

Früher als geplant zieht sich die Bundeswehr aus dem Stützpunkt Talokan zurück. Denn in Afghanistan starben erneut mehrere Menschen bei Protesten gegen ausländische Soldaten. Anlass ist die Verbrennung von Koran-Exemplaren.

Die Ausschreitungen in Afghanistan gingen auch heute weiter. Nach den Freitagsgebeten zogen hunderte Menschen in Kabul zum Präsidentenpalast. In der Hauptstadt wurde ein Demonstrant erschossen. In Herat soll es sieben Tote gegeben haben, als eine wütende Menge das US-Konsulat stürmen wollte. Auch in Dschalalabad und in der Provinz Ghasni versammelten sich Afghanen auf den Straßen. In den vergangenen Tagen waren mindestens 14 Menschen getötet worden, darunter zwei US-Soldaten.

Wegen der anhaltenden Gewalt zieht sich die Bundeswehr vorzeitig aus ihrem Stützpunkt Talokan zurück. Das Lager sollte im März ohnehin geräumt werden. Die Bundeswehr teilte mit, Grund für die Entscheidung sei ein Auflauf von Demonstranten vor dem Gelände gewesen. Der relativ kleine Komplex ist schwierig zu sichern, weil er mitten in der 200.000-Einwohner-Stadt liegt. Talokan ist die Hauptstadt der nordafghanischen Provinz Takhar.

Aufrufe zur Besonnenheit

ISAF-Soldat in Afghanistan (dpa / picture alliance / Jean Marc Loos)ISAF-Soldat in Afghanistan (dpa / picture alliance / Jean Marc Loos)Präsident Hamid Karsai warb für Ruhe und Besonnenheit. Der Oberkommandeur der NATO-geführten Afghanistantruppe ISAF, General John Allen, versuchte die Situation zu beruhigen. "Ich appelliere an jeden im ganzen Land - Isaf-Angehörige und Afghanen -, Geduld und Zurückhaltung zu üben", erklärte Allen. Die ISAF teilte mit, die gemeinsame Untersuchung mit den afghanischen Behörden zur Verbrennung von Koran-Exemplaren auf der US-Basis Baghram dauere an. Noch stehe kein Datum für ihren Abschluss fest.

Zuvor hatte sich US-Präsident Obama für die unbedachte Koranschändung entschuldigt. Nach Angaben der afghanischen Regierung betonte er in einem Schreiben, die Verbrennung von Koran-Exemplaren sei nicht vorsätzlich geschehen. Das Entschuldigungsschreiben sei am Donnerstag von US-Botschafter Ryan Crocker an Präsident Karsai übergeben worden, teilte der Präsidentenpalast in Kabul mit. Der US-Präsident habe eine vollständige Aufklärung des Falls zugesagt.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hatte gestern erklärt, er bedauere die Todesopfer zutiefst. Er rief alle Beteiligten zu Mäßigung, Zurückhaltung und Gewaltlosigkeit auf. Die Bundesregierung sei bestürzt, dass durch die Verbrennung religiöser Texte die Gefühle vieler Menschen in Afghanistan verletzt wurden. Deutschland und alle seine Vertreter in Afghanistan empfänden tiefen Respekt für den Islam, seine Anhänger und seine Schriften, betonte Westerwelle.

Islamische Staaten verurteilen die Koranverbrennung

Die Organisation der Islamischen Konferenz betonte in einer Erklärung, die Tat stehe im Widerspruch zu den gemeinsamen Bemühungen von muslimischen Ländern und internationaler Gemeinschaft, Intoleranz und religiösen Hass zu bekämpfen. Zugleich begrüßte die Organisation die Entschuldigungen der Isaf und der USA.

Taliban schwören Rache

Die Taliban schworen Rache und riefen Angehörige der afghanischen Sicherheitskräfte zur Fahnenflucht auf. Taliban-Funktionäre seien angewiesen worden, alle Deserteure, die sich gegen die "Invasoren" stellten, als "Helden" willkommen zu heißen. Erst gestern hatte die Taliban zu Angriffen auf Ausländer aufgerufen. In einem Schreiben hieß es "tapfere afghanische Muslime" müssten Stützpunkte und Konvois der internationalen Militärs angreifen. Afghanen sollten Ausländer schlagen, fangen und töten, damit diese lernten, den Koran nie wieder zu schänden.

"Der Zorn ist ziemlich groß"

Der Afghanistankenner Thomas Ruttig warf den westlichen Akteuren in Afghanistan Ignoranz vor. "Der Zorn ist denn doch schon ziemlich groß," sagte Ruttig im Deutschlandfunk über die Reaktion des Landes auf die Koranverbrennungen. "Man weiß nicht, ob, wenn in den nächsten Tagen eben organisierte Proteste stattfinden, so was nicht dann außer Kontrolle geraten kann und es dann wieder zu Unruhen kommt, bei denen auch Büros ausländischer Organisationen angegriffen werden können."

Auch der deutsch-iranische Philosoph Hamid Reza Yousefi kritisierte die Koranverbrennung in Afghanistan. Er bezeichnet das Vorgehen als "pietätslos" und vermutet einen politischen Hintergrund. "Es ist kaum vorstellbar, dass es sich hier um ein Versehen gehandelt hat, oder dass die Soldaten, die diese Bücher verbrannt haben, aus Unwissenheit gehandelt haben, sagte Yousefi im Deutschlandradio Kultur. "Meine Vermutung ist, dass das Ganze auch einen politischen Hintergrund haben kann, dass diejenigen, die das gemacht haben, auch andere Ziele erreichen wollen."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:48 Uhr

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