Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Weltpremiere für ein verbotenes Werk

Jafar Panahis mutiger Film "Pardé" wurde auf der Berlinale gefeiert

Von Jörg-Christian Schillmöller

Der iranische Regisseur Jafar Panahi, undatiertes Bild aus einem Handout des Mar del Plata International Film Festival 2011
Der iranische Regisseur Jafar Panahi, undatiertes Bild aus einem Handout des Mar del Plata International Film Festival 2011 (picture alliance/dpa Fotografia)

Schon wieder darf der iranische Filmemacher Jafar Panahi nicht selbst bei den Berliner Filmfestspielen zu Gast sein. Er ist in seiner Heimat mit einem Berufsverbot belegt worden und darf nicht ausreisen. Dennoch hat er es einmal mehr geschafft, einen Film aus dem Land zu schmuggeln. "Pardé" - englisch: "Closed Curtain" - wurde bei der Berlinale gefeiert.

"Pardé" ist ein Film, den es eigentlich gar nicht geben dürfte. Das machte die Berlinale-Moderatorin Jeannine Michaelsen schon vor Beginn der Vorstellung deutlich. In einer kurzen Begrüßung stellte sie klar: "Angesichts eines 20-jährigen Arbeits- und Reiseverbotes für Jafar Panahi ist es uns eine umso größere Freude, Ihnen diesen Film im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele Berlin präsentieren zu dürfen." Sprich: Es war ein politischer Nachmittag, und für viele im Publikum dürfte es ein Statement gewesen sein, sich diese Premiere anzusehen. Auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann war zu Gast im ausverkauften Berlinale-Palast.

"Pardé" – oder im englischen Titel "Closed Curtain" - ist ein Film über das Filmemachen. Ein Film, der immer wieder einfühlsam und doch entschlossen die Lebenssituation von Panahi thematisiert. Vordergründig erzählt der Film die Geschichte eines Mannes, der einen Hund besitzt – was im Iran verboten ist, denn Hunde gelten in der Islamischen Republik als unrein. Der Mann flieht vor den Behörden in ein einsames Haus und verschließt die Vorhänge. Eine junge Frau stößt zu ihm, auch sie wird verfolgt, weil sie auf einer Party war und Alkohol getrunken hat. Von draußen dringen Polizeigeräusche und das Rauschen von Wellen in das Haus. So weit das Setting.

Doch die Ebenen verschwimmen, denn im Laufe des Films stellt sich heraus: Es ist Jafar Panahis Haus, in dem der Mann und die Frau aufeinander treffen. Und plötzlich tritt auch Jafar Panahi selbst vor die Kamera - das Publikum im Saal klatscht an dieser Stelle spontan - und durchbricht damit das gegen ihn verhängte Berufsverbot. Der Film spiegelt sich in diesem Moment selbst und reflektiert zugleich die schwierigen Bedingungen seines Entstehens. Denn: Die beiden anderen Figuren im Film, also der Mann und die Frau, sind das Einzige, das dem Regisseur geblieben ist. Das Filmemachen muss – so muss man das wohl verstehen - "hinter verschlossenen Vorhängen" stattfinden.

Erneuter Applaus im Saal nach einer Dialog-Sequenz im Film, als ein Nachbar bei Panahi klopft und ihm Mut macht. "Herr Panahi", sagt der Mann, "Sie werden eines Tages wieder arbeiten. Und das Leben besteht ja aus viel mehr Dingen mehr als nur aus Arbeit." Panahi entgegnet: "Diese anderen Dinge sind mir fremd." Es ist anrührend und beeindruckend zugleich, dass dieser mehrfach preisgekrönte Regisseur sich mit seinen Filmen ein weiteres Mal den Behörden widersetzt und Repressalien riskiert.

Wäre er in Berlin gewesen, er hätte es genossen, dabei zu sein: Nach der Vorstellung gibt es Ovationen für Jafar Panahi. Leibhaftig zu Gast sind die Schauspielerin Maryam Moghadam und der Co-Regisseur und Schauspieler Kambozia Partovi. Beide treten nach der Weltpremiere auf die Bühne und Kambozia Partovi scheut sich nicht, die Lage Panahis offen zu thematisieren. "Ich bin sehr traurig, dass Jafar Panahi nicht hier sein kann", sagt er und fügt hinzu: "Er ist aber nur physisch nicht präsent. Seine Gedanken und Gefühle sind heute Abend bei uns. Ich hoffe, dass die physische Präsenz sich irgendwann wieder der geistigen Präsenz annähern wird."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:06 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 09:10 Uhr Europa heute

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 09:07 Uhr Im Gespräch

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Angehörige russischer Soldaten"Das Schweigen ist schrecklich"

Ein russischer Soldat - viele Frauen und Mütter haben keinen Kontakt zu ihren Angehörigen

Viele Frauen und Mütter russischer Soldaten haben keinen Kontakt zu ihren Männern und Söhnen in den ost-ukrainischen Kampfgebieten. Viele würden das einfach hinnehmen und schweigen, sagte Ella Poljakóva von den Soldatenmüttern St. Petersburgs, im DLF.

Streaming"Neue Chance für Filmemacher"

Ein Computerbildschirm zeigt die Webseite des US-Streamingdienstes Netflix am 24. Juli 2012

Der US-Streamingdienst Netflix stellt ab September  in Deutschland Filme und Serien über das Internet zur Verfügung. Der Regisseur der Liebeskomödie "Lovesteaks", Jakob Lass, hält den Dienst für einen Segen. 

Aus den FeuilletonsMächtige D-Mark und nackte Frauen

US television personality Kim Kardashian arrives on the red carpet for the 31st MTV Video Music Awards at The Forum in Inglewood, California, USA, 24 August 2014. 

Während die "FAZ" über den Erfolg der AfD in Sachsen rätselt und dabei Ost- und Westdeutschland in einen Topf wirft, sinniert die "Süddeutsche" über die von Computernerds gehackten Nacktbilder von Hollywoodschönheiten.

Spanien Die ersten Früchte harter Reformen

Angela Merkel mit Mariano Rajoy

Mit der spanischen Wirtschaft scheint es wieder bergauf zu gehen. Das sagen zumindest die Zahlen der Statistiker. Aber der Weg aus der Krise ist noch weit. Die Arbeitslosenzahlen sind noch immer hoch, die Schlangen vor den Essensausgaben für Bedürftige bleiben lang.

Patient NordseeHausbesuch bei einer alten Bekannten

Am Nordseestrand an der Westküste von Dänemark nahe dem Ort Agger liegt ein Haufen vom Meer angespülter Fischernetze und Seile. 

Wie steht es um die Wasserqualität in der Nordsee? Zwölf Spezialisten untersuchen derzeit den Gesundheitszustand des Meeres. Die Wissenschaftler befinden sich auf dem Forschungsschiff "Celtic Explorer". Unser Reporter hat das Team via Satellit erreicht.

Autorin Zoë Beck "Viel breiter erzählen"

Zoë Beck schreibt sowohl Drehbücher als auch Romane. Letzteres wesentlich lieber, denn im Roman ist sie frei von Realisierungszwängen. Drehbücher leben von der filmischen Umsetzung. Gerade die beschränke Autoren  in ihrer Handlungsfreiheit, sagt Beck.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

USA  entsenden weitere Soldaten in den Irak | mehr

Kulturnachrichten

Regisseur Dehler verlässt Störtebeker-Festspiele  | mehr

Wissensnachrichten

Soziales Lernen  Goffin-Kakadus gucken sich Werkzeugtechnik von Artgenossen ab und verbessern sie sogar | mehr