Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Wenn der Mob regiert

Vor 20 Jahren: In Rostock-Lichtenhagen kommt es zu pogromartigen Ausschreitungen

Rostock-Lichtenhagen am 23. August 1992: Randalierer reden auf Polizisten ein.
Rostock-Lichtenhagen am 23. August 1992: Randalierer reden auf Polizisten ein. (picture alliance / dpa / Wüstneck)

Rostock-Lichtenhagen am 22. August 1992: Ein rassistischer Mob belagert ein Asylbewerberheim und wirft unter dem Applaus Tausender Schaulustiger Molotowcocktails in das Gebäude. Erst nach zwei Tagen räumt die Polizei das Haus.

Als die Polizei abrückt, zieht die Menschenmenge vom "Sonnenblumenhaus" weiter zu einem ehemaligen Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter. Eine Gruppe junger Leute dringt in das Gebäude ein und setzt Zimmer in Brand. Die Menschenmenge quittiert das Geschehen mit Beifall und Gejohle. Vereinzelt wird der Hitlergruß gezeigt.

Die Bewohner hingegen flüchten verängstigt auf das Dach. Unter ihnen ist auch ein Kamerateam des ZDF sowie der damalige Ausländerbeauftragte der Stadt Rostock, Wolfgang Richter. Die Polizei zeigt sich hilflos und schreitet erst nach zwei Tagen ein.

Im Deutschlandradio Kultur erinnerte sich Richter an die damaligen Vorgänge:

"Es war genau dieser Moment, wo uns klar geworden ist: Von Polizei, von Feuerwehr können wir keine Hilfe bekommen, wenn wir uns aus diesem brennenden Haus befreien wollen, dann können wir es nur selber tun. Und der einzige Weg, der für uns offen war, war der zum Dach hoch, um dann eben über das lange Wohnblockdach aus diesem brennenden Bereich fliehen zu können"."

n der Nacht zum 27. August 1992 schirmt die Polizei das inzwischen geräumte und teilweise abgebrannte Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen ab.In der Nacht zum 27. August 1992 schirmt die Polizei das inzwischen geräumte und teilweise abgebrannte Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen ab. (picture alliance / dpa /Jens Kalaene)

"Das Boot ist voll"

In den Wochen und Monaten zuvor machten im medialen Diskurs Schlagworte wie "Das Boot ist voll", "Asylmissbrauch" oder auch "Überfremdung" die Runde. Hintergrund war der damalige enorme Anstieg der Anträge auf Asyl. Mit fast 450.000 Anträgen erreichte die Zahl der Asylsuchenden 1992 einen Höchststand.

Die medialen Kampagnen, die Angst vor "Überfremdung" schürten, begleiteten eine Welle der Gewalt gegen Ausländer, die einen ersten Höhepunkt in Rostock-Lichtenhagen erreichte, urteilte der Historiker Ulrich Herbert im Deutschlandradio Kultur:

""Es hatte vor Rostock-Lichtenhagen schon eine ganze Reihe von Überfällen mit Todesfällen gegeben. Bei Rostock hatten Rechtsextremisten ein Asylbewerberheim überfallen und einen Rumänen getötet, es hatte das in Berlin gegeben, in Stuttgart, in Thüringen. Also, schon eine ganze Reihe von Toten. Und insofern war der Pogrom Lichtenhagen, also bei Rostock, der Höhepunkt einer schon lange anlaufenden Welle."

So kam es bereits im September 1991 im sächsischen Hoyerswerda zu rassistischen Ausschreitungen. Dort belagerte fünf Tage lang eine Gruppe von Neonazis ein Heim für Vertragsarbeiter aus Mosambique.

Am 23. November 1992, drei Monate nach den Ereignissen in Rostock-Lichtenhagen, starben bei einem rechtsextremistischen Brandanschlag auf ein von türkischen Familien bewohntes Haus in der Kleinstadt Mölln in Schleswig-Holstein drei Menschen. In der Folge wurden in zahlreichen Städten Lichterketten und Schweigemärsche organisiert, um gegen rassistische Gewalt zu demonstrieren.

Als Folge der Debatte um "Asylmissbrauch" änderte der Bundestag am 26. Mai 1993 das Asylrecht und schränkte das Grundrecht auf Asyl stark ein. Nur drei Tage später verübten Neonazis einen Brandanschlag in der Stadt Solingen in NRW, bei dem fünf Menschen starben.

Drei Tage und Nächte griffen Jugendliche 1992 das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen an und wurden von bis zu 3000 Schaulustigen dabei unterstützt.Jugendliche griffen 1992 das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen an. (AP Archiv)Doch die Welle der Gewalt gegen Ausländer ebbte danach nicht ab. Noch 2006 warnte Uwe-Karsten Heye von der Aktion "Gesicht zeigen" im Deutschlandradio KulturAusländer davor, "no-go areas" in Deutschland zu betreten, denn das könnte lebensgefährlich sein. 2007 jagten Rechtsradikale eine Gruppe von Indern durch die sächsische Stadt Mügeln, ohne dass jemand einschritt. Wenn aufgrund von Bürgerprotesten irgendwo in Deutschland ein Asylbewerberheim dichtmachen musste, wurde im Jargon der Neonazis fortan zynisch von einer "national befreiten Zone" gesprochen.

Ihren (vorläufigen) traurigen Höhepunkt fand diese Entwicklung in den Morden des Neonazi-Terrortrios NSU, bei denen elf Menschen starben.

Programmtipp:
Deutschlandradio Kultur nimmt den Jahrestag zum Anlass, an die Geschehnisse zu erinnern und zu analysieren, welche Folgen das Ereignis in Deutschland hatte.
Biedermänner und Brandstifter - <br> Themenschwerpunkt im Deutschlandradio Kultur

"Links zum Thema bei dradio.de:"
Rostock entschuldigt sich bei Opfern der Ausschreitungen von 1992 - <br> Zahlreiche Gedenkveranstaltungen geplant

"So etwas konnte nur in Ostdeutschland geschehen zum damaligen Zeitpunkt" - Forscher Klaus Schröder über die Ursache des Mobs von Rostock-Lichtenhagen

Der Ausländerbeauftragte im brennenden Haus - Wie Wolfgang Richter die Pogromnächte von Lichtenhagen erlebt hat

Präventionsexperte Thomas Mücke: Mit ideologisierten Tätern muss man arbeiten - 20 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen

Aktives Wegschauen - Publizist Eberhard Seidel fordert historische Aufarbeitung des Pogroms von Rostock-Lichtenhagen

Rechte Gewalt wird oft verharmlost - <br> Amadeu-Antonio-Stiftung kritisiert Bagatellisierung rechtsextremer Straftaten

"Das Land muss sich ändern" - Ombudsfrau über das Selbstbild der Deutschen und die Bekämpfung des Rechtsextremismus

"Ich bin gegen Extremismus von beiden Seiten" - Hoyerswerdas Bürgermeister Skora über rechte Pöbeleien 20 Jahre nach den Angriffen auf Asylbewerber

Opposition kritisiert Verharmlosung von rechter Gewalt - <br> Verfassungsschutz will Koordination verbessern

Debatte über Polizei-Einsätze gegen rechte Gewalt - <br> Nach Überfall auf Linkspartei-Politiker noch keine konkrete Spur von den Tätern

Heye entfacht Diskussion über Rassismus im Osten - <br> Bischof Huber: Aussagen gehen zu weit

"Jede halbe Stunde eine Straftat mit rechtsradikalem Motiv" - Uwe-Karsten Heye: Rechtsextremismus ist "ein gesamtdeutsches Problem"

Heye: Der Rechtsextremismus ist lauter geworden - SPD-Politiker plädiert für mehr Engagement gegen Rassismus

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:57 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 05:07 Uhr Studio 9

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

SolidaritätszuschlagSteffens: Staat hält gerne an Steuern fest

Porträt von Udo Steffens

Der Ökonom Udo Steffens hält den Solidaritätszuschlag für eine versteckte Steuererhöhung, seit er nicht mehr nur für die ostdeutschen Länder eingesetzt werden muss. Im Deutschlandfunk sagte der Präsident der Frankfurt School of Finance & Management, der Staat verzichte nur ungerne auf eine einmal eingeführte Steuer.

HungerstreikPolizei löst Flüchtlingscamp in München auf

Ein Flüchtling ruft von einem Baum am Sendlinger Tor in München.

In München protestieren Flüchtlinge gegen die Art ihrer Unterbringung und den Umgang mit ihren Asylanträgen. Sie traten zunächst in den Hungerstreik. Nachdem sie nun auch nicht mehr trinken wollten, räumte die Polizei das Camp.

VerbraucherschutzEU will Google an die Leine nehmen

Mehrere Webseiten der Internet-Suchmaschine Google

Google hat eine zu beherrschende Marktstellung in Europa - das finden viele EU-Parlamentarier und stimmten deswegen heute für eine Resolution, mit der der US-Konzern aufgefordert werden soll, seine Suchmaschine neutral zu betreiben. Kritiker warnen vor übermäßigen Eingriffen in das Internet.

LiteraturKrimi-Autorin P. D. James ist tot

Die britische Schriftstellerin P. D. James bei einer Lesung in München im Jahr 2002.

Sie schrieb klassische Detektivgeschichten mit zeitgemäßen, realistischen Themen. Die britische Schriftstellerin P. D. James, Autorin von millionenfach verkauften Krimis, starb im Alter von 94 Jahren in ihrem Haus in Oxford.

Umweltbilanz von GetränkekartonsFür Händler vorteilhafte Umweltsünde

Nach der Sortierung werden die gebrauchten Getränkekartons zu großen Ballen gepresst und zwischengelagert. Anschließend erfolgt das Recycling in der Papierfabrik.

Milch oder Saft werden längst zum größten Teil in Getränkekartons verkauft, in einer laut Herstellern besonders umweltfreundlichen Verpackungsart. Umweltschützer allerdings halten die Getränkekartons für eine regelrechte Umweltsünde. Neue Zahlen der Deutschen Umwelthilfe sprechen eine eindeutige Sprache.

WuppertalChinesen auf den Spuren von Engels

Enthüllung des von der Volksrepublik China gestifteten Denkmals des Philosophen und Gesellschaftstheoretikers Friedrich Engels (1820-1895) in Wuppertal am 11. Juni 2014

Friedrich Engels ist der bekannteste Sohn Wuppertals und fast 120 Jahre nach seinem Tod noch immer ein Türöffner der Stadt für Kontakte ins Ausland. Vor allem Chinesen pilgern an die Wupper, sie drehen dort TV-Shows und investieren viel Geld.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Deutschland und Italien  wollen Transitländer von Flüchtlingen stärken | mehr

Kulturnachrichten

Britische Krimiautorin P.D. James gestorben  | mehr

Wissensnachrichten

Deodorant-Bonbon  Duft von Rosenparfum durch Süßigkeit | mehr