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Wie die Medien zwei Gangster berühmt machten

Vor 20 Jahren ereignete sich das Gladbecker Geiseldrama

Der Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner gibt am 18. August 1988 in Köln ein Interview. (AP)
Der Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner gibt am 18. August 1988 in Köln ein Interview. (AP)

Die Republik hielt damals den Atem an. Das erste Mal konnte sie live vor dem TV ein Verbrechen mitverfolgen. Nach einem gescheiterten Banküberfall nahmen zwei Männer mehrere Menschen als Geiseln. Als das Drama gewaltsam von der Polizei beendet wurde, waren drei Tote zu beklagen. Reporter waren stets vor Ort und behinderten die Arbeit der Polizei.

Am 16. August überfielen der 32-jährige Günter Degowski und der 31-jährige Hans-Jürgen Rösner eine Filiale der Deutschen Bank im nordrhein-westfälischen Gladbeck. Als die Polizei eintraf, nahmen die beiden Gangster zwei Geiseln, forderten Lösegeld und Fluchtwagen. Nach stundenlangen Verhandlungen, der Abgabe von Schüssen und einem ersten Interview mit einem Rundfunksender erhielten sie mehr als 400.000 Mark und ein Auto. Im "Radiofeuilleton" von Deutschlandradio Kultur lesen Sie die Chronologie der Ereignisse.

Der Kidnapper Dieter Degowski bedroht am 18. Aug. 1988 in Köln die Geisel Silke Bischoff mit einer Waffe. (AP Archiv)Dieter Degowski mit der Geisel Silke Bischoff (AP Archiv)Auf der Flucht vor der Polizei über Bremen, die Niederlande und Köln gaben die Medien Degowski und Rösner immer wieder Gelegenheit, ihr Verbrechen vor Mikrofonen und Kameras zu inszenieren. Interviews mit ihnen wurden unter anderem in den "Tagesthemen" der ARD und im "heute journal" des ZDF gesendet. Eine O-Ton-Collage der Sendung "Markt und Medien" im Deutschlandfunk fasste die Berichterstattung zusammen.

Udo Röbel, damals Reporter beim "Kölner Express", stieg mit in das Fluchtauto, um den Gangstern in Köln den Weg zur Autobahn zu zeigen. Zwei Geiseln, Silke Bischoff und der 15-jährige Italiener Emanuele de Georgi, sowie ein Polizist wurden von den Geiselnehmern erschossen. Beide Täter wurden zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Presserat änderte Satzung

Als Reporter für die Deutsche Presseagentur fuhr Manfred Protze damals mit einem Taxi hinter den Geiselnehmern her. Der heutige Sprecher des Presserates bezeichnete das Vorgehen für damalige Verhältnisse als normale journalistische Routine, Ereignisse von öffentlichem Interesse zu begleiten. Im Interview mit Deutschlandradio Kultur räumte er allerdings ein: "Die meisten Journalisten – mich eingeschlossen – die dieses Ereignis beobachtet haben, hatten keinen Maßstab dafür, wie gefährlich die Situation tatsächlich war." Journalisten dürften nicht zu Akteuren werden zumal in einer Situation, in der es um Leben und Tod gegangen sei, meint Protze.

Der Journalist Udo Röbel bekennt heute, die Presseberichterstattung habe "rauschartige Züge" angenommen und bezeichnet sie selbstkritisch als "Totalversagen der Medien".

Das Selbstkontrollorgan der Presse änderte nach den Ereignissen seine Satzung. Darin heißt es seitdem unter Ziffer 11 "Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens darf es nicht geben".

Gnadengesuch von Günter Degowski

Im Juni dieses Jahres hat einer der beiden Täter, Günter Degowski, ein Gnadengesuch gestellt, das nun von der Gnadenstelle des Landgerichts Essen geprüft wird. Sein Anwalt argumentierte, dass Günter Degowski nur ein Handlanger seines Komplizen Hans-Jürgen Rösner gewesen sei. Letzterer sei der eigentliche "Macher" gewesen. Die endgültige Entscheidung darüber liegt beim nordrhein-westfälischen Ministerpräsident Jürgen Rüttgers.


Programmtipp: Am 16. August können Sie ein Kalenderblatt zum Gladbecker Geiseldrama im Deutschlandfunk um 9.05 Uhr und im Deutschlandradio Kultur um 5.45 Uhr und um 11.55 Uhr hören.



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:30 Uhr

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