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"Wie konnten diese Leute so grausam sein?"

Junge Muslime lernen in Auschwitz über den Holocaust

Von Jan Kuhlmann

Der Haupteingang von Auschwitz Birkenau - bis heute ein grausiges Mahnmal gegen religiöse und menschliche Intoleranz
Der Haupteingang von Auschwitz Birkenau - bis heute ein grausiges Mahnmal gegen religiöse und menschliche Intoleranz

Gehört Auschwitz zur Identität von Migranten? Die Muslimische Jugend Deutschland hat Neuland betreten und ihre Mitglieder zum ersten Mal zu einer Reise in das einstige NS-Konzentrationslager eingeladen, um des Massenmords an den Juden zu gedenken: ein emotionaler und lehrreicher Tag.

Es ist kalt an diesem Morgen in Polen, ein Herbsttag, an dem der Nebel noch in den Straßen Krakaus liegt. Tayyib Demiroglu hat sich einen Schal umgebunden, damit er nicht so friert. Aber selbst wenn es wärmer wäre: Der 16-Jährige aus Braunschweig, ein junger Mann mit dunklen Haaren, würde sich kaum wohlfühlen. Er steigt in einen Kleinbus. Der wird ihn und andere junge deutsche Muslime von ihrer Krakauer Jugendherberge an den Ort bringen, der als Symbol für das schlimmste aller Verbrechen steht: Tayyib Demiroglu fährt an diesem Morgen nach Auschwitz.

"Man fährt natürlich hin mit dem Gedanken, dass das vor 50 Jahren, was die Menschen da erlebt haben, wirklich sehr, sehr grausam war. Und es ist durchaus bedrückend. Und wir versuchen halt alle damit selbst, wie wir es können, damit, das zu verarbeiten und unseren positiven Nutzen daraus zu ziehen, was wir da sehen und erleben werden."

Im Bus hat der Fahrer die Heizung hochgedreht, die jungen Frauen und Männer unterhalten sich nur leise. Tayyib Demiroglus Eltern kamen einst aus der Türkei in die Bundesrepublik. Ihr Sohn wurde in Deutschland geboren, er geht in die elfte Klasse eines Gymnasiums und engagiert sich bei der Muslimischen Jugend Deutschland, kurz MJD. Er möge seine türkischen Wurzeln, sagt Tayyib, trotzdem fühle er sich als Deutscher. Als er von der Reise der MJD nach Auschwitz las, meldete er sich gleich an – auch wenn er und seine Familie als Zuwanderer keine familiäre Verbindung zu diesem Teil der deutschen Geschichte haben:

"Also dass man sagen kann, das waren unsere Vorfahren, das können wir ja nicht sagen, wir kommen dann ja aus der Türkei und haben damit nichts am Hut. Aber ich finde es wichtig, wenn wir uns hier in der Gesellschaft integriert haben, also, wenn wir als integrierte türkischstämmige Deutsche, dass wir uns auch mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen; weil, wir sind ja auch ein Teil dieser Gesellschaft, und müssen auch die Geschichte nachvollziehen können und müssen auch wissen, wie wir uns dazu positionieren."

Der Islam und der Holocaust – ein komplexes Thema. Hadsch Amin al-Husseini, in den 40er-Jahren Großmufti von Jerusalem und damit ein wichtiger Geistlicher, verbündete sich mit den Nazis und traf Adolf Hitler in Berlin. Islamkritische Stimmen werfen dem Islam heute zudem Antisemitismus vor, der seine Wurzeln im Koran und bei Muhammad habe. Schon der Prophet sei brutal gegen Juden vorgegangen. Auch extremistische Muslime zitieren gerne Verse aus dem Koran, die die Juden ihrer Meinung nach in einem negativen Licht beschreiben. Tayyib Demiroglu lässt das nicht gelten:

"Ganz, ganz oft wird der Koran einfach falsch interpretiert oder er wird bewusst oder unbewusst falsch interpretiert. Und ich finde, man muss die damaligen Ereignisse auch in dem Kontext sehen, was da passiert ist. Man darf nicht einfach die Sachen aus ihren Kontexten rausreißen und dann auf heute anwenden. Ich hab persönlich, finde ich, kann man im Koran kein Antisemitismus erkennen.""

Ankunft in der Gedenkstätte Auschwitz. Aus dem Bus steigt auch Assia El-Mahmoud, eine Studentin, die ihre Haare mit einem ordentlich gebundenen Kopftuch verhüllt hat. Die 24-Jährige sitzt im Bundesvorstand der Muslimischen Jugend Deutschland. Etwa 900 Mitglieder hat die Organisation bundesweit – sie will jungen Muslimen helfen, ihr Deutschsein mit ihrer Religion zu vereinbaren. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit der Judenvernichtung. Die muslimischen Organisationen in Deutschland hätten bei diesem Thema Nachholbedarf, sagt Assia El-Mahmoud:

"Da gibt's überhaupt gar keinen Fokus auf das Thema. Weil, es ist einfach so, dass sie wahrscheinlich damit beschäftigt sind mit ihren eigenen Bedürfnissen beziehungsweise mit der Gesellschaft, in der sie leben, Hauptthema vielleicht Integration und dann die ganze Migrationspolitik. Ich glaube, dass das wahrscheinlich einer der Gründe ist, warum so etwas noch nie in Angriff genommen wurde."

Die jungen Muslime besichtigen an diesem Vormittag das frühere Stammlager Eins - rote Backsteingebäude, wenige Kilometer entfernt vom Lager Auschwitz-Birkenau, wo die Judenvernichtung ihren grausigen Höhepunkt erreichte. Johanna Pastuszka, eine ehemalige polnische Lehrerin, führt die Besucher über das Gelände. Auf Bildern, die ein SS-Offizier einst machte, ist zu sehen, wie uniformierte Deutsche die Juden nach der Ankunft im Vernichtungslager selektierten. Das sei die Hölle auf Erden gewesen, sagt Johanna Pastuszka:

"Die Familien wurden getrennt. Hier spielten sich tragische und auch heroische Szenen ab. Junge kräftige Frauen, wenn sie zugeteilt wurden in die Arbeitskommandos, mussten sich mit den Kindern trennen. Also Ausländerrampe in Birkenau war ein Platz, wo sich die Menschen das letzte Mal im Leben gesehen haben."

Seit drei Jahren führt Johanna Pastuszka deutsche Gruppen durch die Gedenkstätte. Immer wieder seien auch junge Muslime dabei, erzählt sie.

"Ich begleitete einmal Mädchen, die waren auch mit Kopftüchern und hatten auch noch die Kleidung, lange Kleider. Das war eine Klasse vor dem Abitur. Sie waren sehr gut vorbereitet, sie kannten sehr genau die Geschichte, haben auch sehr interessante Fragen gestellt."

Es sind bedrückende Stunden für die Jugendlichen. Sie sehen Überreste des Grauens: Berge von aufgehäuften Haaren, die den Häftlingen abrasiert wurden, Brillen, Schuhe und Koffer, die zurückblieben. Einmal stoßen sie auf Spuren ihres eigenen Glaubens – als Johanna Pastuszka Fotos von Häftlingen zeigt, die so abgemagert waren, dass ihre Körper nur noch aus Haut und Knochen bestanden:

"In der Lagesprache so ein Häftling hieß Muselman. Muselman-Häftling konnte auch die Anordnungen, Befehle, die Arbeit nicht ausführen. Das war ein menschliches Skelett."

Nicht alle jungen Muslime können diese Anblicke ertragen, manche müssen kurzzeitig den Raum verlassen. Zwischendurch legen sie eine Gedenkminute für die Opfer ein. Als die Gruppe am Ende das Krematorium Eins, die letzte vollständig erhaltene Gaskammer, besucht, da schießen Assia El-Mahmoud Tränen in die Augen. Die jungen Muslime treiben genau dieselben Fragen um, die alle anderen Auschwitz-Besucher bedrängen: Wie konnte so etwas passieren? Warum hat niemand das Grauen verhindert? Er glaube nicht, dass er den Holocaust mit anderen Augen sehe als ein Deutscher mit deutschen Vorfahren, sagt Sinan Oduncu, ein Gymnasiast aus Dortmund mit türkisch-arabischen Wurzeln:

"Weil ich hier in Deutschland aufgewachsen bin. Ich hatte nie diese Sicht der Türken, sag ich jetzt mal, oder der Araber. Ich glaub nicht, dass so eine Sicht anders ist. Wobei ich jetzt auch von mir sagen kann: Es waren nicht meine Vorfahren, wenn man es so will. Trotzdem fühle ich mich jetzt als Deutscher irgendwie ein bisschen schuldig, also dass mir die Leute leidtun, dass ich denke, wie konnten diese Leute so grausam sein zu der damaligen Zeit. Und es sind ja Menschen wie ich oder wie wir, egal, welcher Ethnie sie angehören."

Er fühle sich als Mensch für Auschwitz verantwortlich, meint auch Ertan Öztürk, ein studierter islamischer Theologe, der in Berlin geboren wurde:

"Da mache ich keinen Unterschied, ob ich damit jetzt kulturell, ethnisch oder religiös damit beteiligt bin, oder mittelbar oder unmittelbar. Das spielt für mich überhaupt keine Rolle. Für mich persönlich ist das sehr emotional. Alles andere ist für mich sehr, sehr nebensächlich, ob ich Türke bin, Muslim, das spielt für mich keine Rolle in erster Linie."

Nach drei Stunden geht es zurück nach Krakau. Im Bus diskutieren die jungen Frauen und Männer über das, was sie gesehen haben. In einem Punkt haben die Muslime eine eigene Perspektive: Das Schicksal der Juden erinnere sie an ihre eigene Lage als religiöse Minderheit in Deutschland. Das meint nicht nur Tayyib Demiroglu:

"Natürlich ist es nicht in dem Umfang. Aber es sind teilweise Ereignisse in der Gesellschaft, die es damals schon gab. Es gab Moscheebrände und so weiter. Und ich finde es sehr, sehr schade. Und ich hoffe, dass wir in Zukunft entgegensteuern. Aber leider sind Parallelen erkennbar, durchaus."

Tayyib Demiroglu will damit die Bundesrepublik von heute nicht mit dem Dritten Reich gleichsetzen. Gleichwohl zeigen seine Sätze, mit welchen Sorgen Muslime anti-islamische Strömungen in Deutschland verfolgen.

Dradio Aktuell 2010: Tag des Erinnerns - Gedenkfeier zum 65. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung

Kalenderblatt Januar 2010: Todesfabrik - Vor 65 Jahren befreiten sowjetische Truppen die Überlebenden von Auschwitz



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:45 Uhr

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