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"Wie krank können Menschen sein?"

Die Tochter des ersten NSU-Opfers hat das Geschehen literarisch verarbeitet

Von Claudia van Laak, Landesstudio Berlin

Semiya Simsek, Tochter des NSU-Opfers Enver Simsek (picture alliance / dpa -  Stephanie Pilick)
Semiya Simsek, Tochter des NSU-Opfers Enver Simsek (picture alliance / dpa - Stephanie Pilick)

Am 17. April beginnt in München das Verfahren gegen Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Helfer der Terrorzelle NSU. Zu den Nebenklägern gehört Semiya Simsek, die Tochter eines der Opfer. Heute erscheint ihr Buch "Schmerzliche Heimat", in dem sie den Tod des Vaters verarbeitet.

Im Verhandlungssaal wird es eng – etwa 50 Nebenkläger und ihre Anwälte werden dort Platz nehmen, unter anderen Semiya Simsek, die Tochter von Enver Simsek. Der Blumengroßhändler war das vermutlich erste Opfer des NSU.

Sie hat Deutschland verlassen, lebt jetzt in der Nähe des Bergdorfes, in dem ihr Vater einst aufwuchs. Gewiss, es war die Liebe, die sie in die Türkei gezogen hat, aber bestimmt auch das verlorene Vertrauen in die Polizei, die Justiz, die Politik. In das Land, dass sie ihre Heimat nennt – in Deutschland.

"Fühl ich mich hier noch wohl? Bin ich hier wirklich zu Hause? Seh ich das nur so oder empfinde ich das nur so oder bin ich es vielleicht doch gar nicht? Oder, sind wir Türken oder Ausländer in Deutschland sicher?"

Semiya Simseks Vater Enver kommt als Arbeitsmigrant aus der Türkei nach Deutschland, arbeitet sich hoch. Erst Schichtarbeiter am Band, dann macht er sich selbständig, verkauft Blumen, gründet einen Großhandel. Am 9.September 2000 springt er für einen Verkäufer ein, der Urlaub hat.

Acht Schüsse töten ihn aus nächster Nähe, seine Tochter Semiya ist da gerade 14 Jahre alt. Es folgen jahrelange Verdächtigungen seitens der Polizei - Enver Simsek habe mit seinen Blumen aus Holland auch Drogen transportiert. Die Ermittler arbeiten mit Unterstellungen, hören die Simseks ab. Bis heute hat sich niemand dafür entschuldigt, bedauert die Tochter.

"Das macht mich eigentlich auch wütend, anstatt zu sagen: Entschuldigung, wir haben wirklich Scheiße gebaut und möchten das für die Zukunft ändern, wir möchten mehr professionell arbeiten. Und ich bin nicht so ein Mensch, der dann sagen würde, ich nehme Ihre Entschuldigung nicht an oder so. Ich würde sagen: Aha, das freut mich, schön, dass sie jetzt was für die Zukunft ändern wollen."

2011 glaubt sie, den Tod ihres Vaters verarbeitet zu haben. Sie hat Sozialarbeit studiert, arbeitet in einem Jugendzentrum im hessischen Friedberg. Plötzlich der Schock: Neonazis haben ihren Vater ermordet. Da war einerseits Erleichterung, erzählt die 26-Jährige, plötzlich wurde die Familie nicht mehr verdächtigt. Andererseits die beunruhigende Erkenntnis, dass die Täter 13 Jahre lang unerkannt im Untergrund morden konnten. Nachdem Semiya Simsek das Bekennervideo mit Paulchen Panther gesehen hat, fragt sie sich:

"Wie krank können Menschen werden, um zu töten? Also, diese grauenhaften Taten in Bilder umzuwandeln und das mit einem rosaroten Panther noch zu schmücken und das so humorvoll zu erzählen - das muss krank sein."

Semiya Simsek wird gemeinsam mit ihrem Bruder als Nebenklägerin am Prozess gegen Beate Zschäpe teilnehmen. Sie erhofft sich Antwort auf die Frage, ob ihr Vater nur ermordet wurde, weil er schwarze Haare, einen schwarzen Schnurrbart und dunkle Augen hatte.

"War mein Vater jetzt nur Zufallsopfer? Weil er einfach ausländisch aussieht oder war es geplant?"

Das Schreiben des Buches hat Semiya Simsek geholfen, den Tod ihres Vaters zu verarbeiten. Selbstbewusst will sie im Gerichtssaal der Angeklagten Beate Zschäpe gegenübertreten. "Ich spüre keinen Hass", sagt die Tochter des ermordeten Enver Simsek.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:07 Uhr

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