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Wie wichtig ist der Produktionsfaktor Energie für Deutschland

Sommerserie in "Wirtschaft und Gesellschaft"

Von Philipp Schnee

Dampf steigt bei Sonnenaufgang aus dem Schornstein eines Industriebetriebs in Stuttgart auf. (AP)
Dampf steigt bei Sonnenaufgang aus dem Schornstein eines Industriebetriebs in Stuttgart auf. (AP)

Die Energieintensität der deutschen Wirtschaft ist im Vergleich der Industrieländer niedrig. Dennoch trägt das produzierende Gewerbe ein Drittel zum Bruttoinlandsprodukt bei und der Dienstleistungssektor ist geringer als in anderen Ländern.

So stellt man sich Industrie vor. Es ist laut, es zischt, es qualmt. Heribert Hauck öffnet eine Klappe an eine der Elektrolysezellen: Dickflüssiges, rot glühendes, 950 Grad heißes Aluminium kommt zum Vorschein. Hauck ist beim Unternehmen Trimet für das Energiemanagement zuständig. Und Energie, genauer Strom, ist die Hauptzutat, um durch Elektrolyse Aluminium zu gewinnen, sagt Hauck:

"Wenn man hier an den Eingang der Elektrolysezellen schaut, da sieht man vier Aluminiumballen - ein, zwei drei, vier. Das sind die Anschlusskabel."

Anschlusskabel? Was hier Anschlusskabel heißt, ist eine dicke Metallschiene - 60 cm breit, 15 cm hoch. Vier davon laufen in die Elektrolysezelle.

" ... die führen eine Strom von 170.000 Ampere. Also zum Vergleich, wenn Sie ihren Fön zu Hause betreiben, dann sind das fünf Ampere."

Und das für nur eine der Zellen: 120 stehen in der langen Halle hintereinander - insgesamt auf dem gesamten Werksgelände: 360 Elektrolysezellen. Stromverbrauch: zusammen mit dem Werk in Hamburg ein Prozent des gesamten Bedarfs der Bundesrepublik. Trimet sichert damit 1900 Arbeitsplätze: Die Infrastruktur, das Umfeld in Deutschland - perfekt, sagt Hauck.

"Es gibt keine wirtschaftliche Rahmenbedingungen die im Vergleich zum internationalen Wettbewerb für uns zum Nachteil wäre, nur der Strompreis."

Die Aluminiumbranche ist sicherlich ein Extremfall: Die großen exportstarken deutschen Branchen - die Autohersteller, der Maschinenbau - die Stromkosten spielen in ihrer Kalkulation eine viel geringer Rolle als etwa für Trimet, für die Strom - so Hauck - der "Grundstoff" ist. Wie also steht es um die Energieintensität der deutschen Wirtschaft insgesamt: Im Vergleich der Industrieländer ist sie niedrig, sagt Sebastian Schröer, Energieexperte vom Hamburger Weltwirtschaftsinstitut:

"Das liegt daran, dass in den vergangenen Jahren die Strompreise in Deutschland relativ hoch waren, im Vergleich zu anderen Ländern. Dadurch sind bereits verschiedene Maßnahmen durchgeführt worden, um Energie zu sparen. Was dazu geführt hat, dass die Intensität, also der Einsatz der Energie gerechnet auf Bruttoinlandsprodukt oder Produktion sehr gering ist. Insgesamt ist der Energieverbrauch in Deutschland aber relativ hoch, weil Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern eine ausgeprägte industrielle Basis hat."

Also: Die deutsche Wirtschaft ist energieeffizienter als viele andere. Andererseits: Deutschland ist noch eine Industrie-Nation, rund ein Drittel trägt das produzierende Gewerbe zum Bruttoinlandsprodukt bei. Vergleichbare Länder haben einen viel größeren Dienstleistungssektor - der weniger Energie verschlingt. Eine Kennzahl die vielleicht helfen könnte: Der Index der Energieintensität, er setzt die verbrauchte Energie ins Verhältnis zum erwirtschafteten Bruttoinlandsprodukt: Deutschland liegt hier mit einem Wert von 151 unter Frankreich und knapp über dem EU-Durchschnitt, Großbritannien mit seinem großen Finanzsektor erreicht einen Wert von 114.

Die starke industrielle Basis hat Deutschland in der Finanzkrise geholfen, meint Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Trotzdem aber habe es Deutschland geschafft, Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch zu entkoppeln. Wenn sich jetzt die Wirtschaft an die Bedingungen der Energiewende anpassen müsse, könnte das, so Kemfert, vor allem ein Wettbewerbs-Vorteil sein.

"Man muss sehen: Was sind die zukünftigen Märkte und wie sind die Unternehmen dort aufgestellt. Ob es in den Bereich energieeffizient geht, nachhaltige Mobilität oder neuer Kraftwerksbau. Das ist ja eine ganze lange Liste von Veränderungen, die sich jetzt ergeben, und da sind die Unternehmen gut aufgestellt."

Ist die Energiewende also eine Chance? Sebastian Schröer möchte noch keine eindeutige Prognose abgeben:

"Es wird Gewinner und Verlierer geben. Die Auswirkungen von Regulierungsmaßnahmen sind sehr entscheidend und daher schaut die Industrie momentan sehr gespannt auf die Maßnahmen der Politik."

Die schon einiges für konkurrenzfähige Strompreise getan hat, sagt Claudia Kemfert - und verweist auf die Befreiung von der Ökosteuer, und der sogenannten EEG-Umlage für energieintensive Branchen:

"Das sind alles Faktoren, die diese Branche überhaupt nicht belastet."

Sebastian Schröer glaubt: Wenn die Strompreise höher als im Ausland seien, werden Firmen die im internationalen Wettbewerb stehen, Schwierigkeiten bekommen - Grundstoffindustrien wie etwa die Metall-Erzeugung: definitiv. Strukturanpassungen der Wirtschaft wären die Folge:

"Es kann durchaus sein, dass wir so etwas haben werden wie England in den 80er-Jahren unter Thatcher, dass es eine massenweise Deindustrialisierung gibt, die dann aber auch sehr positiv sein kann, das hat man in England gesehen. Bis zur Finanzkrise ist England massiv gewachsen im Vergleich zu Deutschland."

Schleichende Deindustrialisierung? Heribert Hauck von Trimet sagt, für sein Unternehmen muss der Strompreis sinken, man kalkuliere jetzt schon am Limit. Claudia Kemfert vom DIW: Die Energiewende bietet mehr Chancen als Risiken. Und Sebastian Schröer: Die Warnung vor einer schleichenden Deindustrialisierung ist ihm zu platt.

"Das Thema ist einfach zu kompliziert um eine knackige These daraus zu ziehen."

Mehr zur Serie:

Wende wohin? - Die Zukunft des deutschen Energiemarktes

Zu hören wochentäglich vom 15. bis 24. August 2011 im Deutschlandfunk in der Sendung "Wirtschaft und Gesellschaft" ab 17:05 Uhr



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:44 Uhr

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