Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

"Wir hatten bis jetzt eigentlich nur bis Hitler"

Studie der FU offenbart mangelhaftes zeitgeschichtliches Wissen von Jugendlichen

Von Anja Nehls

Die DDR kommt im Geschichtsunterricht viel zu kurz. (AP)
Die DDR kommt im Geschichtsunterricht viel zu kurz. (AP)

War die DDR eine Diktatur oder eine Demokratie? 40 Prozent der Schüler können diese Frage nicht mit Sicherheit beantworten. Das hat jetzt eine Studie der Freien Universität Berlin herausgefunden. Die Bilanz: An deutschen Schulen herrscht deutlicher Nachholbedarf.

Hitler, Hindenburg, Honecker, Heinemann - wer war das gleich? Lebten die in der DDR, im Nazideutschland, in der Bundesrepublik, vor oder nach der Wiedervereinigung? Das Wissen von 15- und 16-jährigen Schülerinnen und Schülern über die jüngere deutsche Geschichte ist mehr als mangelhaft, das zeigt die Studie der Freien Universität Berlin. Die Antworten von Berliner Schülern auf die Frage: Wer war Chef der DDR von 1971 bis 1989 sind beispielhaft:

"Keine Ahnung. / Ich habe echt keinen Plan. / Weiß ich nicht. / Na, Hitler. / Konrad Adenauer. / Ich weiß es auch nicht. / War nicht Honecker auch DDR? / Doch, Honecker. Vorname komm' ich nicht drauf."

Ob die DDR unter Erich Honecker aber nun eine Demokratie oder eine Diktatur oder ganz etwas anderes war, konnten 40 Prozent der Schüler nicht einschätzen. In den Köpfen der Jugendlichen gibt es teilweise absurde Bilder von den Systemen der deutschen Zeitgeschichte, sagt Dagmar Schulze-Heuling, die die Studie mit erstellt hat

"Es gibt eine große Gruppe von Schülern, die den Nationalsozialismus zum Beispiel nicht eindeutig als Diktatur klassifizieren können. Oder nur ein gutes Drittel sagt ohne Wenn und Aber, die DDR war eine Diktatur. Auch andersherum zeigt sich dieses Bild, wo zum Beispiel große Teilgruppen von Schülern die Bundesrepublik vor oder nach der Wiedervereinigung nicht als Demokratie sehen."

Am besten schnitten noch die Schüler aus Sachsen-Anhalt und Thüringen ab, am wenigsten wussten die aus Nordrhein-Westfalen. Kein Wunder, meint die Wissenschaftlerin:

"In Nordrhein-Westfalen hatten wir, als wir unsere Untersuchungen durchführten, sogar noch Lehrpläne, die zum Teil gefragt haben, ist die Wiedervereinigung noch möglich? Und wo die DDR als echte Alternative zum kapitalistischen, marktwirtschaftlichen System dargestellt wird."

Während die Schüler in ganz Deutschland über den Nationalsozialismus noch vergleichsweise gut Bescheid wissen, kommt die DDR und die Wiedervereinigung im Geschichtsunterreicht aber kaum vor, bestätigen die Berliner Schüler:

"Nimmt nicht so viel Raum ein. Eher gar nicht. Wir haben davor über Hitlerjugend usw. geredet."

"DDR, also bis jetzt sind wir darauf noch gar nicht gekommen und es wird sonst auch immer nur so ganz kurz mal angeschnitten."

"Ja, wir hatten bis jetzt eigentlich nur bis Hitler, das war unser letztes Thema. DDR haben wir gar nicht im Unterricht behandelt."

Die Schulen müssen an dieser Stelle mehr leisten, finden die Wissenschaftler der FU. Denn nur wer etwas über zeitgeschichtliche Zusammenhänge weiß, kann sich auch ein fundiertes Urteil bilden. Für junge Menschen, die in Zukunft auch wählen können, ist das wichtig, findet Dagmar Schulze- Heuling:

"Ja, wie soll jemand sich für ein freiheitliches, demokratisches System engagieren, wie soll jemand Gefährdungen eines solchen Systems erkennen, wenn diese Person überhaupt nicht weiß, was denn überhaupt ein demokratisches System konstituiert."

Und was dazu führte, dass sich Staatsysteme im Laufe der Geschichte so oder anders entwickelt haben. Die Frage, was war am 8. Mai 1945, war deshalb auch Bestandteil der Studie.

"Nein, ich weiß nicht, was da war. Walpurgisnacht oder so? Ich weiß es nicht. Ende des zweiten Weltkrieges?"

Immerhin zwei Drittel der Schüler konnten die Frage im Rahmen der Studie richtig beantworten. Ein besteht also vielleicht, ein bisschen Hoffnung.


Mehr zum Thema bei dradio.de:
Diktatur? Demokratie? Keine Ahnung! - Schüler können nicht zwischen Nazi-Deutschland, DDR und BRD unterscheiden
Einwandererkinder holen bei Bildung auf - Bundesregierung legt 9. Bericht zur "Lage der Ausländerinnen und Ausländer" vor



Mehr bei deutschlandradio.de
 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:54 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 21:05 Uhr On Stage

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 20:03 Uhr Konzert

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 21:00 Uhr Green goes Black

Aus unseren drei Programmen

Samenspende vom gefallenen SohnEltern kämpfen für ihr Recht auf ein Enkelkind

Irit und Asher Shahar an Omris Grab (Igal Avidan)

Seit der Staatsgründung 1948 starben in Israel über 23.000 Soldaten. Deren Eltern nennt man dort "verwaist". Zwei dieser Hinterbliebenen kämpfen um ein Enkelkind von ihrem während des Militärdienstes gefallenen Sohnes.

Wunschlisten vor SondierungsgesprächenDie finanzielle Spielraum ist enger als gedacht

Zahlreiche verschiedene Geldscheine. (dpa/picture-alliance/Daniel Reinhardt)

Wenn jetzt über die Bildung einer Regierungskoalition verhandelt wird, dann geht es auch darum, welche Steuern vielleicht gesenkt werden oder wo Ausgaben erhöht werden können. Wenn alle Ideen umgesetzt würden, könnten die Kosten bei bis zu 180 Milliarden Euro liegen - so viel Geld gibt es aber nicht.

Literaturscouts in New YorkAuf der Suche nach dem nächsten Bestseller

Buchladen in Williamsburg, Brooklyn, New York (imago/UIG)

Was sich in den USA verkauft, funktioniert meist auf der ganzen Welt. Also schicken Verlage Literaturscouts besonders nach New York, dem Mekka der nordamerikanischen und internationalen Literatur. Die Scouts haben feine Spürnasen und sind vor allem eines: schnell.

EU-Türkei-Beziehungen"Es gibt nichts Wichtigeres, als die Gesprächskanäle offenzuhalten"

CDU-Politiker und MdB Detlef Seif spricht im Bundestag am Mikrofon (dpa/picture alliance/Michael Kappeler)

Der CDU-Europapolitiker Detlef Seif begrüßt die Kürzung von Zahlungen an die Türkei durch die EU. Gleichzeitig warnt er davor, die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei komplett abzubrechen. Man müsse im Dialog bleiben.

Skulptur "Domestikator" vom Atelier van LieshoutEin Kunstwerk sorgt für Empörung

Die Skulptur "Domestikator" des Künstlers Joep van Lieshout (imago / Emeric Fohlen)

Eigentlich sollte die Skulptur "Domestikator" während der Pariser Kunstmesse FIAC vor dem Louvre zu sehen sein. Das Museum verbot dies. Die Holzplastik sei eine "brutale Vision", hieß es von Seiten des Museums. Ein Skandal?

PsychologieWie Du bestimmst, was Du träumst

Eine junge Frau schläft (imago/stock&people/Westend61)

Australische Psychologen haben herausgefunden, was man tun kann, um die Chancen für sogenannte Klarträume zu erhöhen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Jamaika-Sondierungen  Erste Gespräche in großer Runde | mehr

Kulturnachrichten

Prix Europa vergibt 14 europäische Medienpreise  | mehr

 

| mehr