Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

"Wir wollen ein Land sein, das offen ist"

Bundespräsident Gauck gedenkt der Opfer der Pogromnacht

Bundespräsident Joachim Gauck hat heute in Eberswalde der Opfer der Pogromnacht gedacht (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Bundespräsident Joachim Gauck hat heute in Eberswalde der Opfer der Pogromnacht gedacht (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Bundespräsident Joachim Gauck hat am 75. Jahrestag der judenfeindlichen Pogrome in Deutschland der Opfer gedacht. In Eberswalde weihte er ein Denkmal ein, das auf dem Grundriss einer niedergebrannten Synagoge steht. Auch in vielen anderen deutschen Städten gab es Gedenkveranstaltungen.

Wo früher die Synagoge war, wachsen jetzt Bäume in Eberswalde in Brandenburg. Daher kommt auch der Name der Gedenkstätte: "Wachsen mit Erinnerung". In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 hatten Nationalsozialisten die Synagoge dort angezündet.

Bundespräsident Gauck mahnte bei der Einweihung des Denkmals einen stärkeren Zusammenhalt der Gesellschaft an. "Wir wollen ein Land sein, das offen ist", sagte er. Menschen dürften nicht in wertvolle und weniger wertvolle Menschen eingeteilt werden. Am Abend hielt der Bundespräsident in Frankfurt (Oder) dann eine Festrede vor einem Gedenkkonzert des Brandenburgischen Staatsorchesters. Darin warnte er vor der Ausbreitung rechtsextremen Gedankenguts. "Wir müssen verhindern, dass Hass und Rassenwahn von neuem die Gehirne vernebeln und die Herzen verderben. Und schließlich: Wir müssen uns selber hindern wegzuschauen, wann immer und wo immer dies geschieht."

In Berlin haben etwa 1000 Menschen an einem Schweigemarsch teilgenommen. Darunter auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der Abgeordnetenhaus-Präsident Ralf Wieland sowie Kardinal Rainer Maria Woelki und der evangelische Bischof Markus Dröge. Sie hoben das "unermessliche Leid" durch die Verbrechen der Nationalsozialisten hervor. Zugleich dankten sie der jüdischen Gemeinschaft für ihr wachsendes Engagement in Deutschland. In der Hauptstadt gab es außerdem zahlreiche andere Gedenkveranstaltungen.

In Berlin haben etwa 1000 Menschen an einem Schweigemarsch anlässlich des Jahrestages der Pogromnacht teilgenommen. (Bild: picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)

In Berlin haben etwa 1000 Menschen an einem Schweigemarsch anlässlich des Jahrestages der Pogromnacht teilgenommen. (Bild: picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)


Zentralrat der Juden wünscht sich mehr ehrliche Anteilnahme

Aus Sicht des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, ist in Deutschland häufig nur noch ritualisierte Betroffenheit über die Ereignisse vom 9. November 1938 anzutreffen. Graumann sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", er wünsche sich von den Deutschen eine "ehrliche, emotionale Anteilnahme". Für die jüdische Gemeinschaft seien Schmerz, Trauer und die Erinnerung an die mehr als sechs Millionen Opfer dauerhaft.

Zuvor hatte bereits US-Präsident Barack Obama an die Pogromnacht vor 75 Jahren erinnert. Sie habe das systematische Massaker an sechs Millionen Juden und Millionen anderer unschuldiger Opfer vorausahnen lassen, erklärte Obama in Washington. Er rief dazu auf, den Jahrestag als Anlass zu nehmen, um gegen "Antisemitismus und Intoleranz" die Stimme zu erheben. Es gelte, für alle Zeiten zu sagen: "Niemals wieder".

Zerstörung vom 9. November lange als "Reichskristallnacht" verharmlost

Zerstörte SynagogeIn der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 hatten die Nationalsozialisten in Deutschland und Österreich innerhalb weniger Stunden rund 1.400 Synagogen, tausende jüdische Geschäfte, Arztpraxen, Betriebe und Wohnhäuser zerstört. Mindestens 91 Menschen wurden getötet. Das Nazi-Regime hatte von einer "spontanen Welle des Volkszorns" gesprochen, tatsächlich waren jedoch vor allem organisierte Sturmtrupps von SA und SS für die Zerstörung verantwortlich, die lange als "Reichskristallnacht" verharmlost wurde.

In den Tagen nach dem 9. November hatte die systematische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten begonnen. Allein am darauffolgenden Tag wurden rund 30.000 jüdische Männer in die Konzentrationslager Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald deportiert.

Mehr zum Thema auf dradio.de:

Niemand ist frei von unbewusst gepflegten Vorurteilen - Es lohnt sich, kulturellen Antisemitismus zu bekämpfen
"Zerstreuungskino ist auch ein politisches Kino" - Der Leiter des Berliner Zeughauskinos über eine Filmreihe zur Reichspogromnacht
Dokumentation des Grauens - Ausstellung anlässlich des 75-jährigen Jahrestages der Reichspogromnacht
Die Kirchen in Deutschland und der 9. November - Späte Aufarbeitung ihrer Rolle in der NS-Zeit
Verbalnoten und Bruchstücke - Die Novemberpogrome 1938 in Diplomatenberichten aus Deutschland
Es brennt immer noch - 75 Jahre nach den Novemberpogromen von 1938

 

Letzte Änderung: 14.11.2013 23:12 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Deutschlandfunk aktuell

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Tonart

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Nach der Bundestagswahl Alle Demokraten sind herausgefordert

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) steht am 24.09.2017 in Berlin in der Parteizentrale der CDU auf der Bühne. Merkel reagierte bei der Wahlparty der CDU auf die Veröffentlichung der Hochrechnungen zum Ausgang der Bundestagswahl 2017.  (dpa / picture alliance / Boris Roessler)

Der Einzug der AfD in den deutschen Bundestag fordere alle Demokraten heraus, kommentiert Dlf-Chefredakteurin Birgit Wentzien. Das Parlament werde mit Abgeordneten umgehen müssen, die rassistische Parolen nicht scheuen. In dieser Situation sei der künftige Bundestagspräsident besonders gefordert.

Down-Syndrom und Wahlrecht Julian Peters will wählen - und darf nicht

Julian Peters an seinem Smartphone (privat)

Julian Peters darf bei der Bundestagswahl nicht seine Stimme abgeben, weil er das Down-Syndrom hat und eine gesetzliche Betreuung in allen Angelegenheiten. Ist das gerecht?

Reaktionen auf die Wahl - im NetzEmpörung vs. Euphorie

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) steht am 24.09.2017 in Berlin in der Parteizentrale der CDU auf der Bühne. (dpa-Bildfunk / Michael Kappeler)

Im Netz wird seit 18 Uhr mit Leidenschaft über die ersten Ergebnisse der Bundestagswahl debattiert - auf Twitter ebenso wie bei Facebook oder bei Instagram. Der Tenor: Viel Enttäuschung bei den Verlierern, euphorische Stimmung bei AfD als neuer drittstärkster Kraft.

Ausstellung über den SchlafVom subversiven Potenzial des Schlummerns

Ein Mann schaut sich in Bremen im Paula Modersohn-Becker Museum das Bild "Reclining Nude" aus dem Jahr 1952 von William Copley an. Das Bild hängt in der Ausstellung "Schlaf - Eine produktive Zeitverschwendung" (dpa / Carmen Jaspersen)

Der Schlaf ist ein uraltes Thema, sowohl in der Philosophie als auch in der Kunst. Die Bremer Museen Böttcherstraße widmen ihm nun eine Ausstellung - und die überrascht.

Vor der Wahl"Es gibt eine allgemeine Stimmung der Ängstlichkeit"

Blick auf ein idylisches Örtchen im Sonnenschein mit Kirche (imago / Rüdiger Wölk)

Was bewegt die Bürger in Deutschland? Um das zu erfahren, ist der Journalist und Schriftsteller Thomas Medicus quer durchs Land gereist: vom Tegernsee nach Flensburg und von Görlitz nach Aachen. Viele seien verunsichert, sagte Medicus im Dlf. Hinzu käme die Angst vor dem sozialen Abstieg.

Beuys konservieren Von der Schwierigkeit einen Fettfleck zu erhalten

Ein Porträt von Joseph Beuys (1921-1986), Aufnahme circa 1985. (imago/Leemage)

Stillstand ist das Ziel von Konservatoren und Restauratoren in der bildenden Kunst. Gerade bei moderner Kunst kann das zu einer Herausforderung werden: Ein Werk von Joseph Beuys zu erhalten ist durchaus eine besondere Aufgabe.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Bundestagswahl  Union stärkste Kraft, SPD will in die Opposition | mehr

Kulturnachrichten

Menschenrechtspreis für "Gruppe Caesar"  | mehr

 

| mehr